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Frankfurter Allgemeine Zeitung (Ausgabe vom 3.8.2010)

                                  Wewering lernt seine Lektion

Der Champion der Trabrennfahrer holt sich mit Unikum den achten Derbysieg

(H.Lingk)

BERLIN.  Dass die deutschen Traberfans Heinz Wewering bewundern wie keinen anderen Sulkyfahrer, ist erklärbar. Denn obwohl der Sportler bereits 60 Jahre alt ist, reagiert er im Rennen schneller als seine Konkurrenten auf jede plötzlich auftretende Situation. Rund 50.000 Starts hat der erfolgreichste Trabrennfahrer der Welt bisher bestritten und 16.349 Mal gewonnen – ein riesiger Erfahrungsschatz, der ihn die Entwicklung eines Rennens intuitiv vorausahnen lässt. So auch bei seinem Derby-Sieg am Sonntag in Berlin. Mit dem dreijährigen Hengst Unikum überließ der Routinier die Führung zunächst den Gegnern und versteckte sich mit seinem Pferd auf der ersten Runde im Mittelfeld. Diese unauffällige und geschonte Fahrweise war die Basis für Wewerings Erfolg. Denn selbst als die zehn Derby-Finalisten beim Kampf um 240.000 Euro Preisgeld im höllischem Tempo aus der letzten Kurve schossen und der Zielpfosten für die vermeintlichen Favoriten bereits in Sichtweite lag, war mit Wewerings Außenseiterhengst Unikum noch nicht annähernd zu rechnen.



Bis zum letzten Moment hielt der 29-malige Deutsche Meister sein Pferd im Windschatten der Gegner – und dann waren beide plötzlich da. Die wichtigste Entscheidung – nämlich seinen Traber so lange wie nur irgend möglich zu schonen – hatte der Meisterfahrer schon im Vorfeld seines achten Derbysieges getroffen. Denn eine Woche zuvor hatte sein Hengst Unikum beim Derby-Vorlauf nur den zweiten Rang belegt und wäre auf dem Weg ins Finale beinahe gescheitert. Nach ständiger Führung waren Unikums Beine auf den letzten Metern müde geworden und der Hengst zeigte sich mit dem Rennverlauf an der Spitze des Feldes völlig überfordert – Wewering wusste daher, dass er mit seinem Pferd beim großen Finale eine gänzlich neue Taktik anwenden muss. „Die bittere Niederlage beim Vorlauf  war die entscheidende Lektion“, sagt Heinz Wewering im Rückblick und erklärt: „Dieser zweite Platz führte uns letztendlich zum Derby-Erfolg. Denn es war der entscheidende Warnschuss, der uns aufhorchen ließ.“

Diese Analyse kennzeichnet zugleich die Denkweise des Weltklassefahrers, die sich vom überschwänglichen Siegestaumel mancher seiner Gegner grundlegend unterscheidet. Denn Wewering sagt über seine Karriere: „Ich habe viele bedeutende Rennen gewonnen und empfindliche Niederlagen erlitten. Und wenn ich beides gegeneinander abwäge, dann haben mich die Niederlagen sogar am meisten geprägt. Denn sie halten mich mit den Füßen am Boden – und sie zeigen mir neue Wege auf. Jede Niederlage bietet die Chance auf Veränderung. Nur wenn man verliert weiß man, was beim nächsten Rennen zu ändern ist.“ Dass Wewering aber auch die großen Erfolge nicht kalt lassen, wurde unmittelbar nach seinem achten Derby-Triumph ersichtlich. Bei der Siegerehrung, als ihm die 12.000 Berliner Zuschauer wie aus einer Kehle frenetisch zujubelten, hatte der Meisterfahrer, den im Rennen nichts aus der Ruhe bringt, sichtlich Mühe, seine Freudentränen zu unterdrücken. Für einen Moment versagte dem sonst so souveränen Sulkysportler plötzlich die Stimme. Als er sie wiederfand, sagte Wewering dann genau die Worte, die seine Fans von ihm hören wollten: „Ich glaube, ohne die großartige Unterstützung des Publikums und die Anfeuerungsrufe wäre dieser Sieg nie möglich gewesen!“

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Frankfurter Allgemeine Zeitung (Ausgabe vom 26.7.2010)

                           Der Bad Boy des Sulkysports wird brav

Benjamin Hagens Karriere spiegelt das schnelle Auf und Ab bei den Trabern

(H.Lingk)

BERLIN.  Seine berufliche Laufbahn als Sulkyfahrer begann mit einem Drama. Es war das Jahr 1992 und Benjamin Hagen sollte als bester Berliner Nachwuchssportler auf der Trabrennbahn in Mariendorf – der Austragungsstätte des Deutschen Derbys – ausgezeichnet werden.  Doch der vermeintlich schönste Moment im Leben des ambitionierten Lehrlingsfahrers wurde zu einem Trauertag. „Mein Vater Hans lag damals mit Herzproblemen im Krankenhaus“, erinnert sich der heute 38 Jahre alte Hagen. „Ich wollte ihn nicht alleine lassen, doch er war sehr stolz auf mich und sagte: „Du musst unbedingt zur Ehrung gehen. Keine Sorge, mir wird nichts passieren.“ Also fuhr ich zur Rennbahn.“ Es waren die letzten Worte, die der junge Sportler jemals von seinem Vater hören sollte, der unmittelbar nach der Championats-Ehrung seines Sohnes in der Klinik verstarb.

Seinen vier Kindern – die aus fünf verschiedenen Ehen stammen – hat Hagens Vater, der in der ehemaligen DDR als Schriftsteller und Drehbuchautor sehr bekannt war, viele Züge seiner schillernden Persönlichkeit vererbt. Dem jüngsten Sohn Benjamin, der in seiner Anfangszeit als Trabrennfahrer bei allen Kollegen als zwar hochtalentierter, aber extrem schwieriger und exzentrischer Sportler galt, genauso wie der 17 Jahre älteren Nina. Zwischen der schrillen Rock-Sängerin und ihrem sulkyfahrenden Bruder besteht heute ein eher sporadischer, aber freundschaftlicher Kontakt. „Das war nicht immer so“, lässt Benjamin Hagen seine Kindheitstage Revue passieren. „Ich habe sie als kleiner Junge sogar manchmal gehasst. Ich war eifersüchtig und dachte, sie wolle mir den Vater wegnehmen.“



Meist gab es also richtig Zoff zwischen den Beiden – obwohl die bereits erwachsene Nina bei ihren Familienbesuchen für den kleinen Bruder immer liebevolle Geschenke, wie zum Beispiel Spielzeugautos, im Handgepäck dabei hatte. „Vielleicht wären ja Spielzeugpferde viel besser gewesen“, schmunzelt der Sulkyfahrer. Denn es brauchte zwar noch eine Weile – aber dann wurden die Vierbeiner tatsächlich zu seinem Leben. Bei der Derby-Woche in Berlin, die noch bis zum 1. August andauert und eines der größten Ereignisse des europäischen Trabrennsports ist, gehört Benjamin Hagen mittlerweile zu den Stars. Kein Wunder angesichts seiner persönlichen Bilanz: Bei bisher 216 Starts in dieser Saison steuerte der Sportler seine Pferde 125 Mal auf Sieg oder Platz. Mit dieser Erfolgsausbeute von 58,7 Prozent hat sich Hagen in der Top Ten der besten deutschen Trabrennfahrer weit nach vorne gearbeitet und liegt hinter Konkurrenten wie Heinz Wewering, Roland Hülskath und Michael Nimczyk auf dem achten Rang der Wertung.

Die Zeiten, in denen der Berliner – ähnlich seiner Schwester – in erster Linie durch plötzliche Wutausbrüche oder hämische Kollegenschelte in den Vordergrund trat, scheinen ohnehin vorbei zu sein. „Ich danke den Rennstallbesitzern sehr herzlich, dass sie mir die Chance geben, ihre Traber zu steuern“, sagt Hagen ganz artig. Seine eigenen herausragenden Leistungen, wie etwa der zweite Platz mit einem Riesenaußenseiter am vergangenen Sonntag in München beim Criterium der Vierjährigen um 30.000 Euro Preisgeld, spielt er brav herunter: „Mit guten Pferden fällt es nicht schwer, zu glänzen.“ Im Vergleich zu seinen wilden Anfangsjahren klingt es wie der Beginn einer neuen Bescheidenheit. „Ich bin ja mittlerweile zweifacher Familienvater, da wird man zwangsläufig ruhiger“, lächelt der ehemalige Bad Boy des deutschen Trabrennsports verschmitzt.

Dass Hagen die Erfolgsleiter des Trabrennsports mittlerweile so hoch erklommen hat, überrascht den Berliner selber ein bisschen. Denn dass der Sulkysport kein einfacher Beruf ist und von einem ständigen Auf und Ab beherrscht wird, musste der Rennfahrer gleich zu Beginn seiner Laufbahn erfahren. Sein damaliger Chef, der Berliner Trabertrainer Burkhard Sternberg, teilte ihm eines Tages wie aus heiterem Himmel mit: „Ich habe leider zuwenig Pferde im Stall. Ich muss Dich entlassen.“ Der junge Mann war am Boden zerstört. Doch das Schicksal meinte es gut mit ihm. Denn am nächsten Tag fand eine große Jährlings-Auktion auf der Rennbahn statt. Der Clou: Für ihr Höchstgebot bekamen die noblen Gäste neben dem ersteigerten Traber noch eine Flasche Champagner dazu. „Das mit dem Schampus muss wohl der entscheidende Punkt gewesen sein.“, sagt Benjamin Hagen und schmunzelt: „Ein steinreicher Multimillionär kaufte gleich ein Dutzend Pferde und gab sie meinem Chef ins Training – eigentlich nur, weil seine Frau und seine Begleiter ständig Durst hatten.“ Noch am gleichen Abend erhielt er einen neuen Arbeitsvertrag.

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Frankfurter Allgemeine Zeitung (Ausgabe vom 24.7.2010)

                                          Der Erfolgszähler tickt

Bei der Derbywoche der Traber in Berlin tritt Heinz Wewering gegen seine jungen Bewunderer an

(H.Lingk)

BERLIN.  Mit dem Begriff „Alt-Meister“ kann er sich noch nicht so recht anfreunden. „Natürlich wird man nicht jünger und die Uhr schreitet voran“, sagt Heinz Wewering. „Doch es macht mir keine Sorgen: Wenn ich gesund bleibe, will ich noch mindestens zehn weitere Jahre Rennen fahren.“ Wewerings gelassener Gesichtsausdruck bestätigt seine optimistischen Worte. Und nicht die Uhr, sondern vor allem der Zähler des Erfolges scheint dabei im Hintergrund zu ticken. Denn die gewaltige Karrierebilanz des siegreichsten Trabrennfahrers der Welt schwillt, wie von einer unaufhörlichen Kraft angetrieben, mit jedem Tag weiter an. Exakt 16.342 Rennen hat Wewering bisher mit seinen Pferden gewonnen – eine Summe, die kaum glaublich klingt. 

Manchmal kommt diese Zahl dem gebürtigen Westfalen, der im Januar seinen 60. Geburtstag gefeiert hat, selber unwahrscheinlich vor. „Ich habe wohl Glück gehabt“, sagt der Sulkyfahrer. „Ich konnte das, was mir am meisten lag, zu meinem Beruf und zur Lebensaufgabe machen.“ Doch es ist weit mehr als nur angeborenes Talent, was hinter Wewerings Erfolgsstatistik steckt. Keiner seiner Gegner hat das taktische Gespür und das Einfühlungsvermögen wie er – und keiner bewältigt Krisen schneller. Als in den vergangenen Wochen erste Sandkörner ins Getriebe seiner langjährigen Zusammenarbeit mit der norddeutschen Rennstallbesitzerin Marion Jauß gerieten, zog Wewering sofort die Reißleine und konstatierte: „Es war Zeit für eine Veränderung.“ Ähnlich wie beim Transfer eines Champions-League-Spielers vollzog sich der Wechsel nahtlos. Schon ab 1. August wird Wewering die Pferde des Berliner Industriellen Ulrich Mommert und seines Gestüts Brammerau trainieren.



Berlin ist in den kommenden Tagen ohnehin das unmittelbare Ziel seiner Aktivitäten. Denn bei der Derby-Woche, die vom 24. Juli bis zum 1. August auf der im Süden der Hauptstadt gelegenen Trabrennbahn Mariendorf stattfindet und bei der es für die Sulkyfahrer in den achtzig auszutragenden Rennen um Preisgelder von über 800.000 Euro geht, tritt Wewering als einer der großen Favoriten an. Gegen Konkurrenten, die in aller Regel nur halb so alt wie er selber sind und für die er trotz ihrer eigenen Erfolge immer noch das große Vorbild ist. Eine von ihnen ist Marisa Bock – die erste Frau in der Geschichte des deutschen Trabrennsports, die jemals in die Top Ten dieser Männerdomäne eindrang. Die 29-Jährige verfügt über einen sensationellen Schnitt: In dieser Saison belegte Marisa Bock bei 67 Prozent ihrer Starts entweder Sieg oder Platz. Über Wewering urteilt die schwarzhaarige Amazone dennoch nicht wie über einen Gegner: „Seine Stärke im Rennen ist die Ausgeglichenheit und Ruhe. Und als Mensch ist er immer mit den Beinen auf dem Boden geblieben. Das ist das, was ich in ihm sehe - für mich ist Heinz Wewering in erster Linie ein Freund.“

Weitaus weniger emotional, aber trotzdem voller Respekt spricht Benjamin Hagen über seinen Gegenspieler:  „Wewering ist trotz seines Alters unschlagbar. Wenn er im Sulky sitzt, kommt keiner an ihm vorbei.“ Der 38-jährige Halbbruder von Nina Hagen ist es gemeinsam mit den meisten seiner Kollegen gewohnt, im Schatten des sportlichen Leitwolfs zu stehen. Obwohl Hagen als Berliner Lokalmatador auf viele ansehnliche Erfolge verweisen kann und schon als Lehrling selber Trabrenn-Champion war. Ein Sulkyprofi mit einem ungewöhnlichen familiären Hintergrund – denn ähnlich dem Werdegang seiner Halbschwester Nina deutete zunächst nichts auf seine spätere Karriere als Trabrennfahrer hin.

Benjamin Hagens Vater Hans, der als aktiver Widerstandskämpfer im Todestrakt der Nazis gesessen hatte, war einer der bekanntesten Schriftsteller und Drehbuchautoren der DDR. Ein unbequemer Mann, der auch auf dem linken Auge nicht blind war und aufgrund seiner kritischen Haltung aus der SED ausgeschlossen wurde. Natürlich versuchte Hans Hagen, seiner Tochter Nina und ganz besonders seinem jüngsten Sohn Benjamin diese Werte mitzugeben. Doch der setzte eigene Akzente. Der Sportler: „Als ich als Heranwachsender die Rennbahn entdeckte, begann auch für meinen Vater – eher notgedrungen – ein neuer Abschnitt. Fortan schleppte ich ihn zu jeder Veranstaltung mit.“ Der Traum, eines Tages bei der wichtigsten deutschen Rennwoche gegen den Weltmeister Heinz Wewering anzutreten, setzte sich schon damals in ihm fest. Nun wird diese Vision wahr – und wenn Wewering dann am Ende wieder der Sieger ist, wird er es verschmerzen können. Weil es ja meist so ist.

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Financial Times Deutschland (Ausgabe vom 2.2.2010) 

                               Nur die Nationalität überrascht nicht

Mit einem Franzosen als Sieger des Prix d'Amérique hatte man in Paris gerechnet. Aber nicht mit diesem.

(H.Lingk)

PARIS.  Zbigniew Boniek kann auf eine ruhmreiche Karriere zurückblicken. Der prominenteste polnische Fußballspieler aller Zeiten stand 80-mal für die Nationalelf seines Landes auf dem Platz. Der Mittelfeldstar führte sein Team zum dritten Rang bei der WM 1982, er kickte für Juventus Turin und AS Rom gemeinsam mit Spielern wie Michel Platini, Claudio Gentile und Paolo Rossi.

Am Wochenende nutzten dem mehrmaligen Europapokalsieger all diese Meriten nichts. Boniek steckte in Paris eine deftige Niederlage ein - nicht auf dem grünen Rasen, sondern im Sulky. Denn der 53-Jährige hat seit langem eine große Leidenschaft: schnelle Rennpferde. Sein aus Deutschland stammender Traber Joél Cortina war für die Nobelpiste in Vincennes allerdings nicht flink genug: Im Critérium de Vitesse um 16.000 Euro Preisgeld gingen Boniek und sein Hengst am Ende unter.

Das Critérium de Vitesse war nur eine finanziell unbedeutende Prüfung im Vergleich zu dem mit 1 Mio. Euro dotierten Prix d'Amérique, der am Sonntag in Paris im Mittelpunkt stand. Doch der Sulkyauftritt Bonieks untermauert den gesellschaftlichen Stellenwert, den das wichtigste Trabrennen der Welt hat. Am Amérique-Tag geht es um edle Pferde und viel Geld - aber vor allem darum, gesehen zu werden. Während 40.000 Zuschauer auf der offenen Tribüne mit Wind und Kälte kämpfen, sind die sündhaft teuren Restaurants in den oberen Etagen des Stadions schon Monate vorher ausverkauft. Denn hier nehmen Filmstars wie Catherine Deneuve, Alain Delon und Sophie Marceau Platz.

Die Franzosen setzen nicht nur alljährlich über 8 Mrd. Euro auf Pferde. Sie sind zudem gewohnt, ihre nationalen Sulkyhelden siegen zu sehen. So war es auch diesmal. Die Franzosen Sébastien Ernault, Pierre Vercruysse und Pierre Levesque belegten die ersten drei Plätze. Und dennoch war das Resultat die größte Sensation in der Geschichte dieses Rennens. Denn den für unschlagbar gehaltenen Favoriten und Titelverteidiger Meaulnes du Corta, der am Ende nur Dritter wurde, hatte das Pariser Publikum natürlich auf der Rechnung - aber an einen Sieg des Riesenaußenseiters Oyonnax hatte niemand geglaubt.



Selbst sein Fahrer Ernault nicht. "Ich bin am Tag zuvor 32 Jahre alt geworden - und überhaupt das erste Mal am Amérique teilnehmen zu dürfen war für mich sowieso schon das schönste Geschenk!" Dass es mit einem Sieg enden würde, hatte der Franzose nie geglaubt. Im Rennen sah es lange nicht danach aus. Denn Ernault saß mit seinem Pferd bis 600 Meter vor dem Ziel im Mittelfeld fest: "Ich dachte nie, dass wir noch eine Lücke finden." Doch plötzlich war die entscheidende Passage da, und der Außenseiter stürmte zur 173-fachen Siegquote zum Triumph.

Nur um wenige Längen geschlagen, sorgten der Hengst Russel November und sein Fahrer Hugo Langeweg für das beste deutsche Ergebnis seit Langem. Sechs Jahre lang war hier kein deutscher Traber mehr an den Start gegangen. Und anfangs sah es auch am Sonntag nicht gut aus. Denn Russel November, der 2006 das Deutsche Traber-Derby in Berlin und anschließend über 1,2 Mio. Euro Preisgeld bei seinen europaweiten Rennen gewonnen hatte, lag nach verpatztem Beginn am Ende des 18-köpfigen Teilnehmerfelds. Doch der Hengst und sein Fahrer starteten eine grandiose Aufholjagd, die sie bis auf den fünften Rang führte. Es war eine Glanzleistung, vergleichbar der des Siegers. Dabei war noch mehr möglich: "Mein Pferd", klagte Langeweg, "wurde am Start durch einen Gegner irritiert und fiel weit zurück, sonst wäre noch viel mehr drin gewesen."

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Frankfurter Allgemeine Zeitung (Ausgabe vom 6.1.2010)

                                          Vielarbeiter im Sulky

 Der Goldhelm sitzt fest: Michael Nimczyk widerlegt den eigenen Vater

(H.Lingk) 

WILLICH.  Seit zwölf Monaten trägt Michael Nimczyk einen golden glitzernden Sturzhelm. Das symbolische Merkmal des Champions, des siegreichsten deutschen Trabrennfahrers – zugespitzt: das Gelbe Trikot des Sulkysports. Der strahlende Kopfschutz wird den 23-Jährigen aus Willich, einer 50.000-Einwohner-Stadt am Niederrhein, auch in der Saison 2010 begleiten. Doch Michael Nimczyks erster Glückwunsch gehörte seinem Gegner. „Roland Hülskath hat sich wirklich großartig verkauft. Was mich besonders freut: Unser Wettstreit ist das ganze Jahr über stets sauber und fair geblieben“, sagte der Trabrennfahrer, nachdem er seinen Triumph am Stichtag 31. Dezember endgültig unter Dach und Fach gebracht hatte.

Für seinen erneuten Titelgewinn hat Nimczyk ein gewaltiges Pensum abgeleistet. In der abgelaufenen Saison gab es bundesweit kaum einen Renntag, an dem er nicht in den Sulky stieg. Egal, ob auf den Bahnen in Berlin, Hamburg oder Gelsenkirchen – der Sulkyfahrer war mit seinen Pferden immer dabei. Exakt 957 Mal ging Nimczyk mit seinen Trabern an den Start und erzielte neben seinen 166 Siegen weitere 480 Plazierungen. Eine Bilanz, die sich auch anhand des gewonnenen Preisgelds messen lässt. 310.283 Euro Prämie sprangen für den Mann im orange-weißen Renndress heraus – einen smarten Erfolgstyp, der sich in der Öffentlichkeit zu verkaufen weiß und zähen Leistungswillen auf unterschiedlichen Gebieten mitbringt. Als fußballverrückter Teenager wollte Nimczyk ursprünglich den grünen Rasen erobern und hat es sogar bis ins Sichtungstraining beim Bundesligisten Borussia Mönchengladbach gebracht. Doch die Leidenschaft für die Pferde war letztendlich stärker.



Eine Leidenschaft mit familiärem Hintergrund: Michael Nimczyks Vater Wolfgang übt den Beruf des Trabertrainers schon seit 30 Jahren aus. Eine Profession, die man nicht über Nacht erlernt, sondern deren Basis eine dreijährige Ausbildung in Theorie und Praxis ist. Ein Fachberuf mit einer offiziellen amtlichen Bezeichnung: Pferdewirt mit Schwerpunkt Trabrennsport  Doch obwohl Wolfgang Nimczyk, der seine Aufmerksamkeit gezielt auf die Vorbereitung der Pferde und weniger auf die eigenen Fahrten im Sulky legt, als ein sehr erfahrener Mann gilt – was sein bundesweiter zweiter Platz mit 84 Saisonsiegen in der Trainerstatistik 2009 beweist – war der Senior zunächst alles andere als begeistert, als sein Sohn den gleichen Lebensweg ergreifen wollte. „Mein Vater hat mich zwar schon als kleinen Jungen im Fohlenwagen mitgenommen“, erinnert sich Michael Nimczyk. „Doch als er von meinen Plänen hörte, hat er sich große Sorgen gemacht, ob es wirklich das Richtige für mich ist. Denn er wusste natürlich, dass die Beschäftigung mit den Pferden keine Zeit für andere Dinge lässt und das Jahr aus 365 Tagen Arbeit besteht.“ Zudem war Nimczyks Vater klar, dass sich nur die besten Trabrennsportler wirtschaftlich behaupten können, zumal Trab – wie Turf – schon bessere Zeiten erlebt haben. Diese Sparten des Pferdesports leiden vor allem unter dem Siegeszug des Internets auf dem Wettmarkt – weil dadurch das Geld an den deutschen Rennbahnen vorbeifließt. „Er brachte mich dazu, eine kaufmännische Ausbildung zu beginnen“, sagt Michael Nimczyk und schmunzelt. „Doch als er sah, wie lustlos ich am Schreibtisch gehockt habe, begriff er, dass er meine Träume nicht mehr stoppen konnte. Denn die Pferde sind ganz einfach meine Welt.“

Eine Passion, die Nimczyk mit seinem in der Fahrerwertung zweitplatzierten Gegenspieler Roland Hülskath teilt und die selbst durch unerwartete Ereignisse kaum zu erschüttern ist. Denn dass der Sulkysport auch verdammt gefährlich sein kann, musste Hülskath unmittelbar vor dem Saisonfinale erfahren. Einen Tag vor Heiligabend trat ihn ein Pferd bei der Vorbereitung in der Boxengasse so schwer ins Gesicht, dass der Mönchengladbacher mit einem ausgerenkten Kiefer und Gesichtsverletzungen sofort ins Krankenhaus eingeliefert werden musste. Doch Hülskath, der als Sohn eines Krefelder Kohlenhändlers keine unmittelbare familiäre Affinität zum Trabersport besitzt, biss im wahrsten Sinne des Wortes seine Zähne zusammen. Statt sich zu schonen, stieg der 34-Jährige sofort wieder in den Sulky und lieferte seinem Kontrahenten bis zum letzten Rennen des Jahres ein spannendes sportliches Gefecht.

Auch der hinter Nimczyk und Hülskath in der Jahreswertung drittplatzierte Heinz Wewering braucht sich nicht als Verlierer zu fühlen. Denn Wewering gewann nicht nur das Stuten-Derby 2009, sondern seine Statistik weist ein ganz besonderes Merkmal auf: Mit den insgesamt 16.298 Renntreffern, die er bisher in seiner über 45 Jahre andauernden Karriere erzielte, bleibt der gebürtige Westfale der siegreichste Sulkyfahrer der Welt. Eine lebende Sportlerlegende, die mehr Gewicht auf Klasse, als auf Masse setzt. Wewering setzte seine Pferde 2009 vor allem in den hochdotierten Prüfungen und weniger im Alltagssport der Rennbahnen ein. Mit einem grandiosen Endergebnis: Die Traber des 59-Jährigen landeten zu 69 Prozent entweder auf Sieg oder Platz.

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Frankfurter Allgemeine Zeitung (Ausgabe vom 17.10.2009)

                                   Rückkehr mit Glanz und Gloria

Nach langer Pause wieder ein "Großer Preis von Deutschland" in Gelsenkirchen - mit internationalen Traberstars

(H.Lingk)

GELSENKIRCHEN.  Der Trabrennfahrer Ulrich Schnieder erinnert sich, als wäre es gestern passiert: „Als das Teilnehmerfeld in einem Höllentempo in die Schlusskurve bog, hatte ich mit meinem Pferd überhaupt keine Chance!“ Mit dem Außenseiterwallach Park Joe, dem kein Gegner oder Fachexperte auch nur ansatzweise etwas zugetraut hatte, lag der Sulkyfahrer beim Großen Preis von Deutschland aussichtslos an siebenter Position. Doch als die Sulkygespanne auf das Ziel zurasten, geschah die Sensation: Während das Feld breit auffächerte und die vermeintlichen Favoriten Kopf an Kopf zäh um den Sieg kämpften, öffnete sich für Schnieder und sein Pferd fast unbemerkt die entscheidende Lücke. Der Wallach Park Joe, der zur 67-fachen Wettquote angetreten war, schockte das Publikum und gewann die mit einem Rekordpreisgeld von 363.000 Euro dotierte Prüfung.

Neun Jahre ist dies her. Ulrich Schnieder verließ wenig später seine Heimat und fährt nun in Spanien Rennen. Sein Traber konnte im Anschluss nie wieder an die hervorragende Leistung anknüpfen. Und dem Großen Preis von Deutschland, der das bedeutendste und höchstdotierteste Trabrennen neben dem Derby dargestellt hatte, erging es genauso. Parallel zum wirtschaftlichen Abschwung der bundesweiten Trabrennvereine, von dem auch die Bahn in Gelsenkirchen eingeholt worden war, wurde das Preisgeld Jahr für Jahr reduziert. In der Saison 2004 erreichte diese negative Entwicklung ihren traurigen Höhepunkt: Der Große Preis von Deutschland war nur noch mit 30.000 Euro dotiert. Es folgte der endgültige Schlusspunkt – der renommierte Klassiker wurde gar nicht mehr ausgetragen.

Was lange nicht für möglich gehalten wurde, tritt nun ein: Am Sonntag erlebt das Rennen seine sportliche Wiedergeburt. Eine Rückkehr mit Glanz und Gloria. Denn beim Großen Preis treten die besten europäischen Sulkyfahrer mit ihren Pferden an. Fünfzehn Sulkygespanne werden auf der Gelsenkirchener Piste um 176.150 Euro Dotation kämpfen – rechnet man die anderen elf Prüfungen der Nachmittagsveranstaltung dazu, werden am Sonntag sogar 290.300 Euro Prämie an die Sulkyfahrer und Rennstallbesitzer verteilt. Dieser finanzielle Wert stellt einen Start von Null auf Hundert dar. Vor allem in den traberbegeisterten Nationen Frankreich, Italien und Schweden richtet sich der Blick schon seit Tagen auf das deutsche Geschehen. Weit über zehn Milliarden Euro Wetteinsatz werden in diesen drei Ländern jährlich auf Trabrennpferde gesetzt. Bis auf das Derby in Berlin galt Deutschland für die ausländischen Rennsportfans stets als weißer Fleck auf der Karte. Am Wochenende ändert sich diese Situation grundlegend – denn der Große Preis wird von den französischen und schwedischen TV-Sendern live übertragen.



Diese internationale Zusammenarbeit wurde durch eine neue Regieführung im hiesigen Trabrennsport möglich. Dem 2006 neu gegründeten Vermarkter Win Race, hinter dem der Hamburger Unternehmer und ehemalige Chef der Tchibo-Holding Günter Herz und sein Sohn Christian stehen, ist es gelungen, viele organisatorische Aktivitäten zentral zusammenzufassen und den Sulkysport gemeinsam mit dem Traber-Hauptverband und dem Berliner Rennvereinsvorsitzenden Ulrich Mommert neu aufzustellen. Die Unternehmerfamilie Herz und der Industrielle Mommert, die seit Jahren Rennpferde halten und die renommierten norddeutschen Gestüte Lasbek und Brammerau führen, haben Millionen privates Geld in den lange Zeit dahinsiechenden Sulkysport gepumpt. Jetzt sind die ersten Erfolge erkennbar. Die Derby-Woche in Berlin schloss mit einem Plus von 11,9 Prozent gegenüber dem Vorjahr ab und die überlebenswichtigen Außenumsätze aus den bundesweiten Wettfilialen sind im Vergleich zur letzten Saison um ein Fünftel gestiegen.

Ein legendärer Trabrennsportler freut sich über diese positive Entwicklung besonders: der Schwede Stig H. Johansson. Der 64-Jährige, der als einer der weltbesten Pferdetrainer gilt und in seiner aktiven Sulkykarriere 6.221 Rennen und 85 Millionen Euro Prämie gewann, kommt am Sonntag gemeinsam mit Kollegen wie dem viermaligen Prix-d’Amérique-Sieger Jos Verbeeck nach jahrelanger Abstinenz nach Deutschland. Für den Großen Preis bringt er ein hervorragendes Pferd mit: Den Hengst Nu Pagadi, der als Favorit des Gelsenkirchener Rennens gilt. „Er ist ein mächtiger Sturkopf, aber er hat riesiges Potential“, schmunzelt Johansson über seinen Traber, der das Deutsche Derby 2008 gewann und im Anschluss zu dem Schweden ins Training wechselte. Auf der Elite-Rennpiste in Stockholm ist Nu Pagadi seit Monaten ungeschlagen. Mit dem Profi Erik Adielsson im Sulky, der jährlich rund drei Millionen Preisgeld mit seinen Fahrten gewinnt, soll der Hengst die Siegesserie nun in seiner alten Heimat fortsetzen. Besonders pikant: Als härtester Gegner beim Großen Preis gilt Thomas Panschow mit dem Traber Yardley Rich – der Mann also, der mit dem Favoriten Nu Pagadi beim Deutschen Derby triumphierte.

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Frankfurter Allgemeine Zeitung (Ausgabe vom 4.8.2009)

                                  Zar As – rasant, aber schwierig

                                  Traber gewinnt Derby
(H.Lingk)

BERLIN. Schnelligkeit und Kondition sind für erstklassige Rennpferde die wichtigste Grundvoraussetzung. Wenn dann noch das nötige Temperament dazukommt, kann aus einem Traber ein richtiger Siegertyp werden. Doch manchmal ist es sogar eine Prise zuviel Energie – wie bei dem Hengst Zar As, der am Sonntag in Berlin das mit 440.000 Euro dotierte 114. Deutsche Traber-Derby gewann. Sein Fahrer, der 34-jährige Roland Hülskath aus Mönchengladbach, hat wohl noch nie ein schwierigeres Pferd über die Rennpiste gesteuert. „Er ist nicht ganz einfach zu handhaben“, drückt es Hülskath vorsichtig aus. Und untertreibt damit mächtig – denn nur wenige Minuten vor dem Start war sein Pferd so ungebärdig, dass es den Sulky mit seinen Hinterbeinen zertrümmerte. Hülskath ließ sich trotzdem nicht beirren und fuhr mit einem geliehenen Wagen zum Derbysieg.

Dieses überschäumende Temperament hat Zar As von seinem Vater Abano As geerbt – dem besten deutschen Traber aller Zeiten. Neun Jahre vor seinem Sohn wurde der Hengst des zweimaligen Olympiasiegers Alwin Schockemöhle ebenfalls als Derbysieger im Winnercircle der Berliner Rennbahn geehrt und setzte im Anschluss zu einer großartigen internationalen Serie an. Für den Besitzer Alwin Schockemöhle und seinen niederländischen Partner Pauls Wals erkämpfte Abano As 2,2 Millionen Euro Preisgeld und den Triumph beim Prix d’Amérique, dem wichtigsten Trabrennen der Welt.



Dass Zar As eine ähnliche Klasse besitzt, hält der Goldmedaillengewinner für möglich. „Der Hengst hat sein Potential in Berlin längst nicht aufgedeckt“, sagt Alwin Schockemöhle. „Zar As hat mit den Gegnern nur gespielt und war zu jedem Zeitpunkt hoch überlegen. Der zweitplatzierte Helmut Biendl griff zwar mit dem Hengst Karaburan kurz vor dem Ziel noch einmal an – aber da war das Derby längst entschieden. Die Attacke sah gefährlicher aus, als sie wirklich war“, resümiert der 72-jährige Schockemöhle. Und der Siegfahrer Roland Hülskath ergänzt: „Ich traue Zar As eine prominente Rolle auf internationaler Ebene zu. Der Braune besitzt ein riesiges Laufvermögen und wird den deutschen Trabersport teuer verkaufen.“

Doch nicht nur den heimischen Rennsport – denn der Sieg beim Derby war ein deutsch-niederländisches Gemeinschaftsprodukt. Genauso wie für Hülskath, der das Derby schon einmal – im Jahr 2004 – gewonnen hatte, war es für den Besitzer von Zar As, den Niederländer Leendert Gerrits, der zweite große Triumph. Bei seinem ersten Erfolg vor zwei Jahren hatte der Unternehmer aus Helmond, dessen Gerrits Recycling Group zu den weltweiten Branchenriesen im Metallhandel gehört, noch für einen handfesten Skandal gesorgt. Nach der Disqualifikation seines Hengstes Sunzi November beim Derbyvorlauf hatte Gerrits die Berliner Rennleitung massiv bedroht. Als wenig später der ebenfalls für seine Farben angetretene Hengst Lotis Photo das Derbyfinale gewann, war Gerrits zwar überglücklich – doch sein mentaler Blackout hatte ein böses Nachspiel. Der 41-jährige wurde für sechs Monate auf allen deutschen Bahnen gesperrt. Am Sonntag war Gerrits daher sichtlich um Harmonie bemüht. 

„Für den gesamten deutschen Trabrennsport war die Derbywoche in Berlin ein wichtiges positives Zeichen und ein voller Erfolg!“, sagt Ulrich Mommert, Der Vorsitzende des Berliner Rennvereins. Ein Resultat, das sich durch die Umsatzzahlen an den Wettkassen belegen lässt. Gegen den Trend der letzten Jahre entwickelte sich das Derby zum wirtschaftlichen Erfolg: 2,2 Millionen Euro und damit 12 Prozent mehr als vor zwölf Monaten wurden am Wettschalter umgesetzt.

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Financial Times Deutschland (Ausgabe vom 4.8.2009)

                                 Keine Liebe auf den ersten Blick

             Im Ersatzsulky zum Sieg: Hülskath und Traber Zar As

(H.Lingk) 

BERLIN. Als Roland Hülskath am Sonntag kurz nach 17 Uhr den Winnercircle der Trabrennbahn in Berlin betrat, rannen ihm die Tränen über das Gesicht. „Ich bin ja eher ein ruhiger Zeitgenosse“, sprach der Sulkyfahrer mit bewegter Stimme in die Mikrofone und entschuldigte sich fast: „Aber der Triumph beim Derby ist nun mal das Größte, was ein Trabersportler in Deutschland erleben kann.“ Das Publikum verstand: 15.000 Zuschauer auf der Trabrennbahn Mariendorf, wo das Derby schon seit 1952 ausgetragen wird, jubelten ihm zu.

Der 34-jährige Hülskath ist neben dem Weltmeister Heinz Wewering wohl beliebteste deutsche Sulkyfahrer. Die Favoritenbürde hat er freiwillig übernommen, als die Turfexperten vor einigen Wochen über das stärkste Pferd in dem undurchschaubaren Jahrgang rätselten: „Wenn sich Zar As keine verbotenen Galoppsprünge erlaubt, wird dieser Traber unschlagbar sein!“




Das mit 440.000 Euro dotierte Derby gab ihm recht. Schon ausgangs der ersten Kurve übernahm Zar As die Spitze und gab sie bis ins Ziel nicht mehr ab. Ein überlegener Sieg, über den sich besonders Alwin Schockemöhle (72), der Züchter des Hengstes, freut. Das Temperament hat Zar As nämlich von seinem Vater Abano As geerbt – dem besten deutschen Traber aller Zeiten. Neun Jahre vor seinem Sohn wurde der Hengst des zweimaligen Olympiasiegers Schockemöhle ebenfalls als Derbysieger in Berlin geehrt und setzte im Anschluss zu einer großartigen internationalen Serie an. Für Schockemöhle, den zweimaligen Olympiasieger der Springreiter, erkämpfte Abano As 2,2 Millionen Euro Preisgeld und den Triumph beim Prix d’Amérique, dem wichtigsten Sulkyrennen der Welt.

„Zar As hat sein Potential noch längst nicht aufgedeckt“, schwärmt Schockemöhle. Und Hülskath lobt: „Ich traue Zar As zukünftig eine prominente Rolle auf internationaler Ebene zu.“ Dabei war es keine Liebe auf den ersten Blick zwischen Mensch und Tier. Es gibt nur wenige Traber, die so hoch veranlagt und gleichzeitig so ungebärdig wie Zar As sind. Ein Pferd wie eine launische Diva. Mit einer Energie ausgestattet, die nur schwer zu bändigen ist. Wenn er in höllischem Tempo über die Rennpiste fliegt, ist Zar As in seinem Element. Aber den friedvollen Umgang mit den Menschen muss der Dreijährige erst noch lernen. Sein ungestümes Temperament ist bei der Stallcrew, die ihn betreut, berüchtigt und gefürchtet. Wie gefährlich der Hengst werden kann, musste Hülskath kurz vor dem Start zum Derby erfahren. Mit seinen Hinterbeinen zertrat Zar As den Sulky, in dem Hülskath gerade Platz nehmen wollte. Doch der Fahrer ließ sich nicht beirren. Er borgte sich einen Ersatzwagen – und steuerte sein Pferd zum Derbysieg.
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Frankfurter Allgemeine Zeitung (Ausgabe vom 4.4.2009)

                               Auf den Hufspuren von Abano As 

Mit Mario Baslers Hengst Igor Font kehrt der deutsche Trabrennsport an die internationale Spitze zurück

(H.Lingk) 

FRANKFURT.  Seine vierbeinigen Eltern sind Amerikaner. Geboren wurde der Traber in Italien. Die grundlegenden Schritte auf dem Weg zu einer erfolgreichen Rennlaufbahn erlernte der Braune auf dem Gestüt Catch Glory ganz in der Nähe von Straubing. Und sein Sulkyfahrer Jean-Michel Bazire ist Franzose. Der Hengst Igor Font hat nicht nur einen multinationalen Hintergrund – er ist der neue Star des europäischen Trabrennsports. Dass der deutsche Anteil am Triumph dabei erfreulicherweise dominiert, daran lässt sein Besitzer Mario Basler keinerlei Zweifel. Obwohl der 30-malige Fußballnationalspieler sein eigenes Pferd aufgrund der weltweiten Startmöglichkeiten nur noch sehr selten zu Gesicht bekommt. „Aber wenn Igor Font mit uns spricht, dann klingt sein Akzent eindeutig bayrisch“, schmunzelt der Trainer des Regionalligisten FC Eintracht Trier 05. Gemeinsam mit seinem Schwager Roger Wittmann und dessen Lebensgefährtin, der ehemaligen Tennisspielerin Anke Huber, hatte Basler den Hengst im Spätsommer 2005 auf einer Jährlingsauktion in Mailand ersteigert - für 50.000 Euro. 

Seinen Kaufpreis hat Igor Font inzwischen dutzendfach zurückgezahlt. Sein Erfolge auf den europäischen Rennpisten sprechen eine deutliche Sprache: 23 Starts hat der fünfjährige Hengst bisher bestritten, von denen er elf gewann. Weitere acht Mal war Igor Font platziert. Innerhalb kurzer Zeit hat der Braune schon 618.038 Euro Prämie für Basler, Wittmann und Huber und ihren gemeinsamen Rennstall Catch Glory erkämpft. Doch die Erfolgssumme drückt nur einen Bruchteil des wirklichen finanziellen Wertes aus – denn aufgrund seines exzellenten Stammbaums und seines herausragenden Exterieurs steht Igor Font auch als Zuchthengst vor einer gewinnbringenden Zukunft. Der Traber gilt schon jetzt als unbezahlbar. Mitbesitzer Roger Wittmann: „Wir haben von ausländischen Interessenten mehrere Angebote in Millionenhöhe erhalten. Doch ein Verkauf steht nicht zur Debatte, dazu hängen wir viel zu sehr an unserem Hengst.“



Für den nach Anerkennung ringenden deutschen Trabrennsport ist die Treue der Besitzer zu ihrem Pferd ein Segen. Denn nach jahrelanger Abstinenz auf der großen Bühne mischt der heimische Sport endlich einmal wieder an der internationalen Spitze mit. Igor Fonts Siege in drei renommierten Gruppe-Eins-Rennen und die Weltrekordzeit, die der Hengst bei seinem mit 125.000 Euro dotierten Triumph beim Gran Premio d’Europa in Mailand erzielte, lassen die Herzen der deutschen Traberfans und Funktionäre schneller pulsieren. Denn sie erinnern an die großartigen Erfolge, die Pferde wie Abano As und Sea Cove für die Gestüte des Olympiasiegers Alwin Schockemöhle und des Hamburgers Harald Grendel erkämpften. Dass der noch junge Igor Font schon bald in die Fußstapfen dieser vierbeinigen Heroen treten könnte, ist die ganz große Hoffnung. Mario Basler: „Das Allerwichtigste ist, dass der Braune gesund bleibt. Unter dieser Voraussetzung peilen wir einen Start beim Elitloppet um 500.000 Euro Preisgeld Ende Mai in Stockholm und beim nächsten Prix d’Amérique an.“ 

Dass Igor Font zweifellos die Schnelligkeit für das alljährlich im Januar in Paris ausgetragene und mit einer Million Euro dotierte wichtigste Trabrennen der Welt mitbringt, unterstrich der Traber vor drei Wochen mit seinem zweiten Platz beim Grand Critérium de Vitesse. Auf der französischen Nobelpiste in Cagnes-sur-Mer unweit von Nizza unterlag Baslers Hengst in dem 200.000-Euro-Rennen lediglich dem aktuellen Amérique-Sieger Meaulnes du Corta hauchdünn um eine Zehntelsekunde. Und dies wohl nur, weil der lange im Teilnehmerpulk festsitzende Hengst erst kurz vor dem Ziel die nötige freie Passage fand. In einem packenden Finish flog Baslers Traber wie ein Pfeil mit riesigen Schritten heran. Zwar zu spät für den Sieg, aber rechtzeitig genug für einen großen Achtungserfolg. Den hoch eingeschätzten Gegner Offshore Dream – einen Traber, der bereits zwei Millionen Euro Prämie erlaufen und den Prix d’Amérique in den Jahren 2007 und 2008 gewonnen hat – wies Igor Font deutlich in die Schranken. Mit enormer Spurtkraft holte Baslers Hengst zwei Längen Vorsprung auf den drittplazierten Konkurrenten heraus.

Am kommenden Sonntag tritt Igor Font abermals in einem Rennen der Europagruppe eins an: in Beaumont, auf der direkt am Rand der Pyrenäen gelegenen Piste. Für Basler und seine Partner geht es erneut um viel Geld: um 160.000 Euro Dotation. Dass Igor Font seine Glanzleistung wiederholt und prominent abschneidet, ist durchaus wahrscheinlich. Denn in seinem Sulky sitzt wie immer der derzeit beste Trabrennfahrer der Welt. Der Franzose Jean-Michel Bazire verfügt nämlich über eine nahezu unglaubliche Bilanz. Der 37-Jährige erzielte bei seinen Fahrten alleine in der Saison 2008 über acht Millionen Euro Rennprämie. Den bildhübschen Hengst des deutschen Besitzer-Trios hält der Spitzenprofi für das aktuell stärkste ihm anvertraute Pferd. „Über diese Einschätzung freuen wir uns sehr. Jean-Michel Bazire bildet mit Igor Font ein absolutes Traumpaar“, sagt Mario Basler.

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Financial Times Deutschland (Ausgabe vom 10.3.2009)

                                Leidenschaftlich auf Trab  

Mario Basler war ein genialer, aber wenig lauffreudiger Fußballer. Heute lässt er andere für sich rennen

(H.Lingk)

CAGNES-SUR-MER.  Mengkofen, ein verschlafenes Städtchen in Bayern. Wenn der Trabertrainer Alfred Winzig morgens um sechs Uhr seinen ersten Rundgang durch das an einem Wald gelegene Gestüt Catch Glory dreht, beginnt für ihn ein langer Tag. Ein Dutzend Pferde müssen versorgt, gefüttert und vor allem bewegt werden, um ihre körperliche Kondition zu verbessern. Harte Arbeit für den Traber-Fachmann, der schon viele Sulkyrennen gewann. Dennoch macht sich Zufriedenheit auf seinem Gesicht breit: „Die Gestütsbesitzer haben richtig Schwung in die Sache gebracht", sagt Winzig anerkennend. „Obwohl sie aus anderen Sportarten stammen, haben sie uns Traberleuten völlig neue Denkanstöße gegeben."

Die Gestütsbesitzer: Das sind Mario Basler, sein Schwager und Berater Roger Wittmann und dessen Lebensgefährtin Anke Huber. 2004 beschlossen der 30-malige Nationalkicker und sein Manager gemeinsam mit der im Schatten von Steffi Graf lange Jahre zweitbesten deutschen Tennisspielerin, einen Rennstall zu gründen. In schnelle Vierbeiner war das prominente Trio schon länger vernarrt.

Und die machen genau das, was „Super-Mario" als Spieler immer besonders gehasst hat: Sie laufen und laufen. Denn die Traber des Gestüts Catch Glory werden besonders intensiv trainiert. Entgegen der gängigen Fachmeinung, dass Pferde vor einem wichtigen Rennen unbedingt geschont werden sollten, um dann im entscheidenden Moment vor Schnelligkeit zu explodieren, drehen Baslers Pferde täglich immer ein paar Extrarunden um die Bahn. Beinharte Kondition ist angesagt. Der exzentrische Kicker, der einst Fluppe und Weißbier knallhartem Training vorzog. lässt nun seine Pferde laufen.



Die Ergebnisse machen die Konkurrenz blass vor Neid: In der Rennsaison 2008 erkämpften Baslers Pferde über 400.000 Euro Preisgeld. Das Gestüt Catch Glory wurde mit dieser herausragenden Bilanz zum international erfolgreichsten  deutschen Rennstall. Mit einem absoluten Star in seinen Boxen: dem Hengst Igor Font. Wittmann hatte den Braunen 2005 auf einer Jährlingsauktion in Mailand für 50.000 Euro ersteigert. Mittlerweile hat der Hengst dieses Kapital dutzendfach zurückgezahlt. Exakt 618.000 Euro Rennprämie hat „Super-Igor" bei seinen 23 Starts und elf Siegen bisher erkämpft.

Seit dem Wochenende gilt Baslers fünfjähriger Hengst endgültig als das beste junge Pferd in Europa. Am Sonntag trat Igor Font auf der direkt an der Cote d'Azur gelegenen Rennpiste in Cagnes-sur-Mer beim Grand Criterium de Vitesse an, einer mit 200.000 Euro dotierten Meilenprüfung. Wie immer mit dem französischen Landesmeister Jean-Michel Bazire in seinem Sulky. Der 37-Jährige hat allein in der Saison 2008 über acht Millionen Euro Preisgeld herausgefahren. Dieser Schumacher des Sulkysports erlebte mit dem Catch-Glory-Star jetzt einen wahren Traberkrimi: Nach einem verdeckten Rennen wurde Igor Font auf den letzten hundert Metern höllisch schnell. Nur knapp hinter dem Hengst Meaulnes du Corta, der Ende Januar den Prix d'Amerique - das wichtigste Trabrennen der Welt - gewonnen hatte, jagte Igor Font als Zweiter am Zielpfosten vorbei.

Dieses Resultat macht Basler, der im Hauptberuf Trainer des Regionalligisten SV Eintracht Trier 05 ist, rundum glücklich. Der Vierzigjährige nutzt ohnehin jede freie Minute, um sich auf seinem Gestüt in den Sulky zu setzen. Der Ex-Nationalspieler: „Die Traber gehören bei uns fest zur Familie. Es ist faszinierend: Jedes unserer Pferde hat seine ganz eigene Persönlichkeit." Anke Huber ergänzt: „Ich bewundere vor allem den grenzenlosen Leistungswillen dieser Tiere und das Vertrauen, das sie uns Menschen entgegenbringen. Sie würden alles für uns tun. Wir begegnen ihnen natürlich mit dem gleichen Respekt."

Und die Planungen für ihren Stallcrack Igor Font laufen auf vollen Touren. Ende Mai soll der Hengst in Stockholm den mit 500.000 Euro dotierten Elitloppet bestreiten. Im Anschluss sind Starts in den USA und Kanada vorgesehen. Wie sehr sich das Erfolgskarussel des Gestüts Catch Glory beschleunigt hat, überrascht sogar den gewiss nicht übertrieben bescheidenen Basler: „Mein Schwager Roger hat mir mal in einer Sektlaune versprochen, dass wir eines Tages das beste Pferd der Welt besitzen werden. Igor Font kommt diesem Ziel tatsächlich verdammt nahe."

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Frankfurter Allgemeine Zeitung (Ausgabe vom 2.1.2009)

                                     Der jüngste Goldhelmträger 

               Michael Nimczyk – ein Glücksfall für den Trabrennsport

(H.Lingk) 

FRANKFURT.  „Der Goldhelm ist weg – aber die goldenen Hände sind geblieben!“ So lautet das Fazit von Heinz Wewering für die abgelaufene Trabrennsportsaison. 29 Jahre lang trug der gebürtige Westfale den goldfarbenen Sturzhelm als symbolisches Zeichen des Erfolgs. In dieser Zeit gelangen ihm 16.180 Siege im Sulky – ein Weltrekord. Der mit Edelmetall legierte Sturzhelm wird in der neuen Saison jedoch einen anderen Fahrer zieren: Mit 22 Jahren ist Michael Nimczyk aus Willich der jüngste Goldhelmträger aller Zeiten. 

Ein Könner an der Fahrleine, der in Bezug auf das taktische Gespür und den Trainingsfleiß seinem sportlichen Vorbild gleicht. In der Saison 2008 stieg Nimczyk exakt 911 Mal in den Sulky, gewann 177 Rennen und 300.000 Euro Preisgeld. Prozentual gerechnet zwar eine geringere Ausbeute als Wewering, der für seine 93 Jahressiege nur 321 Starts benötigte. Doch die Ausgangslage war sehr unterschiedlich. Im Gegensatz zu Wewering musste Nimczyk oftmals mäßig talentierte Außenseiter steuern.



Dass sich Nimczyk mit seinem Berufswunsch Trabrennfahrer gegen seine Eltern durchsetzen konnte, ist für den deutschen Sulkysport ein Glücksfall. Denn der neue Titelträger repräsentiert diese Disziplin genauso wie Wewering seriös. Immerhin ist es eine Sportart, die in der Vergangenheit bedingt durch ihre wirtschaftlichen Nöte und den Zuschauerschwund negativ auf sich aufmerksam gemacht hatte. Dies war auch der Grund, warum Nimczyks Vater Wolfgang – selber Trabertrainer von Beruf – Alternativen für seinen Sohn gesucht hatte. Doch der Junior ließ sich nicht von seinem Ziel abbringen. Und vielleicht wird Nimczyk seine berufliche Zukunft bald in einem verbesserten Umfeld verbringen. Denn in der zweiten Jahreshälfte 2008 stiegen die Umsätze auf den deutschen Trabrennbahnen wieder deutlich.

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Frankfurter Allgemeine Zeitung (Ausgabe vom 12.12.2008)

                        Die Frau im Sulky fährt den Männern davon

Die 28-jährige Marisa Bock gehört mit 67 Siegen in diesem Jahr zu den erfolgreichsten Trabrennprofis

(H.Lingk) 

FRANKFURT.  „Frauen im Sulky sind noch schwerer zu ertragen, als Frauen am Steuer“ – so äußerte sich kürzlich ein hochrangiger Funktionär des deutschen Trabrennsports. Seine Ansicht vertrat der ehemalige Geschäftsführer einer großen Rennbahn zwar nicht öffentlich, sondern im privaten Freundeskreis. Und dennoch stand die von einem herablassenden Augenzwinkern begleitete Meinung symbolisch für jene geringschätzige Haltung, die den wenigen weiblichen Sulkysportlern in Deutschland über Jahrzehnte hinweg entgegengebracht wurde. In der Geschichte des deutschen Trabrennsports galt ein ungeschriebenes, aber eisernes Gesetz: Wenn ein Rennstallbesitzer Erfolg haben will, dann muss er seine Pferde einem männlichen Fahrer anvertrauen. Frauen dagegen hatten von jeher den Ruf, viel zu sensibel und weichherzig für den harten Rennsport zu sein. 

Mitte der neunziger Jahre bekam diese chauvinistische Haltung einen ersten kräftigen Dämpfer verpasst. Das hatte die Schwedin Helen Johansson bewirkt. 1995 ging sie in Paris im Prix d’Amérique an den Start – dem wichtigsten Trabrennen der Welt. Als sich Helen Johansson mit ihrer Stute Ina Scot in die Höhle des Löwen wagte, war sie erst die zweite Frau in der damals 75-jährigen Geschichte des berühmten Rennens. Kaum einer der Konkurrenten oder der wettenden Zuschauer nahm die Schwedin ernst. Obwohl Johanssons Pferd zuvor exzellentes Können bewiesen hatte, trat das Sulkygespann im Prix d’Amérique als krasser Außenseiter zur 28-fachen Quote an. Doch nach 2700 Metern war ihren 17 männlichen Konkurrenten das Lachen vergangen: Helen Johansson hatte mit der Stute Ina Scot in neuer Rekordzeit gesiegt. Dieser Triumph kam einem psychologischen Erdrutsch gleich: Seit diesem Tag ist der Schwedin zu Ehren ein mit 80 000 Euro dotiertes Rennen in Paris gewidmet. 

Auch auf den deutschen Bahnen ändert sich langsam die Situation. Einen riesigen Anteil daran trägt eine Frau, die körperlich eher klein und zierlich ist – nur ganze 159 Zentimeter groß. Doch wenn Marisa Bock in den Traber-Sulky steigt, dann wird die 28-Jährige zum sportlichen Giganten. Die Amazone verfügt über eine imponierende Bilanz: 67 Rennen hat die Fahrerin in der Saison 2008 bereits gewonnen. Damit liegt sie in der aktuellen Top Ten der bundesdeutschen Traberprofis auf Rang neun und ist in der Rangliste sogar vor Thomas Panschow platziert, dem im August der Derbysieg gelang. Welche Sonderrolle Marisa Bock tatsächlich spielt, wird beim Betrachten der offiziellen Statistik des Traber-Hauptverbandes HVT klar: Unter den 25 führenden Berufsfahrern ist sie die einzige Frau. Eine kaum auffällige, eher leise Revolution – doch falls Marisa Bock es wirklich schafft, die Konstellation bis zum 31. Dezember zu halten, wird sie die erste Frau in der über 150-jährigen Chronik des deutschen Sulkysports sein, die in eine klare Männerdomäne eindringt. Ein Platz unter den ersten Zehn der Profi-Rangliste war noch nie für eine Frau reserviert.



Auf den Rennpisten macht der 28-Jährigen keiner mehr etwas vor: „Die Pferde sind mein ein und alles“, sagt die gebürtige Hamburgerin, die seit zwei Jahren zusammen mit dem ebenfalls im Trabersport tätigen Lebensgefährten Thorsten Tietz (31) in Recklinghausen wohnt. Das Ruhrgebiet ist zu ihrer neuen Heimat geworden. Die Gesichter um sie herum und manche ihrer persönlichen Gewohnheiten haben sich mit dem Umzug verändert. Doch die Traber sind die feste Konstante geblieben. „Ein Leben ohne Pferde ist für mich unvorstellbar“, sagt die Sportlerin.

Marisa Bock entstammt einer Familie, die im deutschen Rennsport Klang und Namen besitzt. Der Spitzentraber Sea Cove gehörte ihrem Großvater Karl gemeinsam mit dem Hamburger Kaufmann Harald Grendel. Über 2,3 Millionen Euro Preisgeld erkämpfte der Hengst bei seinen 54 internationalen Siegen. Doch die Summe beeindruckte Marisa Bock nicht. „Damals war Sea Cove, dem ich den Spitznamen Siggi verpasste, einfach nur mein Knuddelbär“, erinnert sich die Sportlerin an ihre Teenagerzeit. Die tiefe emotionale Bindung zu den Trabern hat sich seitdem nicht verändert. Sie wird auch in den Rennen sichtbar: Denn während sich die meisten ihrer Gegner wie römische Kampfwagenfahrer aufführen, nimmt Marisa Bock nur selten die Peitsche in die Hand. Spektakulär Gestik auf der Zielgeraden ist ihr fremd. Stattdessen dirigiert die Fahrerin ihre Traber fast unauffällig zum Sieg. Dass sie gerade dabei ist, ein Stück Rennsportgeschichte zu schreiben, ist Marisa Bock kaum bewusst. „Ich möchte den Stallbesitzern, die mir ihre Pferde anvertrauen, herzlich danken“, sagt sie bescheiden.

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Frankfurter Allgemeine Zeitung (Ausgabe vom 4.8.2008)

                Der Wolf fängt den Hasen beim Derby in Berlin

(H.Lingk) 

BERLIN.  Thomas Panschow ist kein Sportler, der sich um Interviews reißt. Als der Trabrennfahrer mit der Stute Galea vor zwei Wochen ein hoch dotiertes Zuchtrennen in München gewann, beschränkte er sein Statement gegenüber dem Bayrischen Rundfunk auf einen einzigen trockenen Satz: „Der Rennverlauf war optimal.“ Auch am Sonntag in Berlin beim 113. Deutschen Traber-Derby, als Panschow vor 20.000 jubelnden Zuschauern den Siegerpokal entgegennahm, ging der stets um Sachlichkeit bemühte Sulkyfahrer nur wenig aus sich heraus. „Ich habe nicht lange überlegt, als ich eine Runde vor dem Ziel aus dem Mittelfeld heraus mit meinem Hengst Nu Pagadi angriff. Es war eine spontane Entscheidung, denn ich hatte großes Vertrauen in mein Pferd.“, fasste Panschow die Erfolgstaktik nüchtern zusammen. Doch seine Mimik besaß eine ganz andere Sprache. Denn dem 41-Jährigen standen die Freudentränen deutlich in den Augen. 

Nicht ohne Grund: Denn das mit insgesamt 350.000 Euro dotierte Derby, das wichtigste deutsche Trabrennen, hatte Panschow trotz seiner ansonsten makellosen Bilanz noch nie gewonnen. Über 17.000 Starts hat der Profi aus Marl mit seinen Pferden bisher absolviert und dabei rund 7.000 Mal einen der ersten drei Plätze belegt. Zwölf Millionen Euro Preisgeld kamen so zusammen. In Italien und Frankreich trug sich Panschow mehrfach in die Siegerlisten bedeutender Gruppe-Eins-Rennen ein. Seitdem gilt der Sulkysportler neben seinem Konkurrenten Heinz Wewering als der deutsche Fahrer mit der größten internationalen Erfahrung. Doch beim Derby in Berlin blieb der Erfolg regelmäßig aus. Mal scheiterte Panschow am schlechten Startplatz, mal lief sein Pferd weit unter Normalform. Das beste Beispiel: Mit dem Hengst Pablo As verdiente Panschow für die Besitzerin Marion Jauß und den Züchter Alwin Schockemöhle 650.000 Euro Rennprämie. Doch beim Derby blieb dem Gespann nur der zweite Platz.



Am Sonntag aber nutzte Panschow seine Chance mit dem Favoriten Nu Pagadi, dessen Name an eine russische Zeichentrickserie über einen Wolf und einen Hasen angelehnt ist, eiskalt aus. Mit seinem plötzlichen Überraschungsangriff 1200 Meter vor dem Ziel hatte keiner der Gegner gerechnet. In der Zeichentrickserie zieht der Wolf meist den kürzeren. Doch beim Derby 2008 ließ sich Panschow die Beute von dem zweitplatzierten Niederländer Arnold Mollema und dessen Hengst Yardley Rich nicht mehr abjagen. Panschow bescherte zugleich Willi Rode, dem Trainer seines Trabers Nu Pagadi, einen besonderen Erfolg. Denn normalerweise steuert Rode, dem schon 6.945 Sulkysiege und zwei Erfolge beim Derby gelangen, seine Pferde selber. Doch den muskulösen Traber Nu Pagadi hatte der Trainer von Anfang an Panschow anvertraut. Willi Rode: „Nicht selber zu fahren, war für mich eine völlig ungewöhnliche Situation. Doch es war die beste Entscheidung, denn der Thomas hat alles goldrichtig gemacht!“ 

Hochzufrieden war auch Ulrich Mommert, der Vorsitzende des Berliner Trabrennvereins. Mit der 113. Auflage hat das Derby, der Klassiker aller Sulkyrennen, seinen herausragenden Stellenwert im deutschen Trabrennsport weiter untermauert. Entgegen dem allgemeinen negativen Trend konnte der Gesamtumsatz an den Wettkassen während der Derbywoche mit zwei Millionen Euro sogar leicht gegenüber dem Vorjahr gesteigert werden. Für den Vereinsboss war das von Thomas Panschow gewonnene Rennen sogar das schönste Derbyfinale aller Zeiten. „Die Stimmung auf den Tribünen war gewaltig.“, zieht der 67-jährige Industrielle aus der Automobil-Zulieferbranche sein persönliches Resümee und ergänzt: „Besonders froh sind wir darüber, dass das Derby endlich einmal wieder in der ARD-Tagesschau und den Tagesthemen übertragen wurde.“
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Frankfurter Allgemeine Zeitung (Ausgabe vom 2.8.2008)

                                   Vielfraß mit großen Chancen

Beim Traber-Derby drückt das Berliner Publikum einem Außenseiter die Daumen

(H.Lingk)

BERLIN.  Wenn der Trabertrainer Andreas Gläser morgens um sieben Uhr die Türen seines Rennstalls im östlichen Berliner Bezirk Lichtenberg aufschließt, liegt ein intensives Arbeitspensum vor ihm. Zusammen mit seiner Mitarbeiterin Elke Preusser kümmert sich der Sportler um ein rundes Dutzend Pferde. Die erste Hälfte des Tages gehört ganz dem Konditionsaufbau der Traber: Etwa zehn Kilometer legt jedes der Pferde mit seinem Trainer im Sulky in höllischem Tempo auf der Sandpiste zurück. Am Nachmittag und am Abend stehen die gesundheitliche Betreuung und die allgemeine Pflege der Tiere im Mittelpunkt. Die Leidenschaft für die schnellen Vierbeiner bekam Andreas Gläser schon in die Wiege gelegt: Sein heute 76 Jahre alter Vater Werner war einer der besten Trabertrainer der DDR und fuhr 600 Siege im Sulky heraus. Der dreißig Jahre jüngere Junior hat den Altmeister diesbezüglich bereits übertroffen. Vor einer Woche erzielte Gläser seinen 667. Sieg in einem Rennen. 

Ein kleiner Trainer, der jedoch einen großen Traum hat: Ein einziges Mal beim Finale des wichtigsten deutschen Sulkyrennens mit dabei zu sein. Am Sonntag ist es wieder soweit: In Berlin-Mariendorf wird das 113. Deutsche Traber-Derby ausgetragen. Wenn ab 13 Uhr die besten Fahrer und Pferde in den Vorläufen des mit 400.000 Euro dotierten Derbys gegeneinander antreten, wird Andreas Gläser ebenfalls am Start sein. Sein dreijähriger Hengst Cinas Boy muss dann einen der ersten beiden Plätze im Vorlauf erkämpfen, um für das vier Stunden später stattfindende Finale der besten Zehn qualifiziert zu sein. Die Chancen dafür stehen gut. „Ich traue Cinas Boy zu, dass es ihm gelingt“, sagt Andreas Gläser und schmunzelt. „Unser kleiner Dicker hat total die Ruhe weg und besitzt das Phlegma und die Nervenstärke, die ein vorzügliches Rennpferd auszeichnet. Am meisten macht uns eher sein ewiger Appetit zu schaffen. Denn Cinas Boy ist nicht nur im Rennen hungrig auf den Sieg, sondern auch ansonsten ein richtiger Vielfraß!“



Der Ausgang des Rennens, das in Deutschland seit 1895 ausgetragen wird und dessen europäische Wurzeln über den Trabrennsport hinaus auf den völlig von Galopprennpferden besessenen Namensgeber Sir Edward Smith Stanley – den 12. Earl of Derby – zurückreichen, ist ungewiss. Doch einer Sache kann sich Gläser, der einzige Berliner Teilnehmer beim Derby, sicher sein: Die Sympathien der über 20.000 Zuschauer, die am Sonntag die Mariendorfer Tribünen bevölkern werden, gehören in erster Linie ihm. Denn das Publikum hungert nach dem Sieg eines heimischen Sulkyfahrers. Zwanzig Jahre lang besaßen die Sportler aus der Hauptstadt keinen Stich. Im Jahr 1988 gewann der später auf tragische Weise bei einem Verkehrsunfall verstorbene Gottlieb Jauß zum letzten Mal das Derby für Berliner Farben. Dass nun mit Gläsers Hengst Cinas Boy ein talentiertes Pferd antritt, das bisher fünf seiner sieben Starts gewann und bei einem korrekten Rennverlauf noch nie geschlagen wurde, gibt den Berliner Traberfans Hoffnung.

Die Favoritenbürde werden allerdings andere Teilnehmer tragen. Der 58 Jahre alte Heinz Wewering hat das Derby schon sieben Mal gewonnen und ist mit 16.139 Siegen im Sulky der erfolgreichste Trabrennfahrer der Welt. Weit über fünfzig Millionen Euro Prämie haben die von Wewering trainierten Pferde bisher auf den europäischen Rennbahnen für ihre Besitzer verdient. Der Westfale, der nach einem fünfzehnmonatigen Italiengastspiel im Februar nach Deutschland zurückkehrte, tritt in den Derbyvorläufen mit dem frischen Sieger Lilliano und der Stute Biljana Bo an. Eigentlich war auch die bisher ungeschlagene Fuchsstute Ini Lou für das Derby vorgesehen – das von der Klasse her derzeit beste dreijährige Trabrennpferd. Doch eine kurzzeitige Erkrankung der Stute brachte den Trainingsplan durcheinander und Wewering entschied sich gegen den Derbystart. Der Ausgang des Rennens ist dadurch noch offener geworden „Für alle Fahrer und Besitzer, aber auch für das wettende Publikum wird die Prognose schwierig“, sagt Wewering und kritisiert: „Aufgrund ihrer finanziellen Schwierigkeiten haben die Rennvereine etliche hoch dotierte Jahrgangsprüfungen gestrichen, die früher einen genauen Leistungsvergleich ermöglichten. So wird das Derby zum Ratespiel.“

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Financial Times Deutschland (Ausgabe vom 1.8.2008)

                         Comebackversuch eines Endlossiegers

Die Traberlegende Heinz Wewering ist nach Deutschland zurückgekehrt - und will es beim Derby in Berlin wieder allen zeigen

(H.Lingk)

BERLIN.  Der goldene Helm: Die mit Edelmetall legierte Kopfbedeckung ist im deutschen Trabrennsport das Zeichen des amtierenden Champions. Nur derjenige Sulkyfahrer, der die meisten Siege in einer Saison erzielt hat, darf den auffälligen Sturzschutz in den Rennen als glänzendes Symbol des Erfolgs tragen. Drei Jahrzehnte lang tat dies ein einziger Mann: Heinz Wewering. Der Goldhelm – dieser Begriff hatte sich zu einem Wewering-Synonym entwickelt. Zur Bezeichnung für den siegreichsten Trabrennsportler der Welt. Denn mit seiner kaum glaublichen Karrierebilanz lässt der Westfale alle Konkurrenten blass aussehen. Exakt 16.139 Siegtreffer sind Heinz Wewering in den fast 50.000 Rennen, die er seit 1965 bestritt, bisher gelungen. Weit über 50 Mio. Euro Preisgeld haben seine Pferde bei diesen Starts verdient. 

Doch die Situation hat sich verändert. Wenn sich Wewering nun kurz vor dem Start eines Rennens umzieht, dann setzt er sich einen normalen blauen nicht mehr den goldenen Helm des Champions auf. Den musste der 58-Jährige in der Saison 2006 dem 25 Jahre jüngeren Roland Hülskath überlassen. Doch das lag nicht etwa an einer Formkrise des 29-maligen Deutschen Meisters. Sondern an Wewerings Wechsel nach Italien: Bei seinem anderthalbjährigen Gastspiel auf dem Hippodrom in Tor di Valle am Rande Roms kam der Sulkyfahrer bei weitem nicht auf die Anzahl Starts, die für eine erfolgreiche Titelverteidigung nötig gewesen wäre. 

Vor fünf Monaten ist der viermalige Europameister nach Deutschland zurückgekehrt, um einen lukrativen Job zu übernehmen. Auf dem schleswig-holsteinischen Gestüt Neritz trainiert Wewering nun die Traber von Marion Jauß (69), die in ihrer aktiven Zeit mit 1.614 Siegen im Sulky selber die weltweit führende Amazone war. „Der Helm ist weg, aber die goldenen Hände sind geblieben“, sagt Wewering und lächelt dabei. Er darf in der Tat stolz sein. Dass er nämlich ein besonderes Händchen im Umgang mit schwierigen Pferden besitzt, hat Wewering in der neuen Zusammenarbeit mit der Millionärin sofort bewiesen. In den vergangenen Wochen war der Profi in sämtlichen wichtigen Zucht- und Standardrennen mit den Jauß-Trabern vorne.



Der bedeutendste Erfolg war dabei der Triumph im Buddenbrock-Rennen, der Generalprobe für das 113. Deutsche Traber-Derby, das am Sonntag in Berlin ausgetragen wird. Mit der bei fünf Starts bisher ungeschlagenen Stute Ini Lou hatte Wewering keinerlei Mühe und zog auf der Zielgeraden locker am Feld vorbei. Die Dreijährige galt fortan als Favoritin für das mit 350.000 Euro dotierte Derby. Alle Experten trauten ihr zu, für Marion Jauß einen Traum verwirklichen. Denn obwohl die ehemalige Amazone schon viele exzellente Traber besaß, konnte noch keines ihrer Pferde das Derby gewinnen. 

Wewering, der das Derby schon sieben Mal gewann, soll diese Pechserie nun endlich beenden. Doch die Aufgabe wird erneut alles andere als leicht. Denn auf den Stallcrack Ini Lou muss Wewering am Sonntag überraschend verzichten. Eine kurzfristige Erkrankung der Stute brachte den Trainingsplan und die optimale Vorbereitung für das schwere Rennen durcheinander. 

Statt auf Ini Lou müssen Heinz Wewering und Marion Jauß nun beim Derby auf einen Boxennachbarn der Klassestute bauen: auf den Hengst Lilliano. Der Dreijährige, dessen Vater Super Arnie zu den besten Deckhengsten zählt, tritt mit einem frischen Sieg an. Bei der Generalprobe vor zwei Wochen auf der Trabrennbahn in Bahrenfeld war der Dunkelbraune seinen Gegnern deutlich überlegen. Doch mit den Besten des Jahrgangs hat sich Lilliano noch nicht gemessen. Daher hält auch Wewering eine Derby-Überraschung für möglich. „Für alle Fahrer und Besitzer, aber auch für das wettende Publikum wird die Prognose schwierig“, sagt der Sportler und kritisiert die augenblickliche Situation. „Aufgrund ihrer finanziellen Schwierigkeiten haben die Rennvereine etliche hoch dotierte Jahrgangsprüfungen gestrichen, die früher einen genauen Leistungsvergleich ermöglichten. So wird das Derby zum Ratespiel.“

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Frankfurter Allgemeine Zeitung (Ausgabe vom 28.4.2008)

      Da staunt sogar Mario Basler: Igor Font landet einen Volltreffer 

                    Der braune Hengst siegt beim Premio d’Europa

(H.Lingk) 

MAILAND.  Mario Basler ist nicht gerade für eine übertrieben zurückhaltende Wesensart bekannt. Ganz im Gegenteil: Besonders in seiner aktiven Zeit beim FC Bayern galt der dreißigmalige Fußballnationalspieler als oberster Sprücheklopfer der gesamten Liga. Doch als ihn am Freitagabend der Anruf seines Schwagers und Managers Roger Wittmann erreichte, blieb dem 39-Jährigen für einen Moment die Spucke weg. „Dieses Resultat hatte wirklich niemand erwartet“, sagt Basler. „Das haben wir uns selbst in unseren kühnsten Träumen nicht ausgemalt.“ 

Die sensationelle Nachricht für Basler, der als Co-Trainer des vom Punktabzug bedrohten TuS Koblenz gerade harte Zeiten durchlebt, hatte nichts mit Fußball zu tun – sondern mit Pferdesport. Wenige Minuten zuvor war auf der Sandpiste in Mailand der Gran Premio d’Europa entschieden worden, das mit 300 000 Euro dotierte wichtigste Rennen des Kontinents für vierjährige Traber. Dieses Ereignis, das alljährlich am italienischen Nationalfeiertag ausgetragen wird und im weltweiten Pferdesport einen herausragenden Stellenwert besitzt, wurde auch für Basler urplötzlich zur Feierstunde. Denn auf der Ziellinie war ein Traber vorne, mit dem kein Turfexperte ernsthaft gerechnet hatte: Der Hengst Igor Font, der dem von Mario Basler, Roger Wittmann und der Ex-Tennisspielerin Anke Huber gegründeten Trabrennstall Catch Glory gehört. Für den deutschen Trabersport ist dies der größte internationale Erfolg seit Jahren. 

Im Vorfeld bestand zwar kein Zweifel daran, dass der Hengst über außergewöhnliches Können verfügt. Dies hatte Igor Font bereits in der letzten Saison mit seinem dritten Platz beim italienischen Derby und der imposanten Bilanz von zwölf Starts, von denen er genau die Hälfte gewann, eindeutig bewiesen. Doch beim Gran Premio d’Europa schien der Braune die schlechtesten Karten zu besitzen. Denn während seine zwölf Gegner optimal vorbereitet antraten, lief die Planung für den Crack des Stalls Catch Glory, der im bayrischen Städtchen Mengkofen beheimatet ist, überhaupt nicht nach Maß. Mario Basler: „Unser Hengst kam aus einer siebenmonatigen Ruhepause und sollte kurz vor dem Gran Premio d’Europa noch ein Aufbaurennen bestreiten, um die Kondition zu verbessern. Aber dann machte eine fiebrige Erkältung einen dicken Strich durch die Rechnung. Aufgrund dieses Handicaps wären wir in Mailand schon mit einem fünften Rang zufrieden gewesen.“



Doch als es erst wurde, lieferte Igor Font eine blitzsaubere Leistung ab. Schon kurz nach dem Start stürmte der Vierjährige mit dem französischen Landesmeister Jean-Michel Bazire im Sulky auf den zweiten Patz. Und als das Feld aus der letzten Kurve heraus auf die Zielgerade bog, fertigte der Basler-Traber den führenden Konkurrenten Iulus del Ronco überlegen ab. Mit pfeilschnellem Antritt lief der Hengst in der Kilometerzeit von 1:12,0 Minuten zudem einen neuen phantastischen Rennrekord heraus. Damit übertrumpfte er sogar seinen Vorgänger in der Siegerliste: Den Traber Varenne, mit einer Gewinnsumme von fünf Millionen Euro über Jahre hinweg das weltweit beste Pferd. „Wir haben nun einen echten Europa-Crack in unserem Stall“, sagt Anke Huber, die neben Steffi Graf lange Zeit die beste deutsche Tennisspielerin war, voller Stolz.

Ein Prädikat, dass sich für das Gestüt Catch Glory zukünftig vor allem finanziell bemerkbar machen wird. Nicht nur in den Rennen – denn mit seinem Mailänder Sieg hat der Traber des prominenten Besitzertrios bereits jetzt die Weichen für eine Zukunft als Deckhengst gestellt. Der Sektor also, mit dem sich im Pferdesport bei weitem das meiste Geld verdienen lässt. Pro Jahr kann ein Zuchthengst bis zu hundert Stuten bedecken. Bei einem Preis bis zu 30 000 Euro pro Sprung also weitaus mehr als nur ein Nebengeschäft. Die hohen Investitionen, die Basler, Huber und Wittmann in den vergangenen Jahren in den Aufbau ihres Rennstalls gesteckt haben, werden sich nun lohnen. „Jede Seite hat zwei Medaillen“, hat Mario Basler einmal in einem Interview zur Belustigung des Publikums gesagt. Ab sofort lernt er die bessere Seite kennen.

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Frankfurter Allgemeine Zeitung (Ausgabe vom 29.1.2008)

                                       Déjà-vu für einen Hengst

                                     Nur der größte Fan zweifelt

                  Offshore Dream siegt wieder beim Prix d'Amérique

(H.Lingk)

PARIS.  Ob Rom, Berlin oder Stockholm: Michael Diermeier ist bei jedem bedeutenden Trabrennen dabei. Nicht im Sulky, sondern auf der Zuschauertribüne. Mit seiner auffälligen bayrischen Trachtenkleidung und der riesigen bajuwarischen Landesfahne, die er auch dann leidenschaftlich schwenkt, wenn kein einziger deutscher Fahrer am Start ist, erfreut sich der 61 Jahre alte Unternehmer aus Würzburg bei den Fernsehsendern großer Beliebtheit und gibt mehr Interviews als mancher Sportler. Natürlich war der Bayer auch am Sonntag in Paris als Gesprächspartner begehrt. Doch auf die Frage, wer den Prix d'Amérique Marionnaud gewinnt, das wichtigste Trabrennen der Welt, tat sich der Pferdeliebhaber schwer und nannte vier mögliche Sieger. 

Der Deutsche unterschied sich damit grundlegend von den 40 000 Zuschauern um ihn herum und den zwanzig Millionen Franzosen, die das Rennen am Sonntag live am Bildschirm verfolgten. Denn die Fans hatten für den Klassiker einen klaren Favoriten auserkoren: Den sechsjährigen Hengst Offshore Dream, der das mit einer Million Euro dotierte Rennen bereits im Vorjahr gewonnen hatte. An den Wettschaltern war der der Favorit zur 2,7-fachen Quote notiert, obwohl seine 17 vierbeinigen Gegner über herausragende Klasse und eine imposante Bilanz verfügten. Über 13 Millionen Euro Preisgeld hatten die Konkurrenten des Titelverteidigers in ihren bisherigen Rennen erkämpft.



Für Pierre Levesque, den Trainer und Fahrer des Hengstes, war diese Ausgangslage nicht einfach. Im Jahr zuvor hatte er noch überrschend als Außenseiter gesiegt, doch am Sonntag lastete ein immenser Erwartungsdruck auf seinen Schultern. Zudem waren die Nerven der Pferde und Fahrer durch vier Fehlstarts zum Zerreißen gespannt. Aber als es beim fünften Versuch endlich klappte, reagierte Levesque blitzschnell und servierte seinem Traber einen traumhaften Rennverlauf. Schon nach wenigen Metern mischte Offshore Dream in der Spitzengruppe mit. Als viertes Pferd außen lag der Hengst in einer idealen Position und als die Verfolger auf dem letzten Kilometer vom Ende des Feldes aufrückten, führte Levesque seinen Schützling entschlossen zum Angriff. Aus der Schlusskurve heraus setzte sich Offshore Dream mit deutlicher Autorität an die Spitze und siegte völlig ungefährdet. "Etwa 800 Meter vor dem Ziel habe ich gespürt, dass wir gewinnen werden", so beschreibt Pierre Levesque seine Gefühle. "Vor uns lagen nur noch müde Pferde und die anderen im Rücken hatten wir zu diesem Zeitpunkt sicher im Griff." 

Bei seinem Erfolg beim 87. Prix d'Amérique Marionnaud blieb Offshore Dream nur eine Zehntelsekunde über dem Rennrekord, den er 2007 aufgestellt hatte. Mit dem gewonnenen Preisgeld in Höhe von 500 000 Euro steigerte sich seine Prämienbilanz auf 1,75 Millionen Euro. Doch das scheint noch lange nicht alles zu sein. "Mit seinem Alter von sechs Jahren ist mein Hengst noch ein sehr junges und völlig unverbrauchtes Pferd", erklärt Levesque. "Ich war schon vor dem Rennen überaus zuversichtlich, denn mein Traber hat ohne Frage die Klasse seines Vaters Réve d'Udon geerbt, der selber viele Amérique-Schlachten geschlagen hat." Der Favoritenrolle und dem öffentlichen Erwartungsdruck war Levesque daher gelassen begegnet. "Entscheidend ist in solch einer Situation das Vertrauen in das eigene Pferd. Ich hatte keinen Grund, an Offshore Dream zu zweifeln. Nur irgendein dummes Pech hätte den Sieg verhindern können." 

Levesques zweiter Triumph beim wichtigsten Trabrennen der Welt entwickelte sich zu einer grandiosen Siegesfeier und mit seiner persönlichen Freude und seinem Jubel hat der 47 Jahre alte Sulkyprofi, der in der Saison 2007 mit seinen Pferden 4,1 Millionen Euro Preisgeld herausfuhr, die Emotionen der Traberfans weltweit auf besondere Weise erweckt. Denn der Familienname Levesque steht wie kein anderer für die Geschichte des gesamten Pferdesports. Beim überlegenen Erfolg seines Hengstes Offshore Dream wurden daher nicht nur bei Levesque selber, sondern auch bei seinem Publikum Gefühle wach.  Den besten Beweis dafür lieferten die französischen Tageszeitungen nach dem Triumph: Auf den Titelseiten fand sich neben den aktuellen Rennfotos eine über vierzig Jahre alte Aufnahme. 1967 stand Levesque bei einer Amérique-Siegesfeier nämlich schon einmal im Mittelpunkt. Ganze sechs Jahre war der Knirps damals alt und er wurde von seinem Großvater auf Händen getragen: von Henri Levesque, der das wichtigste Trabrennen der Welt damals mit der Stute Roquepine gewonnen hatte.

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Frankfurter Allgemeine Zeitung (Ausgabe vom 26.1.2008)

                                      Das Rennen der Giganten

               Prix d'Amérique: Das wichtigste Trabrennen der Welt

(H.Lingk)

Paris.  Dass Michael Schumacher auch eine einzige Pferdestärke souverän beherrscht und im Umgang mit Hengsten und Stuten sattelfest ist, hat der Formel-1-Rekordmeister schon oft bewiesen. Gemeinsam mit seinem ehemaligen Ferrari-Teamchef Jean Todt teilt der 39 Jahre alte Ex-Profi seit langem die Leidenschaft für schnelle Vierbeiner. Daher ist es kein Wunder, dass die beiden zusammen mit anderen Prominenten wie den Schauspielern Jean Réno und Alain Delon seit Wochen in den französischen TV-Spots und auf Plakaten für ein besonderes sportliches Ereignis werben: Für den Prix d’Amérique Marionnaud, das wichtigste Trabrennen der Welt. Wenn sich am Sonntag gegen elf Uhr das Haupttor auf dem Hippodrom in Vincennes am östlichen Stadtrand von Paris öffnet, dann ist es wieder soweit. Rund 40 000 Besucher werden auf der Tribüne sitzen und das Rennen, das live in über 100 Länder ausgestrahlt wird, miterleben.

1920 wurde das mit einer Million Euro dotierte Rennen das erste Mal ausgetragen und es hat seit dieser Zeit eine ungeheure Ausstrahlungskraft gewonnen. Eine Magie, die der 29-malige deutsche Sulky-Champion Heinz Wewering so beschreibt: „In Paris kann man nicht mit Glück gewinnen. Dafür sind die Anforderungen dieses Rennens viel zu hart. Nur der Beste ist am Ende vorne. Jeder einzelne Sieger in der Geschichte des Prix d’Amérique Marionnaud ist ein außergewöhnlicher Traber, ein Wunderpferd. Und jeder dieser vierbeinigen Helden hat den Erfolg verdient!“

Wewering ist das Meisterstück bisher versagt geblieben. Obwohl der Westfale mit über 16 000 Siegen im Sulky der erfolgreichste Fahrer der Welt ist, war keines seiner Pferde für den Triumph im Prix d’Amérique Marionnaud gut genug. Nur zwei Mal waren deutsche Traber auf der Ziellinie vorne: 1953 gewann der Hengst Permit mit seinem Hamburger Trainer Walter Heitmann, und 2003 steuerte der Belgier Jos Verbeeck den Traber Abano As für die Farben von Alwin Schockemöhle, dem zweimaligen Olympiasieger der Springreiter, zum Erfolg.



Auch bei der 87. Auflage des Pariser Klassikers, der nur in den Kriegsjahren 1940 und 1941 nicht ausgetragen wurde, wird es keinen Sieg eines deutschen Pferdes geben. Obwohl die Vorzeichen dafür lange Zeit sehr gut aussahen. Denn mit dem Hengst Russel November besitzt der deutsche Trabrennsport endlich wieder ein Zuchtjuwel. Exakt 538 728 Euro Prämie hat der fünf Jahre alte Hengst, der von dem Niederländer Hugo Langeweg trainiert wird, bisher auf den europäischen Rennpisten erkämpft, und vor allem sein überlegener Sieg beim Deutschen Traber-Derby 2006 war beeindruckend. Zudem hat der Hengst eine besondere Gabe: Er kommt mit dem speziell zugeschnittenen Pariser Kurs, der mit seinen Steigungen und Gefällen fast einer Achterbahn gleicht, blendend zurecht. Bei seinem Debüt auf der Amérique-Piste gewann Russel November im letzten Sommer auf Anhieb den Prix Gallea gegen 14 Gegner.

Doch die Generalprobe für das wichtigste Trabrennen der Welt ging vor 14 Tagen gründlich daneben. Im Prix de Belgique um 100 000 Euro galt Russel November zwar als Mitfavorit, doch er wurde der hohen Einschätzung nicht gerecht. Auf den ersten beiden Kilometern des Rennens lag Russel November noch aussichtsreich an zweiter Position, doch auf den letzten 700 Metern verschwand die konditionelle Kraft des Pferdes komplett und der Hengst beendete die Prüfung abgeschlagen als Letzter. Für diese absolut indiskutable Leistung fand sich schnell eine Erklärung. Der Trainer Hugo Langeweg: „Russel November wurde sofort ärztlich untersucht. Dabei wurde eine Infektion der Bronchien und Atemwege festgestellt. Das macht einen Start beim Prix d’Amérique Marionnaud nun völlig unmöglich und wir werden unsere Hoffnungen auf das nächste Jahr setzen.“

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Frankfurter Allgemeine Zeitung (Ausgabe vom 2.1.2008)

                         Mario Basler im Trab auf der Überholspur 

Der Promi-Rennstall Catch Glory sorgt für Schlagzeilen in der Sulky-Szene. Der „Mann mit dem Goldhelm“ bleibt Roland Hülskath.  

(H. Lingk) 

FRANKFURT.  Als Roland Hülskath vor einem Jahr den 29-maligen deutschen Meister Heinz Wewering mit 240 Saisonsiegen an der Spitze der Sulkyfahrer abgelöst hatte, war das noch eine große Überraschung. Der „Mann mit dem Goldhelm“ – dieses Synonym galt drei Dekaden lang nur für Wewering, den erfolgreichsten Trabrennfahrer der Welt. Diese Situation hat sich in den zurückliegenden Monaten grundlegend verändert. Dass nicht mehr der Altmeister und siebenmalige Derbysieger, sondern sein 25 Jahre jüngerer Konkurrent mit dem strahlenden Erfolgssymbol geschmückt die Rennen bestreitet, daran haben sich die Zuschauer auf den Trabrennbahnen längst gewöhnt. Denn Roland Hülskaths Triumphe im Sulky sind längst zur Regel geworden, und der in Mönchengladbach lebende Sportler hat zu einer beeindruckenden Leistungskonstanz gefunden. 

In der Saison 2007 fuhr Hülskath exakt 234 Mal vor seinen Gegnern über die Ziellinie und hat damit die persönliche Bestmarke des Vorjahres auf den Punkt genau wiederholt. Zudem verdiente Hülskath mit seinen Pferden über 500 000 Euro Preisgeld. Wewering dagegen agiert seit seinem Wechsel nach Italien ohne Fortune und spielt in der offiziellen Statistik nur noch eine Nebenrolle. Die Ränge hinter Hülskath teilen sich andere Fahrer: Der erst 21 Jahre alte Michael Nimczyk aus Willich, eines der größten Talente, das der deutsche Sulkysport je hervorgebracht hat, erkämpfte sich mit 141 Saisonerfolgen knapp vor dem Hamburger Bahnchampion Heiner Christiansen (132 Siege) Platz zwei.



Einen kometenhaften Aufstieg erlebte im zurückliegenden Traberjahr der Rennstall Catch Glory, der Mario Basler, seinem Schwager Roger Wittmann und dessen Lebensgefährtin Anke Huber gehört. Vor drei Jahren hatten der Ex-Nationalkicker und die neben Steffi Graf lange Zeit beste deutsche Tennisspielerin ihren Traum von der Gründung eines eigenen Rennstalls verwirklicht. Und tatsächlich: Die Idee, die zunächst von vielen etablierten Konkurrenten als nicht sonderlich ernst zu nehmende Promi-Laune eingestuft wurde, verwandelte sich schnell in ein Erfolgsmodell. Das drückt sich in einer erstaunlichen Bilanz aus: Über 350 000 Euro Prämie haben die zwanzig Pferde des Rennstalls Catch Glory in der Saison 2007 erkämpft. Den Löwenanteil dieser Summe verdienten sie nicht auf den deutschen, sondern auf den französischen und italienischen Traberpisten. Viele internationale Erfolge kamen für Basler, Wittmann und Huber im Laufe des Jahres zusammen: So erzielte ihr Hengst Igor Font im Oktober in Rom einen dritten Platz beim italienischen Derby, dem mit 770 000 Euro dotierten wichtigsten Dreijährigen-Rennen Europas. 128 000 Euro, ein kräftiger Teil des Preiskuchens also, fielen dort für den Basler-Traber ab. 

Neben Igor Font, dem die Zukunft gehört, fiel ein weiteres Pferd im Rennstall Catch Glory mit beeindruckenden Leistungen auf: der siebenjährige Hengst Early Maker. Nach einer vorzüglichen Saison mit Siegen in Bologna, Caen und auf der direkt am Strand der Côte d’Azur gelegenen Nobelpiste in Cagnes-sur-Mer sorgte der Hengst beim letzten Jahresstart für einen gehörigen Schrecken. Am 2. Weihnachtsfeiertag war Baslers Hengst beim Gelsenkirchener Traber-Zirkel um 75 000 Euro Preisgeld als haushoher Favorit eingeschätzt worden. Bis zur Zielgeraden wurde Early Maker dieser Erwartung vollauf gerecht. Doch auf den letzten 200 Metern brach das Pferd nach ständiger Führung völlig ein. „Wir haben sofort gewusst: Da stimmt etwas nicht!“, sagt Roger Wittmann, der strategische Kopf des Rennstalls, im Rückblick, Unmittelbar nach dem Rennen wurde Early Maker in die nahe gelegene Tierklinik Dülmen gebracht. Bei der Untersuchung wurde ein Knorpelschaden im Vorderfußwurzelgelenk entdeckt. Dass der Hengst die notwendige Operation und die damit verbundene Zwangspause verdaut, steht für seine Besitzer dennoch völlig außer Frage. „Early Maker hat einen einzigartigen Charakter“, sagt Mario Basler voller Stolz, „der Hengst verfügt über eine unglaubliche Moral. Er hat in seinem jungen Leben schon mehrfach Krankheiten und Verletzungen überstanden und ist jedes Mal noch stärker zurückgekehrt!“ 

Angesichts der ausgezeichneten Qualität ihrer Pferde scheint der Erfolgsweg für Mario Basler und Anke Huber auch im neuen Jahr vorgezeichnet zu sein. Eine optimale Ausgangslage, die sich aber nicht auf den gesamten deutschen Trabrennsport übertragen lässt. Denn die hiesigen Bahnen befinden sich konstant in einer tiefen wirtschaftlichen Krise. Das Jahr 2007 hat für einen weiteren bedauerlichen Einschnitt gesorgt. Die völlig unnötige Aufspaltung in zwei verschiedene Zuchtverbände, die im September erfolgte, hat die ohnehin schon miserable Situation dramatisch verschärft. Neben persönlichen Eitelkeiten und Streitigkeiten der Funktionäre stecken dahinter auch handfeste wirtschaftliche Interessen. Während sich der Hauptverband für Traber-Zucht, der jahrzehntelang eine Monopolstellung besaß, weiterhin schwertut und bisher mit keinem strategischen Partner eine erfolgreiche Vermarktung des Rennsports realisieren konnte, zielt die neu gegründete Deutsche Traberliga in eine völlig andere Richtung. Hinter der neuen Organisation stehen nämlich  Buchmacherverbände, die von der endgültigen Übernahme des Wettgeschäfts und der eigenen Profitmaximierung träumen. Eine Vision, die dem deutschen Trabrennsport sehr gefährlich werden kann.

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Financial Times Deutschland (Ausgabe vom 9.11.2007)

                                 Baslers neues Glück auf Erden 

Erst war es nur Gaudi – jetzt hat sich Mario Baslers Leidenschaft für Trabrennpferde zur Erfolgsgeschichte entwickelt. Mit einem intelligenten System fährt der Fußballer Siege ein

(H.Lingk) 

BERLIN.  An den Tag, als Mario Basler das erste Mal im Sulky saß, kann sich selbst sein Manager und Schwager Roger Wittmann sehr genau erinnern. „Mario war damals noch Profi bei Werder Bremen und sollte zugunsten von UNICEF bei einem Promirennen antreten.“ Von dem Gedanken, einen pfeilschnellen Traber über die Piste zu lenken, hielt der Fußballnationalspieler nichts. „Er sagte zu mir nur: Ich glaube, jetzt spinnst Du komplett!“, weiß Wittmann noch sehr genau. Es kostete ihn viel Überzeugungsarbeit und etliche Biere, um Basler zur ersten Trainingsstunde im Sulky zu überreden. Dann nahm der Pfälzer tatsächlich die Traberleine in die Hand – und der Bann war schnell gebrochen. Beim anschließenden Start auf der Rennbahn in Gelsenkirchen gelang Basler zwar kein Sieg – aber seit dieser Zeit ließen die edlen Pferde und das Geräusch ihrer hämmernden Hufe den Fußballer nicht mehr los. 

„Es ein wahnsinniges Gefühl, ein Rennen zu fahren“, sagte Basler, „und das Höllentempo auf der Sandpiste macht irre Spaß!“ Doch bis aus diesem Spaß mehr wurde, musste Basler warten – da gab es ja noch seine Karriere beim FC Bayern und in der Nationalmannschaft. Seit drei Jahren ist aus dem anfänglich sporadischen Hobby jedoch viel mehr geworden. Denn der Ausnahmekicker mit dem losen Mundwerk, der heute als Assistent von Uwe Rapolder beim TuS Koblenz in der Zweiten Bundesliga das Trainerhandwerk lernt, hat sich zu einem echten Pferdeflüsterer entwickelt.

Gemeinsam mit Wittmann und dessen Lebensgefährtin Anke Huber, die neben Steffi Graf lange Zeit die zweite herausragende deutsche Tennisspielerin war, hat Basler 2004 den Rennstall Catch Glory gegründet. Das Gestüt am Reifberg – rund 20 Kilometer von Straubing entfernt im bayrischen Aitrachtal gelegen – wurde von den etablierten Konkurrenten zunächst müde belächelt und als Promilaune abgetan. Doch dann hat der Stall, vor allem in den letzten Monaten, großartige internationale Erfolge erzielt. 

Die Pferde von Mario Basler und Anke Huber haben alleine in dieser Saison schon 300 000 Euro Preisgeld auf den europäischen Rennbahnen erkämpft. Sie werden immer besser und das ist kein Zufall. Denn die Pferde bei Catch Glory werden auf eine Art und Weise gemanagt, die in Deutschland Seltenheitswert und vielleicht sogar Vorbildcharakter besitzt. Zusammen mit Wittmann, dem strategischen Kopf des Rennstalls, haben der Fußballer und die Tennisspielerin nämlich eine ausgefallene Struktur entwickelt.



Die Kraft und die Kondition tanken ihre Vierbeiner zunächst auf der 1600 Meter langen Trainingsbahn und den vielen Waldwegen rund um den Rennstall. Dort werden die edlen Traber von Alfred Winzig – einem erfahrenen Profi, der schon viele Sulky-Klassiker gewann – und seinem Co-Trainer Fritz Häusler betreut. Doch das ist nur ein Teil des Trainings. Für die jeweiligen Starts auf den internationalen Rennpisten vertraut die Catch-Glory-Mannschaft nur auf die besten Fahrer. Im Regelfall sind das sogar die Landesmeister: Angefangen vom französischen Weltrekordler Jean-Michel Bazire über den italienischen Derby-Sieger Enrico Bellei bis hin zum finnischen Europameister Jorma Kontio saß in diesem Jahr jeder im Sulky der Basler-Pferde, der im Trabersport Rang und Namen hat. So etwas hat es in Deutschland, wo meist nur ein einziger Trainer das Pferd rundum betreut, noch nicht gegeben. 

Dieses neue System ist für Mario Basler und sein Team allerdings mit erheblichem Aufwand verbunden: Für seine 20 Traber leistet er sich sogar einen eigenen Physiotherapeuten, und die Transporter des Gestüts legen jährlich über 200 000 Kilometer zurück. Doch das Konzept zahlt sich aus und hat sogar schon einen Star produziert: den Hengst Early Maker. Rund 250 000 Euro Rennprämie hat der bildhübsche Braune bisher für seine Besitzer verdient, und wenn Basler über ihn spricht, gerät er ins Schwärmen: „Early Maker hat einen einzigartigen Charakter. Er musste in seinem jungen Leben schon drei schwere Krankheiten und Verletzungen überstehen. Widrigkeiten, die für jedes andere Pferd sicherlich das Ende der Rennlaufbahn bedeutet hätten – doch der Hengst hat eine unglaubliche Moral, und er ist jedes Mal sogar noch stärker zurückgekehrt.“

Anke Huber lobt überschwänglich: „Early Maker ist für uns ein richtiges Familienmitglied geworden und wir sind unheimlich stolz auf ihn. Er ist ein Siegertyp, der einfach nicht aufgibt und bis zum Umfallen kämpft.“ Die Verschnaufpausen auf dem heimischen Gestüt in Bayern werden für Early Maker daher immer seltener. Aber wie sehr der Wunderhengst das Herz seiner Besitzer berührt hat und wie tief in diesen Momenten die Emotionalität geht, erklärt Roger Wittmann: „Ich weiß, es klingt komisch.“, sagt er. „Aber wenn ich manchmal abends vor einem Rennen alleine an seiner Box stehe, dann spricht Early Maker mit mir. Er sagt: Macht Euch keine Sorgen – ich schaukle das Ding schon!“

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Frankfurter Allgemeine Zeitung (Ausgabe vom 25.10.2007)

                  Im Raketen-Trab für Mario Basler und Anke Huber 

Der Hengst Early Maker führt das Klassefeld bei der Breeders Crown in Berlin-Mariendorf an

(H.Lingk) 

BERLIN.  Lukrativ dotierte Rennen sind auf den deutschen Traberpisten zur Ausnahme geworden. Denn ein gemeinsames Problem eint die deutschen Rennvereine schon seit zehn Jahren: die gähnende Leere in den Kassen. Seit 1997 haben die Veranstalter einen Großteil ihres Publikums und drei Viertel ihrer wirtschaftlichen Kraft verloren. In der vergangenen Saison betrug der Wettumsatz, von dem die Bahnen leben müssen und von dem sie das an die Sulkyfahrer und Pferdebesitzer ausgeschüttete Preisgeld finanzieren, lediglich nur noch 45 Millionen Euro. Egal, ob es sich um die Hamburger Trab-Arena im Norden der Republik oder um die Piste im Münchner Bezirk Daglfing dreht: Es gibt landesweit keine einzige Bahn, die nicht mit existenzbedrohlichen monetären Engpässen zu kämpfen hat. Ein krasser Gegensatz zu der Situation in den meisten anderen europäischen Nationen. Während der Wettkampf der pfeilschnellen Sulkygespanne in den Nachbarländern boomt und einen hohen Stellenwert genießt, dreht sich die Spirale im deutschen Trabrennsport seit Jahren nach unten. 

Am kommenden Wochenende wird sich diese gnadenlose Abwärtstendenz zumindest für einen kurzen Moment beruhigen. Denn in Berlin findet ab Freitag ein exquisites sportliches Highlight statt: die Rennen um die Breeders Crown, die Krone der Züchter. Auf der 1913 eröffneten Traberpiste im südlichen Stadtteil Mariendorf wird alljährlich das Derby ausgetragen. Nun geht es auf der gleichen Bahn erneut um viel Geld: Rund 300 000 Euro Prämie werden an den Wettkampftagen an die schnellsten Sulkygespanne verteilt. Wer dann am Ende die Nase vorne hat, wird für die richtige taktische Leistung endlich wieder einmal fürstlich entlohnt. Angesichts dieser Dotation ist es kein Wunder, dass nur die besten internationalen Fahrer mit ihren Pferden in Berlin gegeneinander antreten. Angefangen von dem aus seiner Wahlheimat Italien anreisenden Heinz Wewering – mit über 16 000 Siegen im Sulky der erfolgreichste Trabrennfahrer der Welt – bis hin zum zweimaligen Europameister Jorma Kontio aus Finnland und den schwedischen Spitzenkönnern Erik Adielsson und Thomas Uhrberg sind alle dabei, die im Trabrennsport Rang und Namen haben. 

Der Ausflug nach Berlin könnte sich besonders für den Finnen Jorma Kontio lohnen. Denn im Hauptlauf der fünf- bis siebenjährigen Hengste und Wallache, der am Sonntag ausgetragen wird, hat der Routinier ein überaus interessantes Pferd zur Hand: den Hengst Early Maker. Ein lieber und verspielter Traber, der auf der Sandpiste zur vierbeinigen Rakete wird. In seinen bisherigen Rennen hat der edle Braune bereits über 250 000 Euro Preisgeld für seine prominenten Besitzer verdient. Die Eigentümer des Rennstalles Catch Glory sind nämlich nicht nur eingefleischten Pferdefans bekannt: Ex-Nationalspieler Mario Basler und Anke Huber – im Schatten von Steffi Graf jahrelang die zweite hervorragende deutsche Tennisspielerin – sind seit dem Ende ihrer aktiven Karriere fest von der Leidenschaft für schnelle Traber besessen. Während Mario Basler sogar hin und wieder selber in den Sulky steigt, fiebern Anke Huber und ihr Lebensgefährte Roger Wittmann – der strategische Kopf des Rennstalls – meist von der Tribüne aus mit. Grund zur Freude haben sie dabei fast immer, denn ihre Traber stürmen von Erfolg zu Erfolg.



Early Maker gehört zu ihren besten Pferden im Stall. Aufgrund seines großen Potentials bringen Basler und seine Partner den muskulösen Hengst seit zwei Jahren eigentlich nur noch auf den französischen und italienischen Elite-Bahnen an den Start. Für die Breeders Crown in Berlin machen sie eine Ausnahme – und sie haben sich gleich mächtige Gegner eingeladen. Denn ihr Traber Early Maker trifft auf Konkurrenten ähnlichen Kalibers. Mit den beiden Hengsten Ambassador As und Unforgettable sind sogar zwei Derbysieger in dem mit 100 000 Euro dotierten Hauptlauf am Sonntag dabei. Mit dem Schimmel Graf Orlow kommt ein weiteres hochkarätiges Pferd hinzu. Und für die anderen vierbeinigen Teilnehmer gilt das gleiche Prädikat. Über zwei Millionen Euro Preisgeld haben die 13 antretenden Pferde bereits für ihre Besitzer verdient. Das Rennen ist so ausgeglichen besetzt, dass selbst Ulrich Mommert, der Chef des Berliner Rennvereins, keinen wirklichen Tipp auf den Sieger abzugeben vermag. Nur eines weiß der Industrielle ganz sicher: „Ein solch erlesenes Starterfeld wie bei der Breeders Crown hat die Berliner Bahn bisher noch nicht gesehen!“

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Frankfurter Allgemeine Zeitung (Ausgabe vom 7.8.2007)

                               Lotis Photo zahlt doppelt zurück

                         Überraschender Sieg beim Traber-Derby

(H.Lingk) 

BERLIN.  Peter Strooper gehört zu den erfolgreichsten europäischen Sulkyfahrern. In seiner niederländischen Heimat, in Frankreich und in Deutschland hat der 40-Jährige schon viele hoch dotierte Rennen gewonnen. Doch so verblüfft wie am Sonntag in Berlin war der Sportler noch nie. Als sich Strooper vom Jubel der Zuschauer begleitet zur Siegerehrung begab, da konnte er noch gar nicht richtig begreifen, was gerade geschehen war. Wenige Sekunden zuvor hatte der Niederländer mit dem dreijährigen Hengst Lotis Photo das 112. Deutsche Traber-Derby gewonnen. Ein Sieg, mit dem niemand gerechnet hatte, auch nicht der Fahrer selber. „Ich bin total überrascht. Dass sich Lotis Photo gegen solch starke Konkurrenten derartig steigert, hatte ich nicht erwartet“, gestand Strooper und musste erst einmal nach Erklärungen suchen. „Auf der letzten Runde bekamen wir im Windschatten der Mitfavoritin Freya Kievitshof einen optimalen Rennverlauf serviert. Wir waren wohl zur richtigen Zeit genau in der richtigen Position.“ 

Leendert Gerrits, dem Besitzer des Derbysiegers, erging es ebenso und er brauchte erst einmal ein paar Minuten, um alles zu verarbeiten. Dem Unternehmer aus der Metallbranche gehören fast einhundert Pferde und er genießt den Ruf, besonders bei den Jährlingsauktionen sehr gerne den Finger zu heben. Dies hatte Gerrits auch im August 2005 getan, als der noch reichlich grün wirkende Lotis Photo in den Auktionsring geführt worden war. Der Hammer fiel schließlich bei einem Gebot von 50 000 Euro. Doch trotz dieser hohen Wertschätzung hatte Lotis Photo im Anschluss zu viel Zeit für die körperliche Entwicklung benötigt. Das Derby, bei dem es um insgesamt 360 000 Euro Preisgeld ging, trat der Hengst nur als krasser Außenseiter an. Während die anderen 32 Pferde schon über viel Routine verfügten, hatte Lotis Photo bisher nur vier Starts bestritten und war zudem eine Woche zuvor bei seiner Generalprobe für das Derby klar geschlagen worden.



Daher wurde dem Hengst bestenfalls eine Nebenrolle zugetraut. Und sein Besitzer Gerrits hatte eher mit einem anderen Pferd gerechnet: mit dem Hengst Sunzi November. Der Traber schied aber schon beim Vorlauf zum Derby aus, bei dem sich die Pferde zunächst für das Finale qualifizieren. Aufgrund seiner fehlenden Trabsicherheit wurde Sunzi November disqualifiziert. Gerrits war über diese Entscheidung der Rennleitung so erbost, dass er prompt für einen Eklat sorgte. Denn der Niederländer war hoch erzürnt in den Winner-Circle der Bahn gestürmt – dort wo die Sieger geehrt werden – und er hatte damit gedroht, zukünftig keine Pferde mehr in Berlin zu starten. Zwei Stunden später, als Gerrits zweite Waffe Lotis Photo das Derby gewonnen hatte, sah der investitionsfreudige Rennstallbesitzer die Dinge natürlich völlig anders und er war der glücklichste Mensch der Welt. Der Triumph von Lotis Photo wurde inklusive der Züchterprämie mit 103 400 Euro belohnt. Der Auktionspreis kam also doppelt zurück. 

Für den Favoriten des 112. Deutschen Traber-Derbys blieb dagegen kein einziger Cent übrig. Das Publikum hatte dem Straubinger Profi Helmut Biendl und seinem Hengst Titus B die größten Chancen zugetraut. Im Rennen schien das Sulkygespann dieses hohe Vertrauen lange Zeit zu rechtfertigen und als das Feld durch die Schlusskurve raste, steckte Titus B seinen Kopf tatsächlich in Front. Lediglich auf den letzten achtzig Metern wurden dem Hengst die Beine etwas müde und er musste den außen heran fliegenden Lotis Photo ziehen lassen. Doch der Lohn für diese tolle Leistung blieb Titus B und seinem Trainer Biendl versagt. Denn aufgrund einer Regelung, die der Traber-Hauptverband erst kurz vor dem Derby verabschiedet hatte und die überaus umstritten ist, wurde Titus B disqualifiziert. Der Hengst war unter der großen körperlichen Anstrengung kurz vor dem Ziel leicht nach außen gewichen und sein Trainer Biendl konnte die Fahrspur nicht rechtzeitig korrigieren. Die von allen Experten heftig kritisierte Neuregelung machte den bayrischen Ausnahmefahrer, der schon über 6 800 Rennen gewann, zum tragischen Verlierer. Obwohl Biendl mit seinem Pferd eine großartige Leistung vollbracht und keinen Gegner behindert hatte, stand er am Ende mit leeren Händen da.

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Frankfurter Allgemeine Zeitung (Ausgabe vom 4.8.2007)       

       Auch als alter Herr ist der Hengst Sea Cove kaum zu bändigen

Der Prix-d’Amérique-Sieger von einst lässt beim Derby einen großen Moment des deutschen Trabrennsports aufleben

(H.Lingk) 

BERLIN.  Als der Hengst Sea Cove auf die Schlusskurve zurannte, hatte sein Sulkyfahrer Jos Verbeeck noch zehn Längen Vorsprung. Und dennoch sah der Belgier wie ein Verlierer aus. Denn mit so einer panischen Fluchttaktik hatte noch niemand in Paris eine hoch dotierte Prüfung gewonnen – und schon gar nicht den Prix d’Amérique, das wichtigste Trabrennen der Welt. Auch Verbeeck schien die Zeche für seine irrsinnige Taktik bezahlen zu müssen. Wie einen Hasen in der Leichtathletik hatte er sein Pferd weit vor den anderen über den Kurs getrieben. Als das Feld auf die Zielgerade stürmte, hatte der Tempomacher Sea Cove seinen Vorsprung verloren. Weißer Schaum drang aus dem  Maul und den Nüstern des Trabers, als ihn die Gegner hundert Meter vor der Linie zu überholen drohten. Was dann geschah, kann sich bis heute keiner erklären. Urplötzlich fing Jos Verbeeck wie eine ferngelenkte Marionette im Sulky zu zappeln an, um seinen Hengst noch einmal zu motivieren. „Ich weiß selber nicht, wie ich das geschafft habe.“, sagt der Belgier. Was keiner für möglich gehalten hatte, geschah: Mit einem längst geschlagenen Pferd rettete sich Verbeeck als Sieger ins Ziel. 

Dieser Triumph beim Prix d’Amérique 1994 machte den Fahrer und seinen Hengst über Nacht zur Legende. Für den deutschen Trabrennsport war es zugleich einer der größten Momente überhaupt. Denn der Hengst Sea Cove war zwar in Kanada gezüchtet worden – doch der edle Vierbeiner lief für deutsche Besitzerfarben: Der Hamburger Kaufmann Harald Grendel hatte das richtige Gespür bewiesen und den Ausnahmetraber für seinen Rennstall Cicero erworben. Eine lange Zeit ist seit dem großartigen Erfolg vergangen, doch an diesem Wochenende werden die Erinnerungen noch einmal wach. Denn beim Derby in Berlin wird Sea Cove, der insgesamt 54 seiner Starts und 2,3 Millionen Euro Preisgeld gewann, noch einmal den Sand der Berliner Derbypiste betreten, den er zuletzt als Sieger des renommierten Matadoren-Rennens verließ.



Ein Idol auf vier Beinen: Im Winner-Circle der Bahn wird der Amérique-Sieger für die vielen Schlachten, die er geschlagen hat, feierlich geehrt. Mit den anderen Pferden wird sich der 21 Jahre alte Hengst zwar nicht mehr messen können. Doch von seinem Temperament hat Sea Cove nichts verloren. „Der Hengst besitzt eine unbändige Kraft und wir müssen besondere Sicherheitsvorkehrungen treffen, damit uns der Braune nicht mitten zwischen die Zuschauer springt“, sagt der Berliner Rennvereins-Chef Ulrich Mommert. Mit seiner ungeheuren Popularität wird Sea Cove die gesamte Aufmerksamkeit der Rennsportfans auf sich ziehen. 

Natürlich gilt das Augenmerk beim 112. Deutschen Traberderby, das seit 1895 ausgetragen wird und nur ein einziges Mal, im Kriegsjahr 1945, ausfiel, auch anderen Pferden. Eine runde Million Euro Preisgeld wird während des Derbymeetings an die erfolgreichsten Rennställe verteilt. Ein Großteil davon, 536 000 Euro, geht an die Besitzer der dreijährigen Traber, die zunächst in mehreren Vorläufen gegeneinander antreten und dann im Finale der schnellsten zehn ihren Sieger küren. Den Auftakt machen am Samstag die Stuten in dem mit 176 000 Euro dotierten Arthur-Knauer-Rennen, bevor die Hengste und Wallache einen Tag später im eigentlichen Hauptderby um 360 000 Euro Prämie an der Reihe sind. Dort sind zwar auch Stuten startberechtigt; da die Hengste und Wallache dieser Altersklasse aber oft einen kleinen Tick schneller sind, scheuen die meisten Rennstallbesitzer den direkten Vergleich. Mit der Seriensiegerin Freya Kievitshof wurde nur eine einzige Traberlady für das Hauptderby am Sonntag genannt, die ihre Kräfte nun mit 32 männlichen Konkurrenten messen muss.

Ein Bayer genießt zwar besonderen Vorschusslorbeer: Der Straubinger Trainer Helmut Biendl bringt mit den pfeilschnellen Hengst Titus B mit. Seine fahrerische Bilanz kann sich ebenfalls sehen lassen: Mit exakt 6 800 Siegen gehört Helmut Biendl zu den routiniertesten deutschen Sulkyprofis und hat seinen festen Platz in der Bestenliste. Beim Buddenbrock-Rennen, der mit 50 000 Euro dotierten Generalprobe für das Derby, gelang Biendl mit seinem Hengst Titus B vor drei Wochen ein überzeugender Erfolg. Doch der amtierende Sulkychampion Roland Hülskath aus Mönchengladbach und sein Vorgänger, der 29-malige Deutsche Meister Heinz Wewering, melden als Spitzenfahrer Ansprüche an.  Für Wewering spricht die Statistik: Sein Derby-Starter Prince Carmino ist zwar noch recht unerfahren. Doch für den Taktik-Fuchs Wewering gilt das genaue Gegenteil, denn der Westfale kann auf insgesamt 16 038 Sulkytreffer und sieben Siege beim Derby zurückblicken.

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Financial Times Deutschland (Ausgabe vom 2.8.2007)

                             Nicht einmal zweieinhalb Minuten 

Ein Favoritenduell kann Deutschlands wichtigstem Trabrennen helfen, sowohl sportlich als auch wirtschaftlich wieder Boden gutzumachen


(H.Lingk) 

BERLIN.  Wenn Heinz Wewering über das Deutsche Traber-Derby und den Stellenwert dieses Klassikers spricht, der am Sonntag zum 112. Mal ausgetragen wird, dann gerät der erfolgreichste Trabrennfahrer der Welt ins Schwärmen. In seiner langen sportlichen Karriere hat der 57-jährige Westfale bisher 16 038 Rennen und viele internationale Titel gewonnen – doch das Gefühl, beim Derby als erster vor den Sulkykonkurrenten über die Ziellinie zu fahren, bleibt für ihn besonders. „Die Arbeit eines ganzen Jahres konzentriert sich genau auf diesen Punkt: Auf ein Rennen, das nicht einmal zweieinhalb Minuten dauert“, sagt Wewering. 

Sieben Mal hat Wewering das Rennen bisher gewonnen und diese imposante Zahl ordnet ihn in eine Reihe mit dem unvergessenen Johannes Frömming (1910 – 1996) ein, der das wichtigste deutsche Trabrennen sogar elf Mal gewann. Natürlich ist Wewering auch am Sonntag wieder mit dabei. Auf der Bahn in Berlin-Mariendorf geht es dann für die Derbyteilnehmer um 360 000 Euro Preisgeld. Für das Rennen legt Wewering eine beträchtliche Anreise zurück, denn der zweimalige Weltmeister hat sein Tätigkeitsfeld in der letzten Saison nach Italien verlagert. Er trainiert seine Pferde nun in der Nähe von Rom und bestreitet in seiner alten Heimat keine Rennen mehr. Doch für das Derby macht Wewering eine Ausnahme.

Allerdings wird die Aufgabe für ihn diesmal schwer. Mit dem dreijährigen Traber Prince Carmino hat der Meisterfahrer zwar ein überaus talentiertes Pferd zur Hand, das erst vor wenigen Tagen alle Turfexperten mit einem phänomenalen Tempolauf und neuer Rekordzeit verblüffte. Doch beim Derby trifft der temperamentvolle Fuchshengst auf mächtige Gegner. Vor allem der Hengst Titus B aus dem Rennstall des Münchners Thomas Berchtold liefert schon seit Monaten erstaunliche Leistungen ab. Mit seinem Trainer Helmut Biendl im Sulky gelang ihm Mitte Juli der bisher größte Wurf: Auf der Mariendorfer Bahn – der gleichen Strecke also, auf der das Derby entschieden wird – lief Titus B seinen Gegnern im mit 50 000 Euro dotierten Buddenbrock-Rennen davon. „Der Hengst verfügt vor allem in der Startphase über eine enorme Geschwindigkeit“, lobt Biendl, „er kann sofort in eine gute Position gelangen.“ Der Straubinger gehört zu den routiniertesten Rennfahrern in Deutschland. Mit 6 800 ist er eine feste Größe in der Szene.



Es wird also spannend, was den Berliner Rennvereinspräsidenten Ulrich Mommert auf einen starken Andrang an den Wettkassen hoffen lässt. Etwa 25 000 bis 30 000 Zuschauer werden am Sonntag auf der 1913 eröffneten Rennpiste erwartet. Damit ist das Derby (ab 15.30 Uhr, DSF) nicht nur in sportlicher Hinsicht der wichtigste Tag des Jahres. Das Rennen soll helfen, die negative Tendenz, die den Sulkysport wegen einer katastrophalen und planlosen Marketingstrategie jahrelang beherrscht hat, endlich zu durchbrechen. Dafür will Mommert, der mit diversen Unternehmen in der Autozuliefererbranche tätig ist, künftig tief in die eigene Tasche greifen. Er plant, die Preisgelder nicht nur beim Derby, sondern auch im Alltagssport deutlich erhöhen. Das mutet ziemlich ambitioniert an – doch ob sich der bisher reichlich unprofessionell geleitete deutsche Trabrennsport, der noch immer von überforderten Hobbyfunktionären und Spaßaktivisten gestaltet wird, wirklich dauerhaft erholt, wird dieses Derby wohl noch nicht entscheiden. Es könnte aber ein Anfang sein.

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Frankfurter Allgemeine Zeitung (Ausgabe vom 30.1.2007)

                    Prix d’Amérique: Offshore Dream setzt Maßstäbe

(H.Lingk) 

PARIS.  Als sich die 18 Teilnehmer des wichtigsten Trabrennens der Welt vor dem Start des Prix d’Amérique vor den Tribünen präsentierten, blieb Offshore Dream fast unbeachtet. Auf der Rennpiste Vincennes am östlichen Stadtrand von Paris konzentriert sich von jeher das Interesse auf die Favoriten und Lieblinge. Und Offshore Dream gehörte keiner der Kategorien an. Im Vergleich zum hochverehrten Jag de Bellouet, der mit der Summe von 4,2 Millionen Euro Preisgeld der gewinnreichste französische Traber der Geschichte ist, galt das jüngste Pferd im Feld als kleine Nummer. Gerade mal 460 000 Euro hatte der fünfjährige Hengst in 18 Rennen für seine Besitzer verdient, weniger als jeder seiner Konkurrenten. 

Doch kaum war der mit einer Million Euro dotierte Klassiker gestartet, steigerte sich die Achtung des Publikums für Pierre Levesque und seinem Traber. Denn während Jag de Bellouet schon auf den ersten Metern des Rennens regelwidrige Galoppsprünge einlegte und wenig später disqualifiziert wurde, erwischte Offshore Dream sofort eine glänzende Position. Bis weit in die letzte Kurve hinein wartete Levesque seelenruhig im Windschatten der Spitzengruppe ab und führte seinen Hengst schließlich 500 Meter vor dem Ziel zu dem entscheidenden Angriff. Mit energischen Schritten stürmte Offshore Dream an dem erschöpften Késaco Phédo vorbei und hielt auch die nachsetzenden Hengste Kool du Caux und Kazire de Guez überlegen auf Distanz.



"Als ich dieses wundervolle Pferd zum ersten Mal gesehen habe, war es wie eine Liebe auf den ersten Blick", fasste Pierre Levesque die persönliche Begeisterung für seinen siegreichen Hengst, der in der Kilometerzeit von 1:12,0 Minuten einen neuen Rennrekord im Prix d'Amérique erzielte, zusammen. Für den Sulkyprofi und seine Familie setzte sich mit diesem Erfolg zugleich eine großartige Tradition fort. Schon sein Großvater Henri Levesque hatte das wichtigste Trabrennen der Welt gewonnen. 1967, vor exakt vierzig Jahren, hatte Henri Levesque die legendäre französische Wunderstute Roquepine zum triumphalen Sieg im Prix d’Amérique gesteuert.

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Frankfurter Allgemeine Zeitung (Ausgabe vom 25.1.2007)

                             Trabrennen in anderen Dimensionen

                             Der Prix d’Amérique fesselt Millionen

   Der deutschen Konkurrenz bleibt nur ein neidischer Blick nach Paris

(H.Lingk)

PARIS.  Wenn sich am kommenden Sonntag um elf Uhr das Haupttor auf dem Hippodrom in Vincennes öffnet, dann beginnt für die Zuschauer schon vier Stunden vor dem Start zum wichtigsten Trabrennen der Welt ein überaus harter Wettstreit: der Kampf um die Tribünenplätze. Rund 40 000 Besucher werden den Prix d’Amérique, der über die weltweiten TV-Sender live in 110 Länder übertragen wird, direkt am Ort verfolgen. Das Interesse in aller Welt und speziell in Frankreich an diesem Trabrennen ist in Deutschland unvorstellbar.

Hinter diesem Sport steckt in Frankreich eine gewaltige Freizeitindustrie. Eine Branche, die für viele Arbeitsplätze sorgt: Aktuell sind 61 000 Menschen hauptberuflich auf den 252 französischen Rennbahnen und in den landesweiten Wettannahmestellen tätig. Während der Trabrennsport in Deutschland in der gesamten Saison 2006 noch nicht einmal 50 Millionen Euro erwirtschaftete und innerhalb der vergangenen zehn Jahre über zwei Drittel seiner Umsatzkraft verlor, wetten die Franzosen den annähernden Betrag in einem einzigen Rennen. 37,8 Millionen Euro flossen beim letzten Prix d’Amérique durch die Totokassen. Und das ist nur ein Bruchteil vom Ganzen: Über das Jahr gerechnet setzen die Franzosen acht Milliarden Euro auf eines ihrer liebsten Freizeithobbys: den Spaßfaktor Pferderennen.

Angesichts dieses Stellenwerts ist es kein Wunder, dass der Prix d’Amérique nicht nur auf die 18 gegeneinander antretenden Sulkygespanne eine magische Anziehungskraft ausstrahlt. Rund 700 Journalisten reisen am Sonntag zu diesem Spektakel an und das drei Minuten dauernde Rennen beherrscht alle Schlagzeilen. Wer diesen Klassiker gewinnt, der findet sich am nächsten Tag auf der Titelseite wieder.



Der Glanz des Prix d’Amérique wirft zugleich einen tiefen Schatten auf das Renngeschehen in Deutschland. Derzeit ist kein einheimisches Pferd stark genug, um den weltbesten Trabern in Paris Paroli zu bieten. Selbst ein Klasse-Traber wie der Hengst Lets Go, der als Dreijähriger das Derby gewann und später beim renommierten Gran Premio Della Nazioni in Mailand triumphierte, kann nicht mithalten. Obwohl Lets Go bisher 1,1 Millionen Euro Preisgeld erkämpfte, gibt sein Münchner Besitzer Thomas Berchtold zu: „Der berüchtigte Anstieg am Berg von Vincennes ist zu steil für uns. Auf dieser speziellen Strecke und der Kraft zehrenden 2700-Meter-Distanz gibt es weltweit dreißig Traber, die besser sind!“ Somit ist für den besten deutschen Traber aller Zeiten – den  Hengst Abano As – kein potentieller Nachfolger in Sicht. Der sensationelle Prix-d’Amérique-Sieger des Jahres 2003 läuft längst keine Rennen mehr, und sein Besitzer Alwin Schockemöhle, der zweimalige Olympiasieger der Springreiter, setzt ihn nur noch in der Zucht ein. 

Der 86. Auflage des mit einer Million Euro dotierten Prix d’Amérique fehlt nicht nur ein deutscher Starter, es fehlt dem Rennen auch ein eindeutiger Favorit. Mit dem französischen Hengst Jag de Bellouet tritt zwar ein Traber der Ausnahmeklasse an: 4,2 Millionen Euro Preisgeld hat das Pferd mit den goldenen Hufen bisher für seinen jungen Trainer Christophe Gallier verdient. Doch das Vertrauen in den vierbeinigen Giganten, der den Prix d’Amérique schon 2005 in überragender Manier gewann und im Vorjahr ebenfalls als klarer Sieger über die Ziellinie stürmte, nachträglich aber aufgrund eines Verstoßes gegen die Dopingbestimmungen disqualifiziert wurde, ist ins Wanken geraten. Denn „le cannibale“, wie ihn seine Fans bewundernd nennen, weil der Hengst seine Gegner auf der Piste regelrecht auffrisst, litt in den vergangenen Monaten an einer Sehnenentzündung und konnte von seinem Trainer nicht optimal auf den Start im Prix d’Amérique vorbereitet werden. 

Der gewinnreichste französische Traber aller Zeiten ist zudem in die Jahre gekommen und sein Auftritt im wichtigsten Rennen der Welt wird eine seiner letzten großen Aufgaben sein. Christophe Gallier versichert zwar, dass alle Blessuren nun auskuriert sind und sein Hengst den Prix d’Amérique in blendender Verfassung bestreiten wird. Doch mit dem Trainingsstopp hat das Team um den Supertraber die Öffentlichkeit irritiert und alle Wettprognosen durcheinander gewirbelt.  Aber diese Unsicherheit hat das Interesse am Prix d’Amérique nur noch weiter angestachelt. Der deutsche Trabrennsport schaut am Sonntag wieder einmal neidisch nach Paris.

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Frankfurter Allgemeine Zeitung (Ausgabe vom 8.1.2007)

             Hülskath statt Wewering - der Mann mit dem Goldhelm

(H.Lingk)

BERLIN.  Gold, Silber und Bronze: Das sind im Trabrennsport – wie in vielen anderen Disziplinen – die Farben des Erfolgs. Nur die drei Sulkyfahrer, die in der Saisonstatistik die meisten Siege mit ihren Pferden erzielen, dürfen mit Edelmetall legierte Sturzhelme in den Rennen tragen. Die wertvollste dieser Trophäen, der mit Blattgold verzierte Kopfschutz, entwickelte sich zugleich zum Synonym für einen wirklichen Ausnahmesportler: für Heinz Wewering. Drei Jahrzehnte lang beherrschte der Westfale die Szenerie auf den bundesdeutschen Traberpisten wie kein Fahrer zuvor. Sieben Derbysiege, 29 Deutsche Meisterschaften in ununterbrochener Reihenfolge, zwei Welt- und vier Europameistertitel sprechen eine deutliche Sprache. Mit seinem zähen Leistungswillen und einer schier unglaublichen Konstanz hat der 56-Jährige einen Weltrekord für die Ewigkeit erschaffen. Wewerings Marke von bisher 16 035 Siegen im Sulky, zu denen jeden Tag weitere Erfolge dazu kommen, wird für alle sportlichen Konkurrenten auch zukünftig unerreichbar bleiben. 

Der Goldhelm: Dieser symbolische Begriff stand all die Zeit fest für den Namen Heinz Wewering. Doch seit dem 1. Januar hat er seine bisherige Bedeutung verloren und das Publikum auf den Bahnen wird sich neu orientieren müssen. Denn ein anderer Sulkyfahrer wird in den Rennen ab sofort anhand dieses besonderen Symbols erkennbar sein. Mit Ablauf der Saison 2006 führt nicht mehr Wewering wie gewohnt die Tabelle an, sondern ein 25 Jahre jüngerer Fahrer hat in den zurück liegenden 12 Monaten die höhere Siegzahl erzielt. Roland Hülskath aus Mönchengladbach gelangen im Jahr 2006 insgesamt 240 Erfolge, während Wewering nur auf 202 Zähler kam. Eine Konstellation, die bis vor kurzem unvorstellbar war. Noch Mitte der Saison hatte Hülskath voller Respekt über seinen Gegenspieler gesagt: „Auf den Titel mache ich mir wenig Hoffnung. Solange der Heinz noch Rennen fährt, wird er wohl nicht zu schlagen sein.“



Dass Roland Hülskath den Sulkythron irgendwann ersteigt, wurde zwar häufig prognostiziert und er galt schon lange als Wewerings potentieller Nachfolger. Sein Können hatte der Gladbacher, der die Pferde im Rennen gerne im Feld versteckt und erst auf der Zielgeraden auftrumpft, spätestens mit dem Derbysieg seines Hengstes Ambassador As in der Saison 2004 bewiesen. Und schon weit davor hatte Hülskath geglänzt: Ganze 20 Jahre war der Nachwuchsmann alt, als er mit dem niederländischen Traber Guvo de Bloomerd einen auf deutschen Bahnen damals nie für möglich gehalten Geschwindigkeitsrekord herausfuhr. Ein möglicher Titelgewinn war für den Sulkyprofi langfristig also durchaus in Reichweite und auf ein spannendes Duell zwischen dem Offensivkünstler Wewering und dem defensiven Taktiker Hülskath hätte sich die gesamte Traberwelt gefreut. Doch der abrupte Wechsel an der Spitze kommt jetzt viel zu früh. Denn die Ablösung fußt nicht auf den direkten und fairen sportlichen Vergleich – im Gegenteil, sie besitzt nur einen reinen statistischen Wert. 

Der Hintergrund: Wewering hatte im Spätherbst – als er in der Siegtabelle noch in Führung lag – seinen in Castrop-Rauxel beheimateten Rennstall komplett aufgelöst und war in die Nähe von Rom gezogen. Auf den italienischen Bahnen hat der Sulkyfahrer seitdem wesentlich weniger Startmöglichkeiten, was in der Gesamtrechnung zum Verlust der Meisterschaft führte. Der finanzielle Ausgleich dafür ist jedoch üppig: Während ein normales Alltagsrennen auf den deutschen Bahnen nur noch mit 1 000 Euro dotiert ist, geht Wewering in Rom durchschnittlich für die zehnfache Summe an den Start. Für den deutschen Trabersport ist der Weggang Wewerings ein bitterer Verlust, denn er stellt unmissverständlich dar, in welch dramatischer wirtschaftlicher Situation sich die hiesigen Rennvereine befinden. 

Und auch der neue Champion Roland Hülskath ist über den Wechsel des Weltrekordlers nach Italien nicht wirklich glücklich – denn er hätte seinem langjährigen Kontrahenten den Titel lieber im direkten Duell abgenommen. Zudem steht Roland Hülskath vor einer ungewissen sportlichen Zukunft, da die von persönlichen Antipathien geprägten Quälereien zwischen den einzelnen Rennvereinsvorständen von Tag zu Tag schlimmer werden und jede sinnvolle Zusammenarbeit unmöglich machen. Trotz anfänglich großer Hoffnungen hat sich dieser chaotische Zustand auch unter Max Stadler, dem neuen Präsidenten des Traber-Hauptverbandes HVT, nicht verbessert.

Ganz im Gegenteil: Schon für Ende dieser Woche haben die nordrhein-westfälischen Trabertrainer einen unbefristeten Streik geplant und werden ihre Pferde bundesweit nicht mehr an den Start bringen. Sie fühlen sich durch die aktuelle Verbandspolitik, die einen Wegfall der bisher fest geregelten Trainerprozente am Preisgeld vorsieht, beruflich stark benachteiligt und werfen Stadler vor allem eine geradezu diktatorische Arbeitsweise und mangelnde Dialogbereitschaft vor.

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Financial Times Deutschland (Ausgabe vom 20.9.2006)

                                           Goldhelm in Rom

Heinz Wewering, mit mehr als 16.000 Siegen der erfolgreichste Trabrennfahrer der Welt, fährt seine Rennen ab jetzt nicht mehr in Deutschland, sondern in Italien

(H.Lingk)

ROM.  Wenn seine sportlichen Konkurrenten über Heinz Wewering sprechen, verwenden sie - trotz eigenen Ehrgeizes - neidlos Superlative. "Dieser Mann ist ein absolutes Phänomen", sagt etwa Roland Hülskath, der mit dem Hengst Ambassador As das Deutsche Derby gewann. "Wewering verkörpert den deutschen Trabrennsport wie kein anderer", schwärmt Hülskath, "solange er noch in den Sulky steigt, wird er nicht zu schlagen sein."

Der Gelobte selbst äußert sich eher zurückhaltend: "Ich mache das, was ich am besten kann, und freue mich über jeden Erfolg auf der Rennpiste", sagt Wewering, 56. Da hat er ja viel Freude im Leben gehabt, denn: Das Gefühl, als Sieger über die Ziellinie zu fahren, hat der gebürtige Westfale bisher 16.015 Mal genossen.

Diese Bilanz macht Wewering zum erfolgreichsten Sulkyfahrer der Welt und sehr wahrscheinlich auch aller Zeiten. Die nächsten Verfolger aus Kanada und den USA liegen um Tausende Zähler zurück. In Deutschland muss er sich ohnehin vor keinem Gegner fürchten.

Sein erstes Rennen gewann Wewering vor 41 Jahren in Recklinghausen; am 13. September 1965 mit dem Wallach Morgan vom Veiinghof. Die Beatles hatten am selben Tag ihre Single "Yesterday" veröffentlicht. Wewerings jüngere Konkurrenten wie Vizemeister Hülskath kamen erst zehn Jahre später zur Welt. Der Mann an der Spitze ist seitdem eine Konstante geblieben: Sieben Derbysiege, 29 Deutsche Championate in Folge sowie zwei Welt- und vier Europameistertitel sind mit dem Namen Wewering verknüpft. Sein eigenes sportliches Idol - den in Rennfahrerkreisen unvergessenen Hänschen Frömming - hat Wewering längst überflügelt.



Nun verlässt dieser Mann Deutschland und geht künftig im Ausland an den Start. Der deutsche Trabrennsport ist erschüttert. Kein Wunder: Wewerings Wechsel nach Italien dokumentiert die Misere, in der sich der hiesige Sulkysport befindet.

Noch bis Mitte der 90er Jahre wurden auf den deutschen Trabrennbahnen pro Saison rund 200 Mio. Euro an den Wettkassen umgesetzt. 2005 waren es nur noch 65 Mio. Parallel dazu sanken die Rennpreise dramatisch ab, mit der Folge, dass der berufliche Nährboden damit selbst einem Ausnahmesportler wie Wewering entzogen wird.

Die Zahlen drücken es klar aus: Zwischen 1980 und 2000 hatten die Pferde aus dem Rennstall des Champions durchschnittlich pro Jahr 2,5 Mio. Euro Rennprämie erzielt. Von dieser Summe blieb in der Saison 2005 nur noch ein Drittel übrig. Zu wenig, um einen Betrieb mit 20 Angestellten samt aufwändiger Trainingsanlage zu finanzieren.

Wewering hat Konsequenzen gezogen: Seinen 16.000. Sieg am 22. August hat er schon nicht mehr in Deutschland, sondern auf der neuen Heimatbahn Tor di Valle am Stadtrand von Rom gefeiert. Dort wird der Weltmeister ab sofort für den Rennstall Mondial Sports tätig sein, eines der landesweit größten Gestüte.

Wewering wird für seinen neuen Arbeitgeber rund 100 Pferde betreuen. Unter optimalen Bedingungen: In Italien genießt der Trabrennsport einen hohen Stellenwert, der sich am lukrativen Preisgeld und dem öffentlichen Interesse ermessen lässt. Nachdem sich der deutsche Dauerchampion bei seinem römischen Jubiläumssieg mit der Stute Flower Kronos auf der Zielgeraden überlegen von den Gegnern verabschiedet hatte, bejubelten ihn italienische Medien als "Kaiser Heinz".

In fast allen europäischen Ländern wird der Pferderennsport professionell vermarktet, nur in Deutschland nicht. Während traditionelle Trabernationen wie Frankreich, Italien und Schweden die Veranstaltungen auf den Bahnen zu einem perfekten Freizeitvergnügen entwickelt haben und über breit gestreute Wettfilialen sowie das Internet Milliardenumsätze erzielen, wird der Sulkysport in Deutschland von Hobbyfunktionären organisiert. Das sieht dann unter anderem so aus, dass sich die Trabrennsport AG - die offizielle Vermarktungsorganisation sämtlicher deutscher Rennvereine - jahrelang den Luxus erlaubte, noch nicht einmal die eigene Website mit Inhalten zu füllen.

Solche Sachen haben Wewering traurig gemacht. Wut ist daraus nicht geworden. "Im deutschen Rennsport lief in den letzten Jahren alles schief", kritisiert der Mann mit dem Goldhelm resigniert und deutet an, dass der Wechsel nach Italien nicht leicht gefallen ist.

Dem Champion tut es weh, sich von seinen hiesigen Fans zu verabschieden. Denn der beste Trabrennfahrer aller Zeiten ist in besonderem Maß mit seiner Heimat verbunden. "Ich war immer stolz darauf, meinen Rennstall in Deutschland zu führen und hier meine Steuern zu zahlen", sagt Wewering und gesteht: "Manchmal beneide ich die Weltmeister aus den populären Sportarten um ihre Anerkennung und die Gagen. Doch für mich gab es nie etwas neben den Pferden - sie sind schon immer mein Leben gewesen."

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Frankfurter Allgemeine Zeitung (Ausgabe vom 13.9.2006)

                               Der Trabrennsport verliert an Glanz 

              Sulky-Champion Heinz Wewering wechselt nach Italien

(H.Lingk)

BERLIN.  Wenn Heinz Wewering über seine lange Karriere spricht, dann fällt es ihm schwer, den größten persönlichen Triumph oder den wichtigsten Sieg auf der Rennpiste zu nennen. „Ich freue mich über jeden Erfolg – selbst wenn es nur eine gering dotierte Prüfung ist“, sagt der 56 Jahre alte Trabrennsportler. 16 010 Mal ließ der Fahrer mit dem auffälligen Goldhelm seine Konkurrenten seit dem Premierensieg am 13. September 1965 hinter sich – ein Weltrekord für die Ewigkeit. 

Dass diese Symbolfigur nun ihre Heimat verlassen wird, erschüttert den deutschen Trabrennsport in seinen Grundfesten. Wewering geht nicht freiwillig. Seine Trainingsanlage in Castrop-Rauxel am Rande des Ruhrgebiets ist längst nicht mehr ausgelastet und rentabel. Während dort früher bis zu zweihundert Pferde in den Boxen standen, waren es zuletzt nur noch fünfzig. Dieser Rückgang spiegelt die erschreckende wirtschaftliche Entwicklung des deutschen Trabrennports wider: Noch bis Mitte der neunziger Jahre wurden rund zweihundert Millionen Euro pro Saison an den Wettkassen umgesetzt. 2005 waren es nur noch fünfundsechzig Millionen. Die Rennpreise sanken dramatisch ab und der berufliche Nährboden wird damit selbst einem Ausnahmesportler wie Wewering entzogen.



Wewering hat daraus die Konsequenzen gezogen: Seinen 16 000. Sieg am 22. August hat er nicht mehr in Deutschland, sondern auf der neuen Heimatbahn Tor di Valle am Stadtrand von Rom gefeiert. Dort wird der Weltmeister ab sofort für den Rennstall Mondial Sports tätig sein, eines der landesweit größten Gestüte. Der Westfale wird für seinen neuen Arbeitgeber rund einhundert Pferde betreuen. Dies unter weitaus besseren Bedingungen: In Italien genießt der Trabrennsport einen hohen Stellenwert. Als sich der deutsche Dauer-Champion bei seinem römischen Jubiläumssieg auf der Zielgeraden überlegen von den Gegnern verabschiedete, bejubelten ihn die italienischen Medien in ihren Schlagzeilen als neuen „Kaiser Heinz“.

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Frankfurter Allgemeine Zeitung (Ausgabe vom 8.8.2006)

                               Lohnende Investition in einen Star

 Russel November ist der Konkurrenz beim Traber-Derby weit voraus

(H.Lingk)

BERLIN.  Als der Niederländer Hugo Langeweg vor einigen Wochen ein Kaufangebot für seinen Hengst Russel November bekam, überlegte er trotz der immens hohen Summe von einer Million Euro nicht eine einzige Sekunde und wehrte die lukrative Offerte eines norwegischen Gestütsbesitzers ab. „Es tut mir leid – aber dieses Pferd ist unverkäuflich“, lautete die Antwort des 53 Jahre alten Langeweg, der seine vierbeinigen Schützlinge in dem kleinen Ort Schagerbrug unweit der niederländischen Nordseeküste trainiert. Die Entscheidung des zweimaligen Europameisters der Sulkyfahrer lag hauptsächlich in der vorzüglichen Abstammung begründet, die sein Hengst Russel November besitzt. Er ist der Sohn eines Derbysiegers. Exakt zehn Jahre ist her, dass sein Vater General November das wichtigste deutsche Trabrennen – das Derby in Berlin – gewann. Insgesamt 1,2 Millionen Euro Preisgeld standen beim Ende der Karriere über der Rennbilanz dieses Ausnahmepferdes.

Dass Hugo Langeweg genau die richtige Entscheidung getroffen hatte, stellte sich am Sonntag in Berlin heraus. Die 111. Auflage des mit 374 000 Euro dotierten Traber-Derbys wurde ein triumphaler Erfolg für seinen Hengst. Russel November hatte bereits in der Qualifikation sein großartiges Können bewiesen und war auf und davon gestürmt. Als es dann drei Stunden später ernst wurde und die zehn Besten noch einmal im Finale gegeneinander antraten, war Langewegs Traber eine Klasse für sich.



Vom Startplatz fünf aus übernahm der Braune zunächst kurz die Spitze – doch dann griff die Berliner Hoffnung, der Schimmel Preussenstolz mit dem Weltmeister Heinz Wewering im Sulky, vehement an und zog am Feld vorbei. Eine Runde vor dem Ziel drehte Russel November das Spiel wieder um, ging erneut in Führung und gab diese Position bis ins Ziel nicht mehr ab. Als sich das Feld der Linie näherte, wurde sein Vorsprung mit jedem Schritt größer. Während Wewerings Traber Preussenstolz in verbotenen Galopp verfiel und disqualifiziert wurde, kamen die Hengste Sir Karan mit Michael Schmid (Essen) und Armstrong As mit Gerd Biendl (München) zwar noch einmal auf. Doch gegen Russel November, der am Ende neun Längen Vorsprung besaß, hatte keiner der beiden nur den Hauch einer Chance.

Für Hugo Langeweg war in doppelter Hinsicht ein Traum wahr geworden. Denn mit seinem Sieg knüpfte nicht nur Russel November an die Tradition seines erfolgreichen Vaters an, auch der siegreiche Fahrer trat ein Familienerbe an.. Im Sulky des Derbysiegers 2006 saß nämlich nicht Hugo Langeweg selber, sondern sein 22 Jahre alter Sohn, der den gleichen Vornamen hat. Gemeinsam mit seiner 20 Jahre alten Tochter Jessica, die ebenfalls leidenschaftlich gerne Rennen fährt, wurde die Siegerehrung für Langeweg sen. zu einem Familienfest.

Die Stimmung auf der Berliner Bahn war ohnehin gewaltig. 20 000 begeisterte Zuschauern waren sich bewusst, dass sie der Geburt eines Superstars beiwohnten. Seit dem Hengst Abano As, der vor drei Jahren den Prix d’Amérique gewann und 2,2 Millionen Euro Preisgeld verdiente, hat es keinen derart herausragenden deutschen Traber mehr gegeben. Paul Wals, dem die Legende Abano As zusammen mit dem zweimaligen Olympiasieger der Springreiter, Alwin Schockemöhle, gehört, war in Berlin vor Ort und urteilte begeistert: „Russel November ist genauso gut wie Abano As. Und vielleicht wird er eines Tages sogar noch besser werden!“

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Financial Times Deutschland (Ausgabe vom 4.8.2006)

                                   Wie der Vater, so der Sohn 

Der Hengst Russel November ist von feinster Abstammung und hoher Favorit beim wichtigsten deutschen Trabrennen: dem Derby in Berlin 

(H.Lingk) 

BERLIN.  Der Niederländer Hugo Langeweg hat in seinem Leben schon viele herausragende Pferde trainiert. Traber wie den Wallach Intact Hornline etwa, der auf den Rennpisten insgesamt 920 000 Euro Preisgeld  erkämpfte. Doch ein Pferd wie Russel November stand wohl noch nie in seinen Stallboxen. Drei Jahre ist der Hengst erst alt. Doch in Langewegs Trainingszentrum am Rande der Kleinstadt Schagerbrug – nur zehn Kilometer vom niederländischen Nordseestrand entfernt – zieht er alle Aufmerksamkeit auf sich. „Russel November besitzt eine unbeschreibliche Ausstrahlung und sein Charakter ist von einem außergewöhnlichen Phlegma geprägt“, schwärmt Hugo Langeweg über seinen vierbeinigen Schützling. 

Im vorletzten Sommer hatte der zweimalige Europameister der Sulkyfahrer den Hengst für 15 000 Euro gekauft. Ein überaus moderater Preis für ein Pferd mit einer vorzüglichen Abstammung. Denn Russel Novembers Vater, der Hengst General November, hatte 1996 beim wichtigsten deutschen Trabrennen triumphiert: dem Derby. Auch bei seinen anschließenden Starts gab sich General November nur selten geschlagen und brachte seinem Besitzer, dem Industriellen Michael Schröer aus Meerbusch, Prämien in Höhe von 1,2 Mio. Euro ein. Auf der Piste in Berlin-Mariendorf, dort wo am Sonntag zum 111. Mal das Traber-Derby ausgetragen wird, hält der unvergessene Hengst noch heute den Bahnrekord. 

Russel November scheint das Können seines Vaters geerbt zu haben. Auf dem legendären Oval in Vincennes am Rande von Paris erzielte der Hengst Ende Mai einen neuen Weltrekord für dreijährige Traber. Im Sulky des Wunderpferdes saß dabei nicht der 53-jährige Trainer, sondern dessen Sohn. Die angeborene Begabung, die der Hengst ständig unter Beweis stellt, kann man auch Hugo Langeweg jun. attestieren. Mit 22 Jahren steht der Sulkyprofi bereits an der europäischen Spitze. Er gewann in seiner niederländischen Heimat mit 139 Saisontreffern das Fahrer-Championat 2005. Im letzen Derby musste sich Langeweg jun. mit dem Außenseiter Ufo Kievitshof nur knapp geschlagen geben und landete auf Platz zwei. Das soll am Sonntag anders aussehen: Mit Russel November, der seine acht bisherigen Siege mit drei verschiedenen Fahrern erzielte, ist Hugo Langeweg jun. der klare Favorit.



Obwohl sich der deutsche Trabrennsport in der größten wirtschaftlichen Krise seiner Geschichte befindet, hat das mit insgesamt 374 000 Euro dotierte Rennen nichts von seiner Faszination verloren. Während der Alltagssport auf den Rennbahnen immer mehr Zuschauer verliert und oft sogar vor leeren Rängen stattfindet, platzt die Berliner Tribüne am Derbytag mit 20 000 Zuschauern aus allen Nähten.

Neben Hugo Langeweg jun. melden noch weitere Fahrer ernsthafte Chancen an. Der Münchner Gerd Biendl etwa, der den Hengst Armstrong As aus dem Rennstall von Alwin Schockemöhle steuert. Oder Heinz Wewering, der erfolgreichste Sulkyfahrer der Welt. Der 56-jährige Westfale hat das seit 1895 ausgetragene Rennen schon sieben Mal gewonnen und setzt sein Glück auf den Schimmel Preussenstolz. Wewerings erster Triumph beim Derby datiert bereits auf das Jahr 1981 zurück. Keiner kann das, was vor den Augen des Publikums auf der Piste geschieht, besser beschreiben als der Ausnahmekönner. „Zwei lächerliche Minuten entscheiden beim Derby über die Arbeit eines ganzen Jahres“, sagt der zweimalige Weltmeister. „Eine winzige Irritation durch den Gegner oder ein falscher Schritt deines Pferdes reicht, und alles ist vorbei!“

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Financial Times Deutschland (Ausgabe vom 2.6.2006)

                           Wo Pferde besser sind als die Turniere

(H.Lingk)

BERLIN.  Als sich das Pferdepulk rasend schnell dem Zielpfosten näherte, trauten die 40.000 Zuschauer auf der Rennpiste in Solvalla am Rande der schwedischen Hauptstadt Stockholm für einen Moment ihren Augen nicht. Im Elitloppet, der mit 535 000 Euro dotierten wichtigsten europäischen Meilenprüfung, war der beste Traber der Welt - der französische Hengst Jag de Bellouet - am vergangenen Sonntag von allen Experten als Sieger erwartet worden.

Und tatsächlich hatte sich der hohe Favorit aus der Schlusskurve heraus mit riesigen Schritten von seinen Gegnern gelöst. Doch hinter dem überlegenen Jag de Bellouet kämpften nicht etwa die hoch eingeschätzten schwedischen Lokalmatadoren um die Plätze - sondern ein Außenseiter flog von ganz hinten heran: der deutsche Hengst Lets Go. Niemand hatte mit ihm, dem Derbysieger des Jahres 2002, gerechnet. Obwohl bereits vor seinem Start im Elitloppet die stolze Summe von über einer Million Euro in der Preisgeldbilanz des bayrischen Hengstes stand.

Mit seinem Tempolauf im Elitloppet, der ihn im Finish bis auf eine Pferdelänge an Jag de Bellouet heranbrachte, trug sich Lets Go, der dem Münchner Ehepaar Thomas und Hannelore Berchtold gehört, zugleich in die Geschichtsbücher des Trabrennsports ein. Denn seit Sonntag ist der Hengst der schnellste deutsche Traber aller Zeiten.



Doch die fabelhafte Leistung des Derbysiegers wirft zugleich ein merkwürdiges Licht auf den Zustand dieser Sportart. Denn während die deutschen Pferde und Fahrer im internationalen Vergleich immer besser werden und der zweimalige Weltmeister Heinz Wewering mit 15 950 Rennsiegen sogar an der Spitze der ewigen Bestenliste steht, geht es auf den hiesigen Bahnen wirtschaftlich steil bergab. Und das trotz der imposanten 150-jährigen Geschichte, die der Trabrennsport in Deutschland hat. Er ist eine Tradition, die Ausnahmekönner wie Hänschen Frömming, Charlie Mills oder den kürzlich verstorbenen Rolf Dautzenberg hervorbrachte, und die lange Zeit Renntag für Renntag Menschenmassen auf die Bahnen lockte.

Doch seit rund zehn Jahren scheinen die Uhren auf den deutschen Traberpisten stillzustehen. Dies gilt auch für die Bahn in Berlin, auf der am Pfingstwochenende die mit insgesamt 500.000 Euro dotierten Rennen um die Breeders Crown ausgetragen werden. Bis weit in die 80er Jahre hinein ließen sich dort Prominente wie Romy Schneider, Gina Lollobrigida oder Jean Marais zu den Saisonhöhepunkten blicken. Die Derbysieger wurden von Bundeskanzlern wie Helmut Schmidt geehrt, der bei der feierlichen Prozedur mit dem jovialen Ausspruch "Wenn ich mehr Zeit hätte, würde ich gerne öfter mal einen Pferdehintern tätscheln" seinem Ruf als Schmidt-Schnauze gerecht wurde. Wer gesehen werden wollte, ging auf die Rennbahn.

Diese Zeiten sind vorbei - und daran sind die Vereine selber schuld. Da alles wie von allein zu laufen schien, ruhten sich die Funktionäre auf den eigenen Lorbeeren aus. Weder in die Technik noch in ein erfolgreiches Marketing wurde ernsthaft investiert. Statt an einer landesweiten Zentralisierung aller Aktivitäten zu arbeiten - wie es in den erfolgreichen Trabernationen Frankreich oder Schweden schon lange der Fall ist - liegen die deutschen Rennbahnen untereinander in einem Streit der Eitelkeiten, der die Spirale immer schneller abwärts dreht.

Die Berliner Bahn macht da keine Ausnahme. Ihre Haupttribüne strahlt den maroden Charme der 70er Jahre aus. Doch bei der Breeders Crown sollen die Sorgen des Alltagsgeschäfts und der negative Trend zumindest kurzzeitig durchbrochen werden. Die Chancen dafür stehen gut. Denn einerseits garantieren Weltklassefahrer wie der viermalige Prix-d'Amérique-Sieger Jos Verbeeck oder der schwedische Vize-Weltmeister Erik Adielsson dem Publikum in der Hauptstadt von Samstag bis zum Montag Spitzensport. Und andererseits ist die Qualität der startenden Pferde nicht mehr zu steigern.

In den nach Jahrgängen getrennten Rennen löst ein Derbysieger den anderen ab. Der Hengst Unforgettable, der im letzten Sommer das wichtigste deutsche Rennen mit seinem niederländischen Trainer Arnold Mollema im Sulky gewann, macht Samstag den Auftakt. Das Gespann empfing bereits eine Kampfansage. Der bayrische Trainer Gerd Biendl, der mit seinem Schützling Gustav Diamant beim Derby nur um eine Länge bezwungen Dritter wurde, will dieses Mal den Spieß umdrehen. "Mein Pferd ist besser als je zuvor", verkündet der Münchner Rennfahrer. "Wir werden den Favoriten ärgern!"

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Frankfurter Allgemeine Zeitung (Ausgabe vom 31.1.2006)

  Von wegen schwächelnder Favorit: Keiner trabt wie Jag de Bellouet

  Genugtuung nach zweitem Sieg des Hengstes beim Prix d’Amerique

(H.Lingk)

PARIS.  Zu den großen Siegern des Prix d'Amérique gehören zumeist triumphale Gesten. So mancher Favorit in der 85-jährigen Geschichte des wichtigsten Trabrennens der Welt hat den Ausdruck seiner persönlichen Freude schon vorab akribisch einstudiert. Den Rekord hält dabei mit Sicherheit Jean-Michel Bazire: Als der amtierende französische Landesmeister das mit einer Million Euro dotierte Rennen in der Saison 2004 mit Késaco Phédo gewann, überraschte er die Zuschauer kurz vor dem Ziel mit einer Rolle rückwärts im Sulky. Am Sonntag verlief das Pariser Rennen für Bazire ähnlich spektakulär - doch dieses Mal im negativen Sinne. Gerade als der Fahrer aus der letzten Kurve heraus den Schlussangriff auf den führenden Gegner Christophe Gallier und dessen Hengst Jag de Bellouet wagen wollte, verfiel sein eigenes Pferd in Galopp und wurde disqualifiziert. "Das war der Moment, wo ich wusste: Wir werden nicht mehr verlieren!", sagt der Sieger Christophe Gallier. 

Doch seine Freude über den zweiten Triumph mit Jag de Bellouet beim Prix d'Amérique, den er schon im Vorjahr gewonnen hatte, fiel beinahe schüchtern aus. Christophe Gallier warf erst kurz vor der Ziellinie einen Handkuss in das Publikum auf der Tribüne. Seinen kontollierten Jubel erklärt der 30-Jährige mit Vernunftsgründen: "Ich bin nicht der Typ für ein unnötiges Risiko. Ich hüte mich davor, frühzeitig die Peitsche zu schwingen und dann womöglich zu verlieren."



Doch die wirkliche Ursache für die selbstauferlegte Disziplin lag viel tiefer. Denn in den vergangenen Wochen stand Gallier in der französischen Fachpresse heftig in der Kritik. In der Vorbereitung auf den Prix d'Amérique musste Jag de Bellouet einige unerwartete Niederlagen einstecken. Gallier hatte zwar stets betont, dass sein Pferd lediglich an einem Hornspalt - einer kleinen und ungefährlichen Schnittverletzung des Hufes - litt und deswegen konditionell noch im Rückstand war. Doch in den Augen der Turfexperten galt diese Aussage nichts und in der pferdevernarrten französischen Öffentlichkeit ließen sich Nachrichten über einen ins Schwanken geratenden Topfavoriten viel besser an den Mann bringen. 

Beim 85. Prix d'Amérique wurden sie eines Besseren belehrt. Der Sieg von Jag de Bellouet, der schon nach 500 Metern an die Spitze der 17 Sulkygespanne stürmte, war eine einzige Demonstration. In dem Kilometerschnitt von 1:12,4 Minuten - der zweitschnellsten Zeit, die je in diesem Rennen erzielt worden war - steigerte der bislang gewinnreichste französische Traber sein Preisgeld auf 4,2 Millionen Euro. Mit nunmehr drei Siegen im Prix de Cornulier - dem mit 700 000 Euro dotierten wichtigsten Trabreiten der Welt - und seinem Doppelerfolg im Sulkyrennen um den Prix d'Amérique erweist sich Jag de Bellouet als Allrounder, der an den legendären Bellino II erinnert. An jenes Pferd, das in den 70-er Jahren drei Mal den Prix de Cornulier und den Prix de Amérique gewann. 

Wie sehr Gallier den Erfolg über die irrenden Experten genoss, drückte er deutlich aus: "Da stand so viel geschrieben, dass ich nur noch dachte: Die kennen mein Pferd wohl viel besser als ich." Was natürlich nicht der Wahrheit entspricht: Denn Jag de Bellouet läuft für die Rennfarben seines Trainers und wuchs schon als Jährling auf dem Gestüt der Galliers auf. Vielleicht hat der Braune auf diese Weise das besondere Phlegma und die innere Ruhe gewonnen, die man wirklichen Ausnahmepferden nachsagt. Noch zwei Stunden vor dem Start zum Prix d'Amérique schlummerte Jag de Bellouet in seiner Box. Und eine Stunde nach Rennen gähnte der Hengst gelangweilt, als sei das härteste Trabrennen der Welt keinerlei Anstrengung für ihn gewesen. Für ihn war der Sieg einfach nur normal. Genauso wie für die französische Öffentlichkeit, die Wetten in Höhe von 35 Millionen Euro auf ihren vierbeinigen Liebling gesetzt hatte. Weil sie trotz aller Expertenmeinungen hundertprozentig sicher war, dass er gewinnt.

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Financial Times Deutschland (Ausgabe vom 31.1.2006)

                         “Kannibale” frisst auch die Experten

                       Prix d’Amérique: Favoritensieg in Paris

(H.Lingk)

PARIS.  Französische Pferdefans nennen ihn "Le cannibale", weil der Hengst Jag de Bellouet seine Gegner im Rennen regelrecht auffrisst. Doch vor dem 85. Prix d'Amérique um eine Mio. Euro am Sonntag in Paris schien Europas bester Traber und vor allem sein Trainer und Fahrer Christophe Gallier selber das Opfer zu sein – zumindest für die Fachzeitschriften, die Gallier eine unglückliche Hand im Umgang mit seinem Pferd vorwarfen. Nach einigen unerwarteten Niederlagen forderten die Turfexperten den Rückzug von Jag de Bellouet und hielten eine Titelverteidigung des Vierbeinerkönigs beim Prix d'Amérique, den der Hengst 2005 mit überlegenem Vorsprung gewonnen hatte, für unmöglich. Dass der Knick in der Formkurve des Trabers nach Auskunft seines Trainers lediglich auf einen Hornspalt - eine ungefährliche kleine Schnittverletzung am Huf - zurückzuführen war, glaubtenten die Experten nicht. 

"Zeitweilig dachte ich: Die kennen mein Pferd besser als ich.", schmunzelt Christophe Gallier. Und man merkt dem 30-jährigen Sulkyprofi an, dass der überlegene Sieg im Prix d'Amérique, den sein Schützling Jag de Bellouet anschließend auf die Sandpiste trommelte, zugleich ein Triumph über die Experten war. Mit der zweitschnellsten Zeit, die jemals in diesem Rennen gelaufen wurde, hatte Jag de Bellouet schon nach 500 Metern die Spitze übernommen und ließ seine 16 Gegner nie entscheidend heran. Als dann beim Einbiegen auf die Zielgerade auch noch der Mitfavorit Kazire de Guez galoppierte und disqualifiziert wurde, war sich Gallier des Sieges endgültig sicher: "Da wusste ich: Uns schlägt heute keiner mehr!"



Das Publikum hatte sich von den falschen Einschätzungen ebenfalls nicht täuschen lassen und hob den erklärten Traberliebling klar auf den Favoritenthron. Rund 35 Millionen Euro wurden beim absoluten Höhepunkt der Trabrennsaison gesetzt. Weltweit wurde das Rennen in 110 Länder live ausgestrahlt und das TV-Publikum erlebte einen wahren Giganten. Mit den 500 000 Euro für den Sieg hat Jag de Bellouet nun insgesamt 4,2 Mio. Euro Preisgeld verdient. Im Vergleich dazu war die Leistung der wenigen deutschen Traber, die ihr Glück im Rahmenprogramm des Prix d'Amérique suchten, schwach. Der Hengst Arc de Triomphe, der für die Farben von Mario Basler und Anke Huber läuft, ging gnadenlos unter. Der bayrische Traber Oak General verkaufte sich im Prix du Luxembourg um 100 000 Euro zwar besser, landete aber nur auf dem neunten Rang.

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Frankfurter Allgemeine Zeitung (Ausgabe vom 21.1.2006)

             Traber-Verband insolvent: Neuer Vorstand, neues Glück? 

                            Komplexe Suche nach den Schuldigen 

(H.Lingk) 

KAARST.  „Wir sind für Traber da!“, steht in fettgedruckter Schrift auf dem Kalender mit den Rennterminen für die Saison 2006, den viele deutsche Pferdebesitzer in den vergangenen Tagen in ihrem Briefkasten fanden. Absender war der Hauptverband für Traber-Zucht und –Rennen: der offizielle Dachverband des deutschen Trabrennsports, kurz HVT genannt. Doch wird dieses Motto wirklich noch lange so gelten? Die Chancen dafür sind gering. Am Mittwoch hat der Hauptverband, der in Kaarst ansässig ist und die ordnungsgemäße Abwicklung sämtlicher Rennsportangelegenheiten kontrolliert, sein eigenes Rennen erst einmal verloren und beim Amtsgericht Düsseldorf einen Antrag auf Insolvenz gestellt. 

Als das am 10. Dezember neugewählte Präsidium des HVT um Max  Stadler – dem Vorsitzenden des Münchner Rennvereins – die Amtsgeschäfte übernahm, stellte das Gremium fest: Rund 550 000 Euro an Finanzmitteln, die größtenteils den deutschen Züchtern und Rennstallbesitzern zustehen, waren nicht mehr in der Kasse vorhanden. Das Geld ist stattdessen in den laufenden Haushalt des HVT geflossen. Anstatt die Summe ihrem geplanten Zweck zuzuführen, hatte die abgewählte Mannschaft um den Ex-Präsidenten Friedrich Willms den Verband mit diesen Finanzspritzen künstlich am Leben erhalten. Eine Organisation, die schon seit Jahren marode ist, da sich mit dem sinkenden Umsatz auf den deutschen Trabrennbahnen zugleich die Abgaben an den eigenen Hauptverband drastisch verminderten.



Einen Schuldigen in diesem Spiel zu finden, ist nicht einfach. Die Kontroversen zwischen dem neuen HVT-Vorstand und dem abgewählten Präsidium werden gerne auf die persönliche Feindschaft reduziert. Doch der Hintergrund der Misere ist viel komplexer: Der schleichende Missbrauch der finanziellen Mittel wurde über Jahre hinweg von allen beteiligten Gremien toleriert. Der neue HVT-Präsident Max Stadler tritt jetzt mit dem Ziel an, die erfolgreichen Marketingmodelle der großen Trabernationen wie Frankreich, Schweden und Italien, wo der Sulkysport boomt, auf das eigene Land übertragen. Für die meisten Aktiven und Pferdebesitzer ist er daher der erklärte Hoffnungsträger. Doch ob ihm wirklich der große wirtschaftliche Wurf gelingen wird, ist fraglich. Das Gelände des von ihm geführten Münchner Rennvereins musste er jedenfalls aufgrund von Schulden in Millionenhöhe erst einmal verkaufen.

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Frankfurter Allgemeine Zeitung (Ausgabe vom 2.1.2006)

Künftig nie mehr im Sulky: 

                                 Stig H. Johansson – eine Legende 

                                   Abschied mit 60 für die Familie

(H.Lingk) 

STOCKHOLM.  Die Nachricht, die aus Schweden eintraf, sprach sich wie ein Lauffeuer unter den Traberfans in Europa herum und dennoch erschien sie den meisten völlig unglaublich: Stig H. Johansson, die lebende Sulky-Legende und einer der weltbesten Trabrennfahrer aller Zeiten, wird zukünftig keine Rennen mehr bestreiten. Die Fahrleine wird der Profi ab sofort nur noch beim Training seiner vierbeinigen Schützlinge auf der Traberranch im Stockholmer Vorort Upplands Väsby in die Hand nehmen. Nur seine eigene Familie war in den vergangenen Wochen über den geplanten Schritt, der dem 60-Jährigen sehr schwer fiel – aber über den er wohl schon lange nachgedacht hatte – informiert. Als der Ausnahmesportler die schwedische Öffentlichkeit zum Jahreswechsel offiziell unterrichtete, löste er damit eine Welle der Sympathiebekundungen aus. Denn auf einen Sulkykönner wie ihn verzichten zu müssen, kam nicht nur in Schweden, wo der Trabrennsport in der Publikumsgunst ziemlich weit oben angesiedelt ist, einer Riesenüberraschung gleich. 

Im deutschen Sulkysport gilt Johansson als eine schillernde und zugleich fast unnahbare Persönlichkeit: Einer, der nach außen hin den Ruf des großes Schweigers genießt. „Sir Henry“ wird der Fahrer auf den deutschen Trabrennbahnen genannt. Ein Mensch, dem Zuverlässigkeit, Korrektheit und Seriosität ein solch großes inneres Bedürfnis sind, dass er lieber ein Wort weniger sagt, als einen Satz auszusprechen, zu dem er nicht steht. Dieser Charakterzug übertrug sich im Laufe seiner Karriere sogar auf seinen Fahrstil. Im Sulky hat Stig H. Johansson stets berechenbar agiert – für seine Anhänger auf den Tribünen und für seine Konkurrenten auf der Sandpiste. Seine Fahrweise war nie die eines Hasardeurs, sondern sein Stil war von einer beispiellosen Fairness und dem Vertrauen auf das Können der eigenen Traber geprägt. Die Peitsche – das ist ein Hilfsmittel, dass Johansson selbst bei den wichtigsten Rennen nur sehr selten benötigte. Die Berliner Amazonenmeisterin Katharina Merz sagt über ihn: „Sogar beim Prix d’Amerique, dem bedeutendsten Trabrennen der Welt, würde Stig lieber abgeschlagen als letzter von der Bahn fahren, als mit der Peitsche auf sein Pferd einzuprügeln.“



In seiner Fahrerkarriere hat der Schwede, den der zweimalige Weltmeister Heinz Wewering und der viermalige Prix-d’Amerique-Sieger Jos Verbeeck als ihr sportliches Vorbild bezeichnen, exakt 6 222 Rennen und 85 Millionen Euro Preisgeld gewonnen. Die Liste seiner überragender Erfolge ist endlos: Mit dem Hengst Napoletano gewann er das Berliner Matadoren-Rennen. Sechs Mal war ein beim Elitloppet, der wichtigsten Sprinterprüfung des europäischen Trabersports, erfolgreich und sieben Mal beim Derby. Mit dem Wallach Victory Tilly stürmte Johansson im New Yorker Nat Ray Trot zu dem mit 500 000 Dollar dotierten Weltrekord. 

Dass der Profi jetzt in seinem privaten Leben neue Prämissen setzt, deutete sich bereits im Juni an, als er urplötzlich zugunsten der Abiturfeier seines Sohnes auf einen Start in Berlin mit der Breeders-Crown-Siegerin Ornellaia verzichtete. Ohnehin zog sich der Schwede nach den großen Siegen immer sehr schnell aus dem Rampenlicht zurück. Als er mit dem Wallach Victory Tilly den Elitloppet auf der Stockholmer Rennpiste gewann, feierten 35 000 begeisterte Landsleute diesen schwedischen Sieg bis spät in die Nacht. Nur Johansson selber war schon kurz nach dem Ende des Rennens verschwunden. Statt Champagner und Kaviar zog er das Abendbrot im Kreis seiner Familie vor. Seiner Frau und seinen Kindern möchte Johansson nun endgültig mehr Zeit widmen: „Karin, Jenny und David sind bei meinen vielen Auslandsstarts immer zu kurz gekommen. Das ändert sich jetzt.“ Doch dass die Beendigung seiner Fahrerkarriere kein trauriger Abschied ist, daran lässt er ebenfalls keinen Zweifel: „Man wird mich ja weiterhin auf den Bahnen sehen – nur nicht im Sulky.“

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Frankfurter Allgemeine Zeitung (Ausgabe vom 8.8.2005)

 Nur nicht zu knauserig sein – oder die Peitsche zu früh schwingen 

Das Derby hat eine lange Geschichte mit vielen außergewöhnlichen Begebenheiten

(H.Lingk) 

BERLIN.  Als das mit 145 000 Euro dotierte Arthur-Knauer-Rennen am Samstag auf der Derbybahn Mariendorf entschieden war, zog der Sulky-Champion Heinz Wewering ein eindeutiges Resümee. „Es war eine klare Niederlage“, sagte der zweimalige Weltmeister, „mein Pferd hatte einen optimalen Rennverlauf und konnte den Gegner im entscheidenden Moment trotzdem nicht in Schach halten.“ Wewering hatte im Vorfeld des 110. Deutschen Traber-Derbys alle Experten verblüfft, als er seinen Stallcrack Primavera nicht für die mit insgesamt 430 581 Euro dotierten Hauptläufe des Derbys, sondern nur für das Knauer-Rennen genannt hatte. Diese Entscheidung des erfolgreichsten Sulkyfahrers aller Zeiten erwies sich als richtig. Denn mit der Leistung, die seine Topfavoritin Primavera im Knauer-Rennen geboten hat, wäre der Hauptlauf des Derbys eindeutig zu schwer für sie gewesen. Als es auf die Zielgerade ging, konnte Wewerings Stute der  krassen Außenseiterin St. Tropez, in deren Sulky der Münchner Gerd Biendl saß, erstaunlicherweise nicht Paroli bieten und musste sich mit einer Länge Rückstand geschlagen geben.



Auch im Hauptlauf des 110. Deutschen Traber-Derbys am Sonntag fiel die Entscheidung deutlich aus. Mit einem unangefochtenen Start-Ziel-Sieg wurde der niederländische Hengst Unforgettable seiner Favoritenrolle gerecht. Trainer Arnold Mollema steuerte vor 25 000 Zuschauern auf der Bahn in Mariendorf seinen Hengst Unforgettable souverän zum Erfolg im Finale der besten zehn Sulkygespanne. Von den insgesamt 430 000 Euro Preisgeld des Derbys sicherte er dem Besitzer von Unforgettable damit rund ein Drittel. 

Doch nicht jedes Mal verlaufen die Rennen so klar – und schon gar nicht im Derby selber, dessen ganze 110-jährige Geschichte voller packender Dramatik und aufwühlender Emotionen sich manchmal innerhalb von Hunderstelsekunden auf die Trennlinie zwischen Sieg und Niederlage reduziert. Auch die beiden Protagonisten des Knauer-Rennens, Heinz Wewering und Gerd Biendl, haben diese Erfahrung gemacht, und für beide Sportler verlief sie im positiven Sinn. Heinz Wewering gewann sein erstes Derby im Jahr 1981 mit dem Hengst Noble Stardom. Ein Traber von exzellenter Klasse, der jedoch einen Gegner im Jahrgang hatte, der noch besser war, als er selber: den Hengst Siegel. In den Rennen wurde Siegel stets von seinem Besitzer Horst Bergtholdt gesteuert, und natürlich war Heinz Wewering dem wenig Routine besitzenden Amateur von seinem fahrerischen Können her drückend überlegen. Während Wewering seinen Schützling Noble Stardom gekonnt um die Bahn lenkte und ihm jeden zusätzlichen Meter ersparte, hatte Bergtholdt den temperamentvollen Siegel kaum im Griff und agierte im Sulky ungeschickt. Doch mit dem Kämpferherz eines Löwen machte Siegel dieses Handicap und den Klassenunterschied zwischen den Fahrern immer wieder wett. 

Zwischen den beiden Sulkygespannen entwickelte sich ein Zweikampf, wie es ihn im deutschen Trabersport noch nie gegeben hatte. Noble Stardom und Siegel traten in allen großen Jahrgangsrennen gegeneinander an. Manchmal gewann Noble Stardom und manchmal Siegel, doch es waren immer nur Millimeter, die beide Pferde voneinander trennten. Und zweimal konnte sogar der Zielrichter kein Urteil mehr fällen: Da beide Traber exakt im selben Moment und im gleichen Takt über die Ziellinie gerannt waren, wurden sie gemeinsam zu Siegern ernannt. Nur im Derby hatte Heinz Wewerings Hengst das bessere Ende klar für sich – und dies auch nur, weil dem Amateur Horst Bergtholdt zuvor ein dummer Fehler unterlaufen war. Denn für das wichtigste deutsche Trabrennen werden die Pferde schon zwei Jahre zuvor als mögliche Starter angegeben und die Besitzer müssen entsprechende Nennungsgelder entrichten. Zu diesem Zeitpunkt war Bergtholdt, der noch nicht erkannt hatte, wie gut sein Hengst wirklich war, zu knauserig gewesen. Weil der Amateur zu sparsam war, besaß Siegel – einer der besten deutschen Traber aller Zeiten – keine Nennung für das Derby und der Gegenspieler Noble Stardom gewann. 

Biendls erster Derbysieg war 1993 fällig und ebenso spektakulär. Seinen Außenseiter Speedy Harry hatte niemand auf der Rechnung, den Sieg trauten die 25 000 Zuschauer in Berlin nur dem Hengst Tartas und seinem Steuermann Michael Schmid zu. Zweihundert Meter vor dem Ziel lag Biendls Pferd immer noch vorne, doch dann flog Tartas mit mächtigen Schritten heran. Genau auf der Linie hatte der Favorit den Außenseiter erreicht und im Sulky von Tartas riss Michael Schmid die Peitsche mit riesigem Jubel als Zeichen des Triumphes in die Höhe. Doch er hatte sich getäuscht. Nach einer zehnminütigen Tortur für das Publikum und die Fahrer war das Zielfoto ausgewertet: Nicht der Favorit hatte gewonnen, sondern der krasse Außenseiter. Michael Schmid, der vom Sulky abgestiegen war, musste vor Enttäuschung weinen und stand mit seinen Tränen mitten auf der Bahn als einsamster Mensch der Welt vor einem Publikum, das frenetisch seinen Konkurrenten Biendl feierte. „Es ist ein absoluter Alptraum“, stammelte der Sportler und selbst lange Jahre später hatte sich die Sekunde der Niederlage in seinem Gedächtnis fest eingebrannt. „Die Chance auf einen Sieg im Derby kommt nie wieder“, war Schmid felsenfest überzeugt. Doch er hatte sich ein zweites Mal getäuscht: In der Saison 2003 beendete der großartige Hengst Nelson November mit seinem Sieg im Derby Michael Schmids persönliches Trauma.

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Financial Times Deutschland (Ausgabe vom 5.8.2005)

                  Wo Favoritenstürze an der Tagesordnung sind 

Beim wichtigsten Trabrennen Deutschlands setzen viele auf die Pferde von Trainer Mollema – aber in Berlin haben die Stars schon oft gepatzt

(H.Lingk)

BERLIN.  Wenn Arnold Mollema über das Traber-Derby in Berlin am kommenden Sonntag spricht, dann legt sich ein breites Grinsen über sein Gesicht. „Welcher von meinen Hengsten gewinnt, ist mir eigentlich völlig egal“, lacht der holländische Pferdetrainer, „Hauptsache, einer von beiden hat auf der Ziellinie seine Nüstern vorne!“ Der 56-Jährige geht mit viel Optimismus an das wichtigste deutsche Trabrennen heran – etwas anderes bleibt Arnold Mollema auch gar nicht übrig. Denn alle Turfexperten und das Bahnpublikum haben zwei Pferde aus seinem Rennstall zu den absoluten Favoriten für das 110. Deutsche Traber-Derby ernannt: Die beiden Boxennachbarn Unforgettable und Uncle Joe’s Jet. Zwei Pferde mit völlig unterschiedlichem Charakter: „Der eine startet vom Fleck weg wie eine Rakete“, sagt Mollema, „und der andere fliegt im Finish wie ein Pfeil heran.“ In den mit jeweils 30 000 Euro dotierten Derby-Vorläufen gehen die beiden Edelhengste am frühen Sonntagnachmittag zunächst getrennte Wege. Wenn dann alles erwartungsgemäß verläuft und sie den Einzug ins Finale schaffen, treten Unforgettable und Uncle Joe’s Jet drei Stunden später beim Kampf um die Traberkrone und 300 000 Euro Dotation gegen acht weitere Endlaufteilnehmer an. 

Die Form der beiden Favoriten scheint zu stimmen, das haben sie in den letzten Wochen mit großartigen Leistungen bewiesen. Vor allem der nobel gezüchtete Unforgettable, dessen Vater Diamond Way 1985 selber im Derby triumphierte, scheint mit jedem Tag besser zu werden. „Es ist wie beim Sex“, scherzt Trainer Mollema, „wir nähern uns langsam dem Höhepunkt.“ 

Doch der Holländer, der in seiner langen Karriere schon weit über 3 000 Rennen gewann und als einer der erfahrendsten Traberprofis in ganz Europa gilt, weiß ganz genau, dass beim Derby nicht immer das beste Pferd gewinnt und zu dem größten Triumph, den ein Sulkyfahrer erzielen kann, neben Können vor allem sehr viel Glück gehört. „Ich verlange ja absolut keine Sonderportion davon“, nimmt Mollema diesen Fakt mit Humor, „aber ich möchte am Derbytag auch nicht eine extragroße Kelle voller Pech serviert bekommen!“



In der Geschichte des Derbys hat es schon immer große Sieger und tragische Verlierer gegeben. Der Hengst Brendy etwa stand in der Saison 1987 klar über dem Feld. Der Supertraber hatte alle Jahrgangsrennen beherrscht und der Triumph im Derby schien eine reine Pflichtaufgabe für ihn zu sein. Als die Pferde aus der letzten Kurve herausgeschossen kamen, lag nur noch ein einziger Konkurrent vor Brendy: der Hengst Toppino mit Heinz Wewering im Sulky. Aber Toppinos Beine waren bereits müde und als der unschlagbare Brendy seinen Gegner 250 Meter vor dem Ziel erreicht hatte, zog ein Jubelsturm durch das 25 000-köpfige Publikum. Doch die Freude der Fans über den sicheren Wettgewinn verwandelte sich innerhalb von Sekundenbruchteilen in Entsetzen: Denn der Topfavorit hatte ohne jedes Warnzeichen urplötzlich Galoppsprünge eingelegt, die beim Trabrennen strikt verboten sind. Brendy wurde disqualifiziert. Sein Trainer Willi Rode hat diesen Schreckmoment nie vergessen: „Der Hengst war völlig überlegen und an einen Fehler war überhaupt nicht zu denken. Ich verstehe bis heute nicht, woran es lag.“ 

Mit anderen Pferden hatte Willi Rode mehr Glück und er wurde für Brendys Ausfall mit den Derbysiegen seiner Schützlinge Athos Duke und Rambo Corner entschädigt. Doch andere Spitzenfahrer mussten lange auf den Triumph warten oder kamen, wie Arnold Mollema, bisher noch nicht zum Zuge. Manchmal führten in der Geschichte des Klassikers – der nur ein einziges Mal, im Kriegsjahr 1945, nicht ausgetragen wurde und der erstmalig am Himmelfahrtstag 1895 von dem Hengst Bambus mit seinem Fahrer Jacob Müller auf der Bahn im Berliner Bezirk Westend gewonnen wurde – außerdem nur sehr ungewöhnliche Wege zum Erfolg. So finanzierte zum Beispiel Wilhelm Mössinger, einer der ersten großen Gestütsbesitzer des Trabersports, den teuren Unterhalt seiner edlen Derbystarter mit dem massenhaften Verkauf völlig wirkungsloser Abführpillen. Und auch sonst ging es auf den Trabrennbahnen turbulent zu: Schon 1891, also vier Jahre vor dem ersten Derby, hätte es im Westend fast eine Massenpanik gegeben. Als die empörten Zuschauer während des Rennens einen Wettbetrug vermuteten, kam es zu tumultartigen Aufständen. 

Am Sonntag wird es beim Derby vermutlich ruhiger zugehen. Doch die Emotionen des Siegers werden vor den schätzungsweise 25 000 Zuschauern so ungebremst sein wie in jedem Jahr. Wer das Derby gewinnt, der kann seine Freudentränen meist nicht zurückhalten. 

Auch Rolf Dautzenberg hatte damit Mühe, als er 1995 das 100. Deutsche Traberderby mit dem Hengst Pik König gewann. Damals fiel eine zentnerschwere Last von seinen Schultern. Denn obwohl Rolf Dautzenberg neben Heinz Wewering und Hänschen Frömming als einer der besten deutschen Sulkyfahrer aller Zeiten galt, hatte er das wichtigste Trabrennen noch nie gewonnen. Vor 14 Tagen ist der begnadete Trabertrainer an einer schweren Lungenkrankheit verstorben. Er wurde 60 Jahre alt.

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Frankfurter Allgemeine Zeitung (Ausgabe vom 1.8.2005)

 Als Ausnahme inmitten der Krise: Das Derby fasziniert wie eh und je 

                   Der Trabrennsport krönt seine Besten in Berlin

(H.Lingk) 

BERLIN.  Als der Sulkyfahrer Jacob Müller am Himmelfahrtstag des Jahres 1895 mit dem Hengst Bambus das erste deutsche Traber-Derby gewonnen hatte, war ihm sicherlich nicht bewusst, welche sportliche Lawine er damit losgetreten hatte. Zwar waren zu dem Spektakel auf der Rennbahn im Berliner Stadtteil Westend, die längst nicht mehr besteht, Tausende von Zuschauern gekommen. Doch welche Tradition dieses Rennen eines Tages verkörpern würde, konnte niemand wirklich ahnen. 110 Jahre später ist die Entwicklung bekannt: In all dieser Zeit fand das wichtigste deutsche Trabrennen der Saison nur ein einziges Mal nicht statt. Im Frühsommer 1945 fiel es den letzten Kriegswirren und den Zerstörungen in der Hauptstadt zum Opfer. Doch schon wenige Wochen nach Kriegsende steuerten die Sulkyfahrer ihre Pferde wieder im Kreis um die Bahn. Wenn ein Begriff im Trabersport seitdem zum Symbol für packende Dramatik und ergreifende Emotionen geworden ist, dann ist es das Wort Derby. Wer dieses Rennen gewinnt, der weint zumeist vor Freude. 

Die Geschichte des Derbys und die Erzählungen, die das Rennen selber schrieb, waren schon immer spektakulär. So hatte Wilhelm Mössinger – einer der ersten großen Gestütsbesitzer des Trabersports – den teuren Unterhalt seiner edlen Derbystarter mit dem massenhaften Verkauf völlig wirkungsloser Abführpillen finanziert. Die historischen Wurzeln des Sulkysports in der deutschen Hauptstadt gleichen sogar einem Märchen: Im Jahr 1876 ließ ein russischer Zirkusdirektor namens Salamonski einige seiner Pferde in improvisierten Schaurennen gegen Traber aus Berliner Privatbesitz antreten. Darunter befanden sich vor allem Transportpferde von Schlachtern, die die Geschwindigkeit ihrer Vierbeiner austesten wollten. Zu diesen wilden Straßenrennen strömte eine von Tag zu Tag anwachsende Menschenmenge und der öffentliche Verkehr brach nach kurzer Zeit zusammen: Der Berliner Trabrennsport war geboren. Die Veranstaltungen auf den Bahnen in Weißensee und im Westend wurden zum absoluten Volksvergnügen. 1891 hätte es im Westend beinahe eine Massenpanik gegeben. Als die empörten Zuschauer während des Rennens einen Wettbetrug vermuteten, weil der hohe Favorit weit abgeschlagen am Ende des Feldes lag, kam es zu tumultartigen Aufständen und die Veranstaltung geriet gefährlich außer Kontrolle. 

In den vergangenen Jahren ist es ruhiger geworden um den Trabrennsport und von den Umsätzen an den Wettkassen kann er kaum noch leben. Während die Pferde immer schneller wurden, traten die verantwortlichen Funktionäre in den Rennvereinen und im Dachverband auf der Stelle und haben die dringend notwendige organisatorische Modernisierung versäumt. Doch das Derby selber bleibt davon unberührt: Am kommenden Sonntag werden wieder über 20 000 Zuschauer auf die Bahn in Mariendorf strömen. Die gesamte Rennwoche, die bereits gestern begann und dann mit dem großen Finale um 350 000 Euro Preisgeld endet, wird voraussichtlich von mindestens 60 000 Zuschauern besucht. Der TV-Sender Premiere wird erstmalig große Teile des Meetings live übertragen. Wen er dann am Sonntag als Derbysieger präsentieren wird, ist recht offen. Dem Holländer Arnold Mollema werden die besten Chancen eingeräumt, denn der 56-jährige Routinier hat gleich zwei außergewöhnlich gute Traber in seinen Stallboxen stehen: die Hengste Unforgettable und Uncle Joe’s Jet. Welcher von diesen beiden Trabern der Bessere ist, weiß selbst der Trainer nicht. „Hauptsache, einer von beiden ist am Ende der Sieger“, sagt Arnold Mollema und lacht: „ich verlange ja keine Sonderportion Glück am Derbytag – ich möchte nur nicht eine extragroße Kelle voller Pech serviert bekommen!“



Der holländische Sulkysportler hat schon viele großartige Pferde geformt: Vor allem den von Alwin Schockemöhle gezüchteten Hengst Freiherr As, der bisher 1,3 Millionen Euro Preisgeld in den Rennen gewann. Doch aufgrund seiner Erfahrung weiß Arnold Mollema auch, dass nicht automatisch das stärkste Pferd als Erster im Derby über die Ziellinie rennt. In der Geschichte dieses Klassikers hat es schon immer tragische Verlierer und sensationelle Überraschungen gegeben. Und selbst einer der größten Sulkysportler aller Zeiten musste eine Ewigkeit lang auf seinen ersten Sieg im wichtigsten deutschen Trabrennen warten: Rolf Dautzenberg, der in seiner einmaligen Karriere insgesamt 5 318 Rennen gewann, war schon Fünfzig, als er in der Saison 1995 das 100. Deutsche Traber-Derby mit dem Hengst Pik König gewann. „Ich habe eben gewartet, bis eine runde Zahl über dem Rennen steht“, hatte der Ausnahmeprofi damals gescherzt. In seinem größten Kampf musste sich Rolf Dautzenberg jedoch vor wenigen Tagen geschlagen geben. Der Sportler verstarb am 21. Juli an einer Lungenkrankheit. Doch der unbändige Optimismus, der ihn immer geprägt hatte, wird auch für seine Nachfolger das Leitmotiv beim Derby sein. „Wenn so viele Teilnehmer ins Rennen gehen“, hat Rolf Dautzenberg einmal gesagt, „warum soll dann ausgerechnet ich verlieren?“

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Frankfurter Allgemeine Zeitung (Ausgabe vom 11.7.2005)

                     Ehrgeizig wie ihr Lebensgefährte Wewering 

 Trabrennfahrerin Afsoon Amirfallah triumphiert beim Ladies Gold Cup

(H.Lingk)

BERLIN.  An ihren ersten Sieg im Sulky kann sich Afsoon Amirfallah noch genau erinnern. „Das war auf der Rennpiste in Hamburg mit einem Wallach namens Scanlon“, sagt die Iranerin, die 1985 als Zwölfjährige mit ihren Eltern nach Deutschland zog. Dann schmunzelt sie: „Ganz ehrlich: Scanlon ähnelte viel eher einem Kamel, als einem edlen Rennpferd.“ So benahm sich Der Braune auch auf der Bahn: Der Wallach konnte zwar rasant starten, aber zur Hälfte der Strecke ging ihm regelmäßig die Puste aus. Scanlons Rennbilanz war erschreckend, und keiner der wettenden Zuschauer rechnete mit seinem Sieg  – schon gar nicht mit der unerfahrenen Amazone im Sulky des krassen Außenseiters. Als das Rennen begann, übernahm Scanlon wie immer die Spitze. Doch dann geschah etwas Ungewöhnliches: Nach tausend Metern, wo ihm sonst die Beine müde wurden, lag der Wallach immer noch in Front. Als es auf die letzte Kurve zuging, kamen die Verfolger vor dem verblüfften Publikum immer noch nicht entscheidend heran. „Ich konnte es selber nicht fassen und habe im Sulky vor lauter Aufregung geschrieen“, erinnert sich Afsoon Amirfallah. „Vielleicht hat mein Pferd deswegen einfach einen Riesenschreck bekommen. Der Wallach zog auf der Zielgeraden ab wie eine Rakete und deklassierte die Gegner.“

Als die Iranerin am Wochenende in Berlin beim Wettkampf um den Ladies Gold Cup, der inoffiziellen deutschen Meisterschaft, in vier Läufen gegen 14 andere Spitzen-Amazonen antrat, hat sie zwar nicht vor Aufregung geschrieen – aber ihre Emotionalität und ihr offensiver Fahrstil sind exakt gleich geblieben. Nur die Erfolgsstatistik der 32-Jährigen hat sich seit ihrem ersten Sieg mächtig verändert: Mittlerweile hat Afsoon Amirfallah 331 Rennen und 520 000 Euro Preisgeld gewonnen. Dass sie zugleich die Lebensgefährtin von Heinz Wewering ist – dem erfolgreichsten Trabrennfahrer der Welt – hat ihr bei diesen Siegen nur wenig geholfen. Im Gegenteil, es hat manches sogar schwierig für Afsoon gemacht. „Anfangs hieß es überall: Die kann doch selber überhaupt nichts, sie bekommt nur die guten Pferde von Wewering zugeteilt“, fasst die Amazone ihre Gefühle zusammen. „Es war nicht einfach, den Leuten zeigen, dass es so nicht stimmt.“



Aber diese Situation hat sich inzwischen verändert, und was sie zu leisten vermag, braucht die Sportlerin nun niemandem mehr zu beweisen. In Berlin war vor allem ihr Triumph mit der eigenwilligen Stute Medianoche vom Gestüt Knuffmann beeindruckend. Da sie obendrein mit dem in eigenen Farben laufenden Hengst Koko Lobell gewann, ließ Afsoon Amirfallah den Konkurrentinnen beim Ladies Gold Cup keine Chance. Das musste sogar Rita Drees aus Kaarst, mit 2 116 Trabrennsiegen die graue Eminenz aller Sulkysportlerinnen, neidlos anerkennen. Sie landete abgeschlagen im Feld.  

Auf ihre Einsätze bereitet sich Afsoon Amirfallah akribisch vor – mit einer gehörigen Portion Ehrgeiz im Bauch. Heinz Wewering sagt dazu: „Davon besitzt sie mindestens genauso viel, wie ich selber.“ Doch es gibt auch Unterschiede: Wenn die Amazone über ihre Traber spricht, wählt sie Worte, die vielen männlichen Sulkyfahrern fremd sind. Mit der Stute Royal Fabienne etwa wurde sie im dritten Wertungslauf des Ladies Gold Cup nur Fünfte – aber diese Enttäuschung ändert nichts an der Sympathie, die sie für ihr Pferd hegt. „Royal Fabienne ist mein absoluter Schatz“, beschreibt die Amazone diese Zuneigung. Damit steht Amirfallah nicht alleine. Die anderen Amazonen empfinden es ebenso. Wenn Frauen im Sulky Platz nehmen, dann wollen sie gewinnen – aber es geht ihnen zugleich um andere Dinge, denen Männer nicht immer dieselbe Beachtung schenken. Dass alle Pferde gesund in den Stall zurückgekehrt sind, war zum Beispiel für die Cup-Dritte Karin Walter-Mommert, die 1999 Europameisterin wurde, das Wichtigste. Rita Drees beschreibt ihre Motivation, seit über vierzig Jahren in den Sulky zu klettern, so: „Es liegt nur an einer Sache: der Faszination Pferd.“

Wie Afsoon Amirfallah können sich natürlich alle anderen Teilnehmer des Ladies Gold Cup an ihren ersten Sieg erinnern. Der viertplatzierten Katharina Merz aus Berlin gelang dieser Treffer mit einem Wallach namens Markus. 15 Jahre zurück hatte sich der damalige Teenager unsterblich in den Traber verliebt und mit der Unterstützung der Eltern gekauft. Im Ladies Gold Cup konnte Katharina ihr Pferd nicht starten. Dafür ist der Wallach mittlerweile viel zu alt – und dafür wäre er auch nicht gut genug gewesen. Doch an der Liebe zu ihrem Pferd hat sich nichts geändert: Lange Jahre nach ihrem ersten gemeinsamen Sieg kümmert sich die Amazone um ihren Wallach wie am ersten Tag.

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Financial Times Deutschland (Ausgabe vom 8.7.2005)

                                  Wettstreit der Amazonen

Beim Ladies Gold Cup in Berlin tritt am Wochenende die Elite des Trabrennsports an

(H.Lingk)

BERLIN.  „Frauen im Sulky sind noch schwerer zu ertragen, als Frauen am Steuer“ – so redete der ehemalige Geschäftsführer des Berliner Trabrenn-Vereins, Hans-Otto Stemper, über dieses Thema und demonstrierte damit, wie man(n) früher mit weiblichen Sportlern umging. Die wenigen Frauen, die sich mit ihren Pferden in die Rennen wagten, wurden belächelt und verspottet. Als einige Sulkyfahrerinnen 1993 auf die Idee kamen, eine Meisterschaft für Frauen auszutragen, hätte sie der besagte Funktionär am liebsten von der Bahn gejagt. Weil er glaubte, die Zuschauerränge würden mangels Desinteresse leer bleiben, gab er nur widerwillig seine Zustimmung zum ersten „Ladies Gold Cup“.

Die Amazonen mussten die Veranstaltung in Eigenregie organisieren. Doch genau das führte zum Erfolg. Denn die Zuschauer strömten wider Erwarten in Massen zum Wettkampf und so wurde der Funktionär stutzig. Wenig später ratterte der Umsatz rekordverdächtig durch die Totokassen und Stemper hatte seine Fehleinschätzung endgültig erkannt. Schnell besorgte er Blumen und drückte sie Karin Walter-Mommert, die den Ladies Gold Cup zusammen mit zwei Freundinnen ins Leben gerufen hatte, bei der Siegerehrung als Dank in die Hand. Bei der Erinnerung daran muss die Amazone, die 1999 den Europameistertitel gewann, noch heute schmunzeln. 

Inzwischen haben sich die Verhältnisse geändert, auch international: Dies hat vor allem die Schwedin Helen Johansson bewirkt. 1995 ging sie in Paris im Prix d’Amerique an den Start – dem wichtigsten Trabrennen der Welt. Als sie sich mit ihrer Wunderstute Ina Scot als zweite Frau in der damals 75-jährigen Geschichte dieses Klassikers in die Höhle des Löwen wagte, nahmen sie nur wenige Konkurrenten und kaum einer der wettenden Zuschauer ernst. Obwohl das Pferd der Amazone zuvor exzellentes Können bewiesen hatte, trat das Sulkygespann im Prix d’Amerique als krasser Außenseiter zur 28-fachen Quote an. Doch nach 2700 Metern war ihren 17 männlichen Konkurrenten das Lachen vergangen: Helen Johansson hatte mit der Stute Ina Scot in neuer Rekordzeit gesiegt. Dieser Triumph kam einem psychologischen Erdrutsch gleich: Seit diesem Tag ist der Schwedin zu Ehren ein mit 80 000 Euro dotiertes Rennen in Paris gewidmet.



Für die 15 Frauen, die morgen in Berlin beim Kampf um den Ladies Gold Cup, der deutschen Amazonenmeisterschaft, in vier Rennen gegeneinander antreten, ist die Situation in den letzten zehn Jahren daher erträglich geworden. Wenn die großen Rennställe und Gestüte ihre Fahrer für die Prüfungen benennen, bekommen die Frauen nun die gleiche Chance. Ihr Können wird nicht länger angezweifelt. Kein Wunder: Die 15 Cup-Amazonen gehören zum Besten, was der deutsche Trabrennsport zu bieten hat. Ihr bisher gewonnenes Preisgeld beläuft sich auf 5,5 Millionen Euro. Zusammengerechnet haben sie in 3 222 Rennen gesiegt. Und das auf sehr eigene Weise: Während sich viele Männer im Sulky aufführen wie römische Kampfwagenfahrer und ihre Traber unter dieser Anstrengung schnell zu  schnaufen beginnen, dirigieren die Sportlerinnen ihre Pferde meist ruhig und ohne Imponiergehabe um die Bahn. 

Das beste Beispiel dafür ist die Berlinerin Katharina Merz, eine der großen Favoriten für den Sieg beim Ladies Gold Cup. Während des Rennens scheint die 30-Jährige fast regungslos im Sulky zu sitzen und bis weit in den Einlauf hinein versteckt sie ihr Pferd in den hinteren Regionen des Feldes. Doch wenn der Zielpfosten naht, stößt sie urplötzlich nach vorne: In dieser Saison gewann die Amazone exakt 42 Prozent ihrer Starts und liegt damit vom Schnitt her in der Statistik sogar vor dem Ausnahmefahrer und zweimaligen Weltmeister Heinz Wewering auf dem ersten Platz. 

An den ersten Sieg ihrer Sulkykarriere kann sie sich noch gut erinnern. Mit einem Wallach namens Markus gelang ihr das. „Als ich den Braunen gesehen habe, war ich sofort in ihn verliebt“, sagt Katharina Merz. Beim Ladies Gold Cup wird ihr erster Sieger nicht mehr vor dem Sulky antreten – dafür ist er nun viel zu alt und dafür war auch nie gut genug. Aber das hat für Katharina keine Bedeutung. Denn in ihrer Beziehung zu diesem Pferd hat sich nichts geändert: Lange Jahre nach seinem letzten Rennen kümmert sie sich um ihn wie am ersten Tag.

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Frankfurter Allgemeine Zeitung (Ausgabe vom 7.6.2005)

               Jos Verbeecks Tschagga trabt in Berlin hinterher 

(H.Lingk)

BERLIN.  Jos Verbeeck, der viermalige Prix-d'Amerique-Sieger, gilt als verrücktes Genie im Sulky, das nur selten ohne einen Treffer von der Bahn fährt. Kein Wunder, dass die Zuschauer bei der Breeders Crown in Berlin den "Hexer" und seinen Traber Tschagga im Hauptlauf der fünf- bis siebenjährigen Hengste und Wallache um 75 000 Euro auf den Favoritenthron gehoben hatten. Dieses Rennen bildete den Mittelpunkt des gesamten dreitägigen, mit 550 000 Euro dotierten Meetings, da hier die gewinnreichsten und international erfahrenen Pferde antraten.



Zusammengenommen hatten die Cracks bereits 2,35 Millionen Euro in ihrer Preisgeldbilanz stehen, und mit seiner Statistik von 15 Siegen bei 24 Starts lag Verbeecks Hengst Tschagga vom Gestüt des früheren Tchibo-Chefs Günter Herz gut im Schnitt. Doch als es ernst wurde, ging dem Favoriten nach der Hälfte der Strecke die Puste aus. Stattdessen kam ein Wallach von hinten regelrecht herangeflogen, mit dem niemand gerechnet hatte. Der von der Dänin Gitte Madsen trainierte Traber Springfield galt mit dem Sulkyprofi Michael Schmid aus Essen nur als chancenloser Außenseiter im Feld. Die Hürde Breeders Crown nahm der Wallach dennoch ohne Probleme. Der männlichen Sulkysport-Diva Verbeeck war es egal: Während der Sieger Michael Schmid noch im Mariendorfer Winner-Circle interviewt wurde, hatte sich der Belgier bereits umgezogen und die obligatorische Sonnenbrille aufgesetzt: „Ich bin in Eile, denn in ein paar Stunden geht es in Frankreich für mich weiter.“

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Frankfurter Allgemeine Zeitung (Ausgabe vom 3.6.2005)

      Die drei Besten greifen in Berlin nach der Breeders Crown 

Verbeeck, Johansson und Wewering: Unterschiedlicher könnten die Charaktere im Sulky nicht sein

(H.Lingk)

BERLIN.  Der Belgier Jos Verbeeck ist nicht gerade ein sehr zurückhaltender Mensch. „Wenn ein Gestütsbesitzer den Prix d’Amerique in Paris gewinnen will“, sagt der Sulkyfahrer, „dann soll er mich einfach rechtzeitig anrufen.“ Er lacht zwar dabei, aber eigentlich meint Verbeeck seine Äußerung ernst – und der Belgier besitzt in der Tat die Autorität dazu, solche Worte zu sagen. Denn der 48-Jährige hat das wichtigste Trabrennen der Welt, das mit einer Million Euro dotiert ist, bereits vier Mal gewonnen. Wenn Jos Verbeeck mit seinen Pferden auf den europäischen Bahnen an den Start geht, dann trifft er regelmäßig auf zwei Gegner, die von ihrer Art her völlig anders strukturiert sind – auf den Schweden Stig H. Johansson und den Deutschen Heinz Wewering. 

Im Gegensatz zu dem quirligen Lebemann Verbeeck, der in den Pariser Bars gerne bis spät in die Nacht hinein feiert und nach einer Kneipentour mit anschließender Schlägerei auch schon einmal ein paar Tage im Gefängnis saß, gilt Johansson als der perfekte Gentleman des Trabersports. Es muss schon viel passieren, um den Skandinavier aus der Reserve zu locken. Seine eigene Leistung stellt der schweigsame Johansson stets in den Hintergrund. Selbst wenn der Schwede den Elitloppet, die bedeutendste europäische Meilenprüfung, in Stockholm gewinnt, dann lässt er die Siegesfeier vor 40 000 Fans wie eine Tortur über sich ergehen und kehrt lieber schnell zu seiner Ehefrau Karin und den Kindern Jenny und David zurück. Für den dritten im Bunde, den deutschen Dauerchampion Heinz Wewering, gilt dies nicht: Der zweimalige Weltmeister weiß nach einem Triumph durchaus ein Glas Wein zu schätzen. Doch Wewering ist vor allem für seinen unbändigen Fleiß bekannt: Während dem Sulkygenie Verbeeck die Siege sprichwörtlich wie im Schlaf zufallen und er morgens lange in den Federn liegt, dreht Heinz Wewering selbst nach einem Derbysieg früh um sieben schon wieder Trainingsrunden um die Bahn.



Drei Männer also, wie sie vom Charakter und Charisma her unterschiedlicher nicht sein könnten – und doch haben alle drei etwas gemeinsam: Verbeeck, Johansson und Wewering verkörpern in einzigartiger Weise das Beste, was der Trabrennsport weltweit zu bieten hat. Zusammengerechnet kommen diese drei Könner auf kaum glaubliche 26 000 Siege im Sulky. Zusammen haben sie bisher rund 250 Millionen Euro Preisgeld mit ihren Pferden verdient. Am Wochenende treten die drei Giganten der Rennbahn auf der gleichen Piste gegeneinander an: Auf der Trabrennbahn Mariendorf am südlichen Stadtrand von Berlin. Dort wird am 7. August auch das Derby ausgetragen, aber angesichts dieser klangvollen Fahrernamen tritt das höchstdotierteste deutsche Trabrennen in der Bedeutung zurück. In den Annalen des Sulkysports muss man sehr weit zurückblättern und schon Idole wie Hänschen Frömming oder Charlie Mills bemühen, um den Stellenwert zu beschreiben, den die heute Abend beginnende dreitägige Veranstaltung mit den Wettkämpfen um die Breeders Crown besitzt. 

Dabei handelt es sich um eine Rennserie, die vor allem in den Vereinigten Staaten über eine lange Tradition verfügt. In Deutschland wurde die Breeders Crown erst 1998 das erste Mal ausgetragen. Das Prinzip: In den einzelnen Prüfungen treten die Traber getrennt nach ihrem Alter gegeneinander an. So wird an jeden einzelnen Jahrgang eine eigene symbolische Krone vergeben, verbunden natürlich mit einer satten Prämie. Insgesamt wird bei dem Mariendorfer Meeting ein Preisgeld in Höhe von 550 000 Euro an die schnellsten Sulkygespanne verteilt. Gleich zum Auftakt zu einer Revanche für das Derby der letzten Saison. Der formschwache Hengst Ambassador As wird es mit seinem Steuermann Roland Hülskath recht schwer haben, den Titel zu verteidigen. Er trifft auf elf Gegner, die bei ihren Vorbereitungsrennen auf die Breeders Crown allesamt überzeugen konnten. Eine sehr offene Prüfung also, die damit das passende Motto für den weiteren Verlauf der Veranstaltung prägt. Denn auch am Samstag und am Sonntag sind rein von der Papierform her keine glasklaren Favoriten zu erkennen –sämtliche Rennen sind von der Qualität der Pferde her völlig ausgeglichen besetzt. Daher wird wohl weniger das Laufvermögen der edlen Vierbeiner, sondern viel eher die Leistung ihrer Fahrer am Ende das Zünglein an der Waage sein. Nur die richtige Taktik entscheidet. Die Frage nach ihren persönlichen Erwartungen und danach, ob sie auf der Ziellinie dann ganz vorne sind, beantworten der publikumsscheue Stig H. Johansson und der extrovertierte Jos Verbeeck aber wieder einmal völlig unterschiedlich. „Ich freue mich, nach langer Zeit in Berlin zu starten und glaube, ich bringe ganz ordentliche Pferde mit“, sagt Johansson fast schüchtern. Und Verbeeck entgegnet: „Ich komme doch nicht extra in die deutsche Hauptstadt, um anschließend mit leeren Taschen zurückzufliegen!“

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Frankfurter Allgemeine Zeitung (Ausgabe vom 4.3.2005)

              Der Sulkysport geht überall auf seine letzte Runde 

Ob Berlin, München, Mönchengladbach oder Recklinghausen: Die Trabrennbahnen stecken in einer existentiellen Krise 

(H.Lingk) 

BERLIN.  Als am Montag die schwerste Entscheidung in der Geschichte des Berliner Trabrennsports getroffen werden musste, war nur die Hälfte der Vereinsmitglieder auf der außerordentlichen Versammlung in der Klubetage der Derbybahn Mariendorf anwesend. Dies kennzeichnet in treffender Weise den Zustand einer Sportart, die ihre Veranstaltungen derzeit in Deutschland vor überwiegend leeren Zuschauerrängen austrägt. Dabei ging es auf der schicksalsträchtigen Mitgliederversammlung um Alles oder Nichts – um den Verkauf des gesamten 19 Hektar großen Bahngeländes. 

Am 9. April 1913 war diese traditionsreiche Sportstätte eröffnet worden. Noch vor knapp zwei Jahren hatten die verantwortlichen Funktionäre anlässlich des Jubiläums zum neunzigjährigen Bestehen der Rennpiste in blumigen Worten die große Historie der Sulkywettkämpfe und die Optionen auf eine bessere Zukunft umrissen. Doch ob die Derbybahn auch noch den hundertsten Geburtstag erleben wird, ist aufgrund der jetzt gefällten Entscheidung fraglich. Denn angesichts der leeren Vereinskasse und bestehender Außenstände in Höhe von einer Million Euro stimmten die Mariendorfer Mitglieder für den Verkauf – und zwar an den eigenen Vereinspräsidenten Ulrich Mommert. Vier Millionen Euro hatte der Unternehmer aus der Autozuliefererbranche für das Gelände geboten – gemessen an der Größe ein sehr geringer Preis. Per Pachtvertrag erhält der Trabrennverein zwar das Recht, weiterhin Veranstaltungen durchzuführen. Doch sinken die Wetteinsätze an den Totokassen weiter so im Sturzflug, wird das finanzielle Polster aus dem Verkauf schon in spätestens vier Jahren verbraucht sein. 

Diese Situation gilt jedoch nicht nur für den Sulkysport in Berlin: Nur drei Tage zuvor war ähnliches in München geschehen. Dort unterzeichnete Max Stadler, der Präsident des 1902 gegründeten Trabrenn- und Zuchtvereins, den Verkaufsvertrag an die Unternehmensgruppe Karl, die auf dem Gelände im Stadtteil Daglfing mehr als 200 Wohnungen bauen will. Drei Jahre lang wird der Münchner Rennverein, den Schulden an das Finanzamt in Höhe von sechs Millionen Euro drückten, noch als Gast auf dem ehemals eigenen Gelände geduldet. In diesem Zeitraum muss er sich eine neue Heimat suchen. Wenn sie gefunden ist, wird der Baulöwe den Sulkysportlern dort zwar eine neue Sandpiste anlegen, dazu ist er vertraglich verpflichtet. Aber eine neue Tribüne, die der Rennverein selber finanzieren müsste, wird dort wohl nicht mehr entstehen.



Dass die Zuschauer und Pferdefans noch viel plötzlicher im Regen stehen können, zeigt das Beispiel der Trabrennbahn in Mönchengladbach: Anfang letzter Woche gab der dortige Vereinspräsident Heinz Ellgering völlig überraschend die Insolvenzerklärung ab. Dem Fünfundachzigjährigen, der die Engpässe seines Vereins immer wieder mit Privatdarlehen überbrückt hatte, war schlichtweg der Geduldsfaden gerissen: „Es macht keinen Sinn mehr, das Ganze war ein Fass ohne Boden“, lautet sein Resümee. Aufgrund offener Stromrechnungen gingen so im wahrsten Sinne des Wortes die Lichter aus. Mittlerweile wurde der Strom zwar wieder angeschaltet – doch ob zukünftig noch Rennen auf der seit 1873 bestehenden Piste stattfinden, hängt alleine vom Wohlwollen des Insolvenzverwalters ab. Damit befindet sich der Mönchengladbacher Klub in guter Gesellschaft: Ein paar Kilometer entfernt sieht die Lage in Recklinghausen nicht anders aus. Ohnehin gibt es in Deutschland kaum noch einen einzigen wirtschaftlich gesunden Rennverein: Fast alle Veranstalter sind von privaten Gönnern und Sponsoren abhängig. 

Das verwundert nicht, denn während andere Sportarten tagtäglich um ihren Stellenwert im öffentlichen Leben kämpften, hielten die Traber-Funktionäre ein erfolgreiches Marketing in der Vergangenheit für überflüssig. Schließlich lief lange Jahre lang alles von selber – und Sulkykönner wie Hänschen Frömming und Heinz Wewering sorgten zudem für positive Schlagzeilen. Dass dies nicht genug ist, hat man zwar mittlerweile begriffen. So sagt Friedrich Willms, der Präsident des deutschen Hauptverbandes (HVT): „Die Uhr steht auf fünf nach zwölf.“

Nur mit der praktischen Umsetzung dieser Erkenntnis tut er sich schwer. Denn während sich in der von ihm geleiteten Organisation rund zwanzig Angestellte mit Versicherungspolicen, Fohlenscheinen und Ein- und Ausfuhrbestimmungen für Rennpferde beschäftigen, umfasst die gesamte Marketingabteilung des deutschen Trabersports drei Mitarbeiter. Und die arbeiten hauptsächlich auf Teilzeitbasis. Dementsprechend sind die Ergebnisse, die dieses im Vorjahr als Trabrennsport AG gegründete Winzigunternehmen erzielt. So hat man als scheinbaren Achtungserfolg die Rechte an der Bildübertragung der Rennen für 1,25 Millionen Euro jährlich an den Kabelsender Raze TV verkauft. Doch leider stört dabei ein einziges kleines Problem: Der chronisch finanzschwache Sender zahlt nicht.

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Frankfurter Allgemeine Zeitung (Ausgabe vom 1.2.2005)

           Prix-d’Amerique-Sieger Jag de Bellouet will immer vorbei

                             Der Kannibale frisst nicht nur Hafer

(H.Lingk) 

PARIS.  Der hohe Favorit gab sich nicht den Hauch einer Blöße: Mit seinem französischen Trainer Christophe Gallier im Sulky gewann der Hengst Jag de Bellouet am Sonntag den mit einer Million Euro dotierten Prix de Amerique in überlegenem Stil. Auf der Rennpiste in Vincennes am östlichen Stadtrand von Paris wurde der achtjährige Trotter den Erwartungen der 35 000 Zuschauer vollauf gerecht. Dabei entwickelte sich die 84. Auflage des wichtigsten Trabrennens der Welt, das bereits seit 1920 ausgetragen wird, für das Favoritengespann noch nicht einmal optimal: Denn unmittelbar nach dem Start konnte Christophe Gallier mit Jag de Bellouet nicht wie erwartet die Spitze übernehmen, sondern sein Hengst musste stattdessen auf den ersten 1500 Metern des Rennens in der Außenspur ein gewaltiges Pensum ableisten. Erst auf dem letzten Kilometer übernahm Jag de Bellouet dann doch die Führung. 

Trotz dieses ungünstigen Rennverlaufs blieb der Traber jederzeit souverän und wurde auf der Zielgeraden von keinem seiner 17 Gegner ernsthaft gefordert. Mit dem Prix d'Amerique gewann der französische Hengst sein 13. Rennen in Folge. Seine Prämienbilanz beläuft sich aktuell auf 2,87 Millionen Euro. Doch Jag de Bellouet ist nicht nur vor dem Sulky ein absoluter Crack, sondern auch unter dem Sattel. Nur eine Woche zuvor hatte der Traber ebenfalls im Prix de Cornulier - dotiert mit 700 000 Euro - triumphiert. Ein derartiges Doppel im wichtigsten Sulkyrennen und im bedeutendsten Trabreiten der Welt war zuletzt dem legendären Hengst Bellino II im Jahr 1976 gelungen. Trainer Christophe Gallier: "Jag de Bellouet besitzt eine unheimliche mentale Stärke. Wenn mein Hengst neben einem Pferd liegt, dann gibt er mit seinem hartnäckigen Kopf nicht auf, bis er an dem Konkurrenten vorbei ist. Daher steckt Jag de Bellouet auf der Sandpiste auch schwierige Situationen weg - wenn sich das Rennen ganz anders entwickelt, als es taktisch vorgesehen war." Für diese außergewöhnliche Fähigkeit haben ihm die französischen Traberfans längst einen Spitznamen verpasst: Sie nennen ihn den Kannibalen, weil er jeden seiner Gegner förmlich auffrisst.



Deutsche Teilnehmer waren im Prix d’Amerique nicht vertreten. Für Abano As, den besten hiesigen Traber aller Zeiten, kam dieses Rennen nach einer Verletzungspause noch zu früh. Der Schockemöhle-Hengst, der den Prix d’Amerique mit Jos Verbeeck im Sulky vor zwei Jahren sensationell gewonnen hatte und im letzten Januar hinter Késaco Phédo und Jean-Michel Bazire Zweiter wurde, wird erst im späteren Verlauf der Saison in den Vereinigten Staaten an den Start gehen. 

Die Begeisterung der 35 000 Zuschauer in Vincennes und des millionenfachen Publikums, das den Prix d’Amerique weltweit in über einhundert Ländern am Bildschirm verfolgte, macht den krassen Gegensatz zu dem wirtschaftlich vor sich hin dümpelnden deutschen Trabersport bewusst. So fließen alleine 35 Millionen Euro nur in diesem einzigen Rennen durch die Pariser Totokassen – und das ist kein Zufall. In den neunziger Jahren wurden die Rennveranstaltungen in Frankreich komplett neu strukturiert. Alle Bahnen werden seitdem zentral dirigiert und vermarktet, um mit den konkurrierenden Sportarten Schritt zu halten. Seitdem wird das wirtschaftliche Wachstum immer größer: Alleine in der letzten Saison legte der landesweite Wettumsatz bei den Trabrennen um fast acht Prozent auf 7,6 Milliarden Euro zu. In Deutschland dagegen wurde die Modernisierung komplett versäumt. Nur noch 80 Millionen Euro betrug der Umsatz sämtlicher deutscher Bahnen in der Saison 2004. Dass nun noch nicht einmal Abano As das Renommee des hiesigen Trabersports im Prix d’Amerique aufpolieren konnte, schmerzt doppelt.

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Frankfurter Allgemeine Zeitung (Ausgabe vom 18.12.2004)

                           Traber Abano As greift in Amerika an

                              Schwere Verletzung überwunden

(H.Lingk)

MÜHLEN.  Der Hengst Abano As ist ein Traber, der zu kämpfen weiß. Auf den europäischen Rennpisten ringt er seit langem regelmäßig seine vierbeinigen Gegenspieler nieder. Das begann schon 1999, als der Braune erst zwei Jahre alt war. Bei seinen vier Saisonstarts damals blieb Abano As ungeschlagen. Zu diesem Zeitpunkt hat auch sein Besitzer Alwin Schockemöhle geahnt, dass etwas ganz Besonderes in diesem Pferd steckt. Der zweimalige Olympiasieger der Springreiter: „Er war als junger Traber heftig und zügellos im Temperament. Aber während die anderen müde wurden, lief Abano As auf der Zielgeraden immer weiter. Nicht, weil sein Fahrer im Sulky dahinter es so wollte – Abano As rannte, weil er einfach rennen will!“ Schockemöhle behielt Recht: Ein Jahr später folgte der Sieg im Derby. Dann gewann der Hengst die großen europäischen Prüfungen in Serie – in der Saison 2003 schließlich den Prix d’Amerique in Paris, das wichtigste Trabrennen der Welt um eine Million Euro.

Mittlerweile ist der Hengst sieben Jahre alt und seine Prämienbilanz summiert sich auf 2,2 Millionen Euro. Den Kilometer läuft er in 70 Sekunden und ist damit der schnellste deutsche Traber aller Zeiten. Doch alle diese Zahlen bedeuten nichts gegen das Rennen, das Abano As in den letzten Wochen gewann: Den Kampf gegen das eigene bedrohliche Schicksal. Ende August verletzte sich der Braune auf dem heimatlichen Gestüt im niedersächsischen Mühlen schwer am Fesselgelenk. Ein Unfall, der für jedes Pferd im Regelfall das Ende der Laufbahn bedeutet. Doch auch in dieser Situation war das, was für andere gilt, für Abano As nicht normal. Der Hengst gesundete schneller, als es alle Fachexperten jemals für möglich gehalten hatten. Jürgen Gaßner, ein ehemaliger Journalist, führt seit langem die Geschäfte des Gestüts Schockemöhle und sagt: „Wir können Entwarnung geben. Abano As hat seine schwere Verletzung tatsächlich ganz überwunden und ist wieder der Alte. Natürlich kommt diese Entwicklung für den Prix d’Amerique 2005 am 30. Januar zu spät. Aber dafür wird der Hengst nun eine Route einschlagen, die schon lange für ihn vorgesehen war.“



Diese Route hat es in sich: Abano As wird Mitte Januar in die USA gebracht. Dort soll er alle großen internationalen Klassiker bestreiten. Ein Niveau, auf dem sich seit den 50-er Jahren kein deutscher Traber beweisen konnte. Als seinen Partner für diesen Plan hat Alwin Schockemöhle einen Sulkyfahrer gewonnen, der im Zenit seines Könnens steht: Trond Smedshammer, ein gebürtiger Norweger, lebt seit langer Zeit in New Jersey und wird seinen neuen Crack auf der White Birch Farm trainieren. Dem 37-Jährigen gelang in dieser Saison, was drei Dekaden lang niemand geschafft hat. Smedshammer triumphierte im Hambletonian, dem amerikanischen Derby, im Yonkers Trot und im Kentucky Futurity. Nach diesem Erfolg in der Triple Crown, der dreifachen Krone, wurde der Traberprofi zum US-Trainer 2004 gewählt. Seine Zusammenarbeit mit Alwin Schockemöhle stellt für den wirtschaftlich schwer gebeutelten deutschen Trabrennsport eine noch nie da gewesene Hochzeit der Giganten dar. Ein Fakt, der die amerikanischen Zoll- und Einreisebehörden allerdings kalt lässt: Auch der Traber-Champion Abano As muss auf seinem langen Weg zur New Yorker Nobelrennpiste The Meadowlands zunächst eine fünfwöchige Quarantänezeit ertragen. Aber das wenigstens im sonnigen Florida.

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Frankfurter Allgemeine Zeitung (Ausgabe vom 3.8.2004)

                                  Heinz Wewering deklassiert

                              Ambassador As gewinnt in Berlin

                             Baslers Freude beim Traber-Derby


(H.Lingk)

BERLIN.  Der Sieg Nummer 1361 war der wichtigste in der Karriere des Trabrennfahrers Roland Hülskath. Am Sonntag gewann der 29-jährige Sulkypilot aus Mönchengladbach das mit insgesamt 440 000 Euro dotierte 109. Deutsche Traber-Derby auf der Mariendorfer Bahn im Süden Berlins. Vor 25 000 Zuschauern bot Hülskath im Sulky des dreijährigen Hengstes Ambassador As im Vorlauf und im Finale des Derbys eine vorzügliche Leistung.

Das kann man von seinem großen Gegenspieler Heinz Wewering nur bedingt behaupten. Der zweimalige Weltmeister galt mit dem Hengst Orso November als Topfavorit für das wichtigste deutsche Trabrennen. Doch bereits im dritten der fünf Vorläufe, in denen sich insgesamt 47 Sulkygespanne um die zehn Fahrkarten für das Finale bewarben, geriet der siebenmalige Derbysieger massiv ins Straucheln. Dort trat er mit Orso November direkt gegen den Außenseiter Ambassador As an und biß auf Granit. In der Außenspur kam Wewering einfach nicht an diesem Gegner vorbei. Zwar genügte der zweite Platz in der mit 30 000 Euro dotierten Qualifikation noch zum Erreichen des Finales, doch die Weichen für das spätere Scheitern des hoch gewetteten Gespanns waren bereits in diesem Moment gestellt.

Wewering wollte es dennoch wissen und begann auch den zwei Stunden später stattfindenden Endlauf sehr offensiv. Doch bereits nach 500 Metern deutete sich sein Fiasko an: Denn dieses Mal war es der Hengst Ferrari mit dem Vorjahressieger Michael Schmid im Sulky, der ihm den Weg an die Spitze verbaute. Während die beiden Konkurrenten Seite an Seite unnötig auf das Tempo drückten, konnte Roland Hülskath im Rücken des großen Favoriten die Reserven von Ambassador As schonen. Als er sein Pferd eingangs der Zielgeraden aus dem Windschatten von Orso November dirigierte, flog Ambassador As wie ein Pfeil vorbei. Lediglich der Holländer Peter Strooper wurde dem späteren Sieger mit seinem Traber ThreestarLimburgia noch gefährlich. Mit einem halben Meter Vorsprung behielt Hülskath aber knapp die Oberhand. Als Dritter folgte der Hengst Novi King mit dem Münchner Jochen Haide schon fünf Längen zurück. Wewering beendete das Rennen deklassiert als Sechster.

Für eine kleine Sensation im 109. Derby sorgte der Traber Early Maker, der dem Fußballer Mario Basler, der Tennisspielerin Anke Huber und ihrem Freund Roger Wittmann gehört. Mit seinem Sieg im Vorlauf zur 16-fachen Wettquote hatte wohl nur Basler selber gerechnet. Im Finale verkaufte sich Early Maker mit seinem Trainer Rudi Haller als Vierter ebenfalls prächtig. Mario Basler: "Natürlich habe ich auf mein Pferd gesetzt. Er sah schon seit Wochen prächtig aus." Neben Baslers Wetteinsatz am Totoschalter wurde die gute Platzierung mit insgesamt 35 000 Euro entlohnt.



Weit höher fiel die Ausbeute für Ger Visser aus, den Chef der holländischen Besitzergemeinschaft von Ambassador As. 42 000 Euro hatte er im Jahr 2002 auf Alwin Schockemöhles Auktion für den Braunen ausgegeben. Durch den Derbytriumph kam dieses Geld gleich in dreifacher Höhe zurück. Ger Visser: "Ich habe ihn damals vor allem gekauft, weil er ein Bruder des besten deutschen Trabers Abano As ist. Sein Erfolg im Derby überrascht mich überhaupt nicht!" Das war beim Siegfahrer Roland Hülskath allerdings ganz anders: Noch Minuten nach seinem größten Triumph konnte der Blondschopf das Glück nicht fassen und streckte den Pokal fast apathisch in die Kameras der Fotografen: "Das ist alles wie ein unwirklicher Traum für mich - ich glaube es einfach nicht."

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Frankfurter Allgemeine Zeitung (Ausgabe vom 31.7.2004)

                     Andere sind blaß, er isst ein Stück Kuchen 

                        Die Derby-Konstante Heinz Wewering

(H.Lingk)

BERLIN.  Heinz Wewering war in dem Wettstreit um den wichtigsten Triumph, den der nationale Trabrennsport zu vergeben hat, schon oft erfolgreich. Sieben Mal konnte sich der Sulkyprofi aus Castrop-Rauxel bisher in die Siegerliste des Derbys eintragen, das immer am ersten Augustsonntag auf der Piste in Mariendorf im südlichen Teil von Berlin ausgetragen wird. Ein Rennen mit Glanz und Glamour und mit einer ganz eigenen und manchmal auch kuriosen Geschichte: Der Besitzer des Trabers Bambus zum Beispiel, der 1895 die erste Auflage dieses Klassikers gewann, finanzierte seinen mit edlen Pferden vollgepackten Rennstall durch den millionenfachen Verkauf völlig wirkungsloser Abführpillen. Eine unseriöse Geschäftstaktik zwar, aber sie hatte Erfolg.

Anderen, weitaus prominenteren Pferdevernarrten war dieses Erlebnis nicht vergönnt. So kaufte sich Mario Basler zusammen mit einigen Freunden in der Saison 1998 am Vorabend des Derbys spektakulär einen der Hauptfavoriten. Der Schuss ging daneben: Nur wenige Stunden später fiel sein Hengst schon am Start aussichtslos zurück. Dieses Mal will es Basler zusammen mit Schwager Roger Wittmann und dessen Freundin Anke Huber wieder wissen: Catch Glory haben sie ihr Team genannt. Ob es wirklich gelingt, diesen Ruhm zu holen, müssen ihre beiden Hengste Victor As und Early Maker am Sonntag vor den erwarteten 25 000 Zuschauern beweisen.

Im Auf und Ab der Derbygeschichte gibt es neben den Namen von Charlie Mills und Hänschen Frömming nur eine einzige Konstante, und die heißt Heinz Wewering. In seiner einmaligen Karriere hat der Sulkyprofi bisher exakt 15 348 Rennen gewonnen, kein anderer Fahrer auf der Welt hat das geschafft. Über 50 Millionen Euro Prämie sprang dabei für den 54-jährigen heraus. Weil er sich immer wieder mit Glanzleistungen in den Vordergrund schiebt, ruhen alle Augen auf seiner Person. Und wenn dann noch ein gutes Pferd für das Derby hinzukommt, dann sehen ihn viele der Traberfans bereits als Sieger im Ziel. Doch das ist Wewering in diesem Jahr noch lange nicht: Ein hoch talentiertes Pferd hat er zwar, aber er trifft auch auf sehr starke Gegner.

 


Orso November heißt der dreijährige Hengst, den der „Goldhelm“ mit großen Ambitionen steuern wird. Der Braune verfügt über ein Pedigree, das nicht besser sein könnte: Der Vater General November gewann 1996 selber das Derby und erkämpfte für seinen Besitzer, den Industriellen Michael Schröer aus Meerbusch, rund 1,2 Millionen Euro Preisgeld. Orsos Vierbeiner-Mutter war auf der Rennpiste ebenfalls höllisch schnell. Doch all das braucht innerhalb von Sekundenbruchteilen nichts mehr zu bedeuten. Denn für das mit knapp 270 000 Euro dotierte Finale müssen sich die zehn besten von insgesamt 47 Sulkygespannen zuerst zwei Stunden zuvor in den Derby-Vorläufen qualifizieren. Die sind zwar ebenfalls fürstlich honoriert, so dass sich das Preisgeld insgesamt auf 440 000 Euro summiert. Doch in seinem Vorlauf hat Wewerings Hengst Orso November ausgerechnet den ungünstigen Startplatz Neun erwischt. Doch Wewering ist optimistisch: „Der Hengst verfügt über alle Eigenschaften, die einen echten Vierbeinercrack auszeichnen - vor allem Grundschnelligkeit und eine gehörige Portion Phlegma.“

Vom Glück ist Wewering momentan allerdings nicht verfolgt. Sein Sohn Oliver, der in Berlin ebenfalls mit weiteren Pferden antreten sollte, fällt nach einem schweren Sulkysturz definitiv aus. Kein gutes Zeichen, doch abergläubisch war Heinz Wewering noch nie: „Natürlich kommt in den zweieinhalb Minuten, die ein Rennen dauert, vieles zusammen. Aber der Erfolg ist in der Regel kein Zufall, sondern das Ergebnis harter Trainingsarbeit.“ Und seine iranische Lebensgefährtin Afsoon Amirfallah (31), die ebenfalls sehr erfolgreich an den Start geht und im Amateurbereich bisher 262 Rennen gewann, ergänzt: „Mein Verstand sagt mir, dass es für Orso November im Derby nicht einfach wird. Doch mein Gefühl sagt mir, er gewinnt. Denn Heinz kennt keine Nervenschwäche: Während andere Fahrer 15 Minuten vor dem Finale blass wie die Wand sind, gönnt sich Heinz lieber noch genüsslich ein Stück Kuchen.“

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Financial Times Deutschland (Ausgabe vom 30.7.2004)

                         Wewering lässt seine Gegner verzweifeln

       Der Sulkyprofi ist beim 109. Traber-Derby mal wieder Favorit


(H.Lingk)

Heinz Wewering ist daran gewöhnt, Favorit zu sein. Der erfolgreichste Sulkyprofi der Welt hat bisher 15 348 Trabrennen gewonnen und dabei über 50 Millionen Euro Prämie kassiert, was seine Fans und seine sportlichen Gegner gleichermaßen beeindruckt. Es ist daher kein Wunder, dass alle sich alle Blicke stets auf den 54-jährigen aus Castrop-Rauxel richten. An den Totokassen der Bahnen wird er selbst dann noch hoch gewettet, wenn er ein schlecht talentiertes Pferd steuern muss und keine reelle Chance besitzt. 

Im 109. Deutschen Traber-Derby, das am Sonntag auf der Rennpiste im Berliner Bezirk Mariendorf ausgetragen wird, hat er jedoch eine Chance auf den Sieg. Wewerings Hengst Orso November aus dem Championats-Stall des Industriellen Michael Schröer blieb drei Mal hintereinander auf höchster Ebene ungeschlagen. Der braune Edelvierbeiner kann zudem auf eine prominente Abstammung verweisen: Sein Vater General November gewann das Derby 1996 und erzielte 1,2 Millionen Euro Rennprämie, die Mutter In Love November war ebenfalls höllisch schnell.

Der beste Fahrer mit dem besten Pferd: Diese Grundkonstellation haben Wewerings Konkurrenten zu oft erlebt, und es lässt sie verzweifeln. Sieben Mal hat der Goldhelm das wichtigste deutsche Trabrennen bisher gewonnen – fragt man die anderen Bewerber nach dem Favoriten, wird stets nur sein Name genannt. Doch das Favoritengespann ist nicht unverwundbar. Denn bei der Auslosung der Startplätze hat es das Duo böse erwischt: In seinem Vorlauf wird Orso November von der ungünstigen Position Neun aus antreten. Ein schweres Handicap, vergleichbar mit einem schlechten Startplatz in der Formel 1. Der Hengst muss nämlich unbedingt unter den ersten beiden landen. Nur so hat er die Startberechtigung für das Finale.



Ohnehin war das Derby immer schon für Überraschungen gut – niemand weiß das besser als Wewering. So stand zum Beispiel sein Hengst Ifram im Jahr 1983 meilenweit über allen Gegnern. Mit dem Buddenbrock-Rennen hatte der Traber die große Generalprobe für das Derby hoch überlegen gewonnen. „Er war eine ganze Klasse besser als alle anderen und konnte überhaupt nicht verlieren", sagt Wewering. Doch dann kam der Schock: Unmittelbar vor dem Derby lag Ifram plötzlich krank in seiner Stallbox. Durch eine fiebrige Infektion waren alle Träume innerhalb von Sekunden wie eine Seifenblase zerplatzt. Wewering hatte trotzdem Glück: Mit seinem zweiten Pferd Volo Pride holte er sich dennoch den Derby-Sieg.

Anderen erging es schlechter: Willi Rode war im Derby 1987 mit dem Hengst Brendy ebenfalls Favorit und hatte sich kurz vor dem Ziel gerade an dem Widersacher Toppino vorbeigeschoben, als das Publikum erstarrte. Eine verbotene Galoppade hatte alle Chancen des hoch gewetteten Hengstes zunichte gemacht. „Nur eine kleine Irritation, ein falscher Schritt im Rennen - und alles ist vorbei", sagt Rode. Auch der Spitzenfahrer Thomas Panschow musste zehn Jahre später mit dem Schockemöhle-Traber Dothebest bittere Erfahrungen sammeln: Den Derby-Vorlauf hatte der Hengst in riesiger Manier gewonnen - im Finale ging er sang- und klanglos unter.

Im Derby sind nur dreijährige Pferde startberechtigt – und obwohl der Trabrennsport wirtschaftlich gefährdet ist, ist die Qualität dieser Traber aktuell besser denn je. Orso November scheint der schnellste von ihnen zu sein – aber es besitzt wohl nur einen hauchdünnen Vorteil. Dass Wewering trotzdem gewinnt, glaubt vor allem seine iranische Lebensgefährtin Afsoon Amirfallah. „Wenn es ernst wird, dann zeigt Heinz seine Stärke, denn er hat Nerven wie Drahtseile“, sagt die 31-jährige, die ebenfalls erfolgreich im Sulky sitzt.

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Frankfurter Allgemeine Zeitung (Ausgabe vom 18.5.2004)

                           Traber-Goliath Abano As überragend

                   Freiherr As hat mehr Sympathien als Chancen

(H.Lingk) 

BERLIN.  Vielleicht lag es ein wenig daran, dass die Sympathie meist den Außenseitern gehört. Im Kampf David gegen Goliath drückt das Publikum auf deutschen Rennbahnen gerne dem Kleinen die Daumen oder billigt ihm beim Kampf um den Sieg Chancen jenseits der Realität zu. Beim Aufeinandertreffen der beiden besten deutschen Traber im Duell um die Breeders Crown und 100 000 Euro Prämien am Sonntag in Berlin war dies nicht anders. Obwohl der Hengst Abano As mit seinem Sieg im Prix d’Amerique 2003 und der Gewinnbilanz  von 2,1 Millionen Euro von der Papierform riesige Vorteile aufwies, schätzten fast alle die Möglichkeiten seines Gegenspielers Freiherr As (1,1 Millionen Euro Gewinnsumme) mindestens gleich hoch ein. Für Weltmeister Heinz Wewering war der Fuchshengst nach seiner überzeugenden Vorlaufsleistung gar „das eindeutig stärkere Pferd“. 

Für diese Einschätzung gab es eine Rechtfertigung: Auf dem Weg zum großen Duell hatten die Traber, die beide vom zweimaligen Olympiasieger Alwin Schockemöhle gezüchtet wurden, zwei Stunden zuvor zunächst getrennt voneinander Vorläufe zu bestreiten. Und da unterbot Freiherr As mit seinem Fahrer Thomas Panschow den Berliner Saisonrekord, den Abano As zuvor aufgestellt hatte um eine halbe Sekunde. Außerdem stimmte bei Freiherr As schon seit Wochen die Form exakt – Abano As dagegen kam aus einer Ruhepause, und seine konditionelle Verfassung war nicht bei hundert Prozent einzuordnen. 

Dass bei dem bislang besten deutschen Traber der Geschichte auch 90 Prozent Kondition zum Sieg reichen, stellte sich im Finale schnell heraus. Als entscheidend erwies sich die Startphase, in der der viermalige Amerique-Sieger Jos Verbeeck im Sulky von Abano As den außen enorm drückenden Freiherr As nicht vorbei ließ. Weit von den anderen Teilnehmern entfernt jagten beide Pferde Kopf an Kopf um die Bahn. Als sie der letzten Kurve entgegen steuerten, kam es sogar zum Dialog zwischen den Fahrern. Jos Verbeeck lächelt: „Thomas Panschow hat herüber gebrüllt, ob ich mit Abano As noch Reserven in der Hand halte. Und ich habe zurückgeschrieen: Ja, ich glaube, da ist noch ein bisschen was da!“



Es war weit mehr: Abano As eilte lässig auf zwei Längen davon und bewies in der phänomenalen Kilometerzeit von 1:12,8 Minuten, dass er in Deutschland von keinem anderen Traber zu bezwingen ist. Die Relation war wieder gerade gerückt. Verbeeck sah dies besonders in der Arbeit von Abano As’ neuem Trainer Gerhard Holtermann begründet, der auch den Derbysieger Nelson November vorbereitet hat: „Er hat das Zeug dazu, den Hengst noch besser zu machen, als er es schon ist.“ Und bei der Siegerehrung gehörte die Sympathie plötzlich nicht mehr dem David, sondern nur dem Goliath.

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Financial Times Deutschland (Ausgabe vom 14.5.2004)

                                       Zwei aus einem Stall 

Beim bedeutendsten Trabrennen der Saison treffen Abano As und Freiherr As am Sonntag in Berlin aufeinander

(H.Lingk)

Wenn es nicht unbedingt sein muss, dann vermeidet Alwin Schockemöhle jede Reise. In seiner langen Profikarriere als Springreiter hat er ohnehin alle Schauplätze dieser Welt gesehen. Viel lieber mag er es, wenn sich die Welt bei ihm zuhause im oldenburgischen Örtchen Steinfeld am Telefon meldet. Dann sind meist Gesprächspartner wie der Weltmeister Rodrigo Pessoa in der Leitung, um mit ihm den Ausgang der großen Turniere zu diskutieren. In diesen Momenten wird der Ex-Profi wieder zum Fachmann: „Wenn ich die Wettkämpfe der Kollegen im TV beobachte“, sagt Schockemöhle, „dann werde ich immer noch total nervös. Und vor jedem Sprung über das Hindernis fangen meine Hände an zu schwitzen.“ 

Vor dem heimischen Fernseher saß er auch am 26. Januar letzten Jahres und wartete auf eine Aufzeichnung des Prix d’Amerique aus Paris - um zu sehen, wie sein als Außenseiter gehandelter Hengst Abano As gegen 17 Gegner im wichtigsten Trabrennen der Welt abgeschnitten hatte. Als plötzlich das Telefon klingelte, hörte er schon am Rauschen, dass der Anruf aus weiter Ferne kam. Es war Rodrigo Pessoa. „Du Alwin“, sagte Pessoa zu Schockemöhle, „jetzt setze Dich erst mal ganz ruhig hin. Ich bin hier in Dubai und die haben gerade live den Prix d’Amerique gezeigt. Dein Abano hat vor zwei Minuten das Rennen gewonnen.“ 

Der sensationelle Sieg im Prix d’Amerique war die Sternstunde des deutschen Trabrennsports. Und schon zuvor, im Mai 1997, müssen die Sterne am Himmel über dem Schockemöhle-Gestüt in einer ganz besonderen Konstellation gestanden haben. Denn innerhalb von nur einer Woche wurde neben Abano As auch Freiherr As, das zweite deutsche Ausnahmepferd, in dem kleinen Örtchen Steinfeld geboren. Hinter dem zeitlichen Zufall steckt allerdings eine gewisse Logik. Die der Züchtung. „Da musste ich erst Erfahrungen sammeln“, so Schockemöhle. „Denn es gibt sehr viele Kleinigkeiten zu beachten“, sagt er. „Man kann nicht nur einen Super-Hengst mit einer Super-Stute paaren, und schon hat man ein Super-Fohlen. Erst muss ein breiter Grundstock in der Herde wachsen, und dann kommt der Erfolg.“



Erfolge sammeln Abano As und Freiherr As, den Schockemöhle als junges Pferd an den Holländer Joop Hogervorst verkauft hat, fast ausschließlich nur noch im Ausland. Dass beide Trab-Giganten, die zusammen bisher 3,2 Millionen Euro Prämie verdient haben, in ihrer Heimat gegeneinander antreten, hat Seltenheitswert.

Am Sonntag kämpfen beide auf der Trabrennbahn in Berlin-Mariendorf um 100 000 Euro Dotation. Insgesamt sind die beiden Breeders-Crown-Veranstaltungstage am Wochenende mit 480 000 Euro Preisgeld ausgestattet. Für Ulrich Mommert, den Boss des Berliner Rennvereins, ist das Duell von Abano As und Freiherr As mehr wert, als ein Sechser im Lotto: „Ich glaube, ein solch hochwertiges Rennen wird es wohl nie wieder in Deutschland geben.“ 

Dass der Kampf der prominenten Vierbeiner trotz der geringeren Dotation tatsächlich höher als das bekannte Derby am 1. August einzuordnen ist, daran besteht kein Zweifel. Und das liegt nicht einmal nur daran, weil mit dem belgischen „Hexer“ Jos Verbeeck ein viermaliger Prix-d’Amerique-Triumphator im Sulky von Abano As sitzen wird. Sondern auch daran, dass der mittlerweile siebenjährige Derbysieger der Saison 2000 gegenüber seinem Kronprinzen Freiherr As einen Ruf zu verteidigen hat. Denn immer, wenn es wirklich darauf ankam, erwies sich Abano As gegenüber seinem Herausforderer als Gewinner. Allerdings ist die Konstellation im Vorfeld dieses Sonntagsrennens kompliziert: Während Freiherr As noch vor wenigen Tagen bei seinem Start in Neapel im Premio Lotteria um 600 000 Euro die aktuelle Form eindrucksvoll unter Beweis stellen konnte, hat Abano As eine längere Verschnaufpause hinter sich. 

Dieser Konditionsrückstand von Abano As könnte den Ausgang des Rennens eng machen. Denn wie jede andere Disziplin, so hat auch der Sulkysport seine ungeschriebenen Gesetze. Eines davon lautet: Form schlägt Klasse. Die Form spricht für Freiherr As, der neben 1,1 Millionen Euro Preisgeld bisher 22 seiner 72 Rennen gewann. Die Klasse für Abano As, der es bei nur 49 Starts dennoch auf die gleiche Sieganzahl und die fast doppelte Gewinnsumme - nämlich 2,1 Millionen Euro - brachte.

Abgesehen von diesem Unterschied gibt aber auch Parallelen: Beide Pferde sind auf den ersten Metern eines Rennens enorm schnell. Und beide verfügen bis auf die Zehntelsekunde exakt über die gleiche zeitliche Rekordmarke. Wird sich die Entscheidung zwischen den beiden Trabern also bereits auf der Startgeraden, beim Kampf um die Spitze oder erst kurz vor der Ziellinie anbahnen? Alwin Schockemöhle jedenfalls hält nichts von taktischen Planspielen. Braucht er auch nicht, denn er weiß: „Wenn es ernst wird, ist Abano sowieso der Bessere von beiden!“

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Frankfurter Allgemeine Zeitung (Ausgabe vom 27.1.2004)

                       "Beim nächsten Mal sind wir die Sieger"

    Traber Abano As spielt beim Prix d'Amerique seine Trümphe aus

(H.Lingk)

PARIS. 250 000 Euro innerhalb von drei Minuten zu verdienen, ist sicherlich eine angenehme Sache. Paul Wals, dem zusammen mit Alwin Schockemöhle der Hengst Abano As gehört, war dieses Vergnügen am Sonntag vergönnt. Und dennoch stand Wals unmittelbar nach dem zweiten Platz seines Pferdes im Prix d'Amerique 2004 keineswegs die Freude im Gesicht. Sondern eher pure Angriffslust: "Beim nächsten Mal fahren wir als Sieger von der Piste", lautete seine Kampfansage. Das Funkeln in den Augen unterstrich, dass die Absichtserklärung sehr ernst gemeint war.

Wals drohende Ankündigung galt dem französischen Hengst Késaco Phédo und seinem Fahrer Jean-Michel Bazire. Diese beiden hatten soeben das wichtigste Trabrennen der Welt gewonnen. In dem mit einer Million Euro dotierten Prix d'Amerique war das Favoritengespann der hohen Wertschätzung des Publikums vollauf gerecht geworden. Auf der Nobelpiste in Vincennes am östlichen Stadtrand von Paris hatte Késaco Phédo seinen 17 vierbeinigen Gegenspielern in überlegenem Stil die Eisen gezeigt.

Bei den fast 40 000 Fans auf der Tribüne in Vincennes und bei den Millionen Zuschauern, die das Rennen live am TV-Schirm verfolgten, hatte der Hengst damit Jubelstürme ausgelöst. Denn die Wettkämpfe der schnellen Sulkyfahrer stehen in der Gunst der pferdeverückten Franzosen gleich hinter König Fußball auf einem Spitzenrang. Trab- und Galopprennen erzielen dort jährlich Milliardenumsätze. Der beste Beweis: Den deutschen Hengst Abano As kennt in Paris jedes Kind.

Eine wirklich prominente Rolle im Prix d'Amerique hatte man Abano As dennoch nicht zugetraut. Eine Blessur am Bein, die der Traber im Training erlitten hatte, sprach scheinbar gegen ihn. Doch der Hengst zeigte schon kurz nach dem Start, was er kann: Mit seinem ständigen Fahrer Jos Verbeeck im Sulky begab sich Abano As trotz des höllisch schnellen Tempos sofort in die Spitzengruppe. Die Führung übernehmen wollte Verbeeck jedoch absichtlich nicht - eine goldrichtige Taktik. Stattdessen stürmte der schwedische Profi Robert Bergh mit der Stute Hilda Zonett in Front. Angesichts der mörderischen Pace ein kapitaler Fehler, den Hilda Zonett schon beim Einbiegen auf die Zielgerade bitter bezahlen musste.

Während der Stute innerhalb weniger Sekunden alle Kräfte schwanden, wurde Abano As in der entscheidenden Phase des Rennens mit jedem Schritt stärker. In großartiger Manier flog er an den Gegnern vorbei. Nur an einem einzigen Konkurrenten blieb der Schockemöhle-Traber hängen: Késaco Phédo gab seinen Vorteil von eineinhalb Längen bis zum Zielpfosten nicht mehr preis.



So stand am Ende zwar nicht Jos Verbeeck auf dem obersten Treppchen, als der Filmschauspieler Jean Réno die Prix-d'Amerique-Trophäe an den Triumphator Jean-Michel Bazire übergab. Und trotzdem durfte sich das gesamte Team um Abano As ebenfalls wie ein Sieger fühlen. Denn die Prämienbilanz des siebenjährigen Hengstes beläuft sich nun auf über 2,1 Millionen Euro. Bereits in 14 Tagen wird Abano As in der großen Revanche zum Prix d'Amerique - dem Prix de France - erneut gegen Késaco Phédo antreten. Jos Verbeeck sieht die Lage dann ähnlich wie Paul Wals: "Weil das Rennen hinter dem Auto gestartet wird, kann Abano As seine enorme Anfangsschnelligkeit ausspielen. Und über die geforderte 2100-Meter-Distanz wird der Braune noch viel stärker sein!"

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Frankfurter Allgemeine Zeitung (Ausgabe vom 24.1.2004)

                         Abano As unter lauter Millionentrabern 

                            Der „Teufel“ soll ihm Beine machen

(H.Lingk) 

PARIS. Hänschen Frömming und Heinz Wewering: Das sind Namen, die im internationalen Trabrennsport einen ausgezeichneten Klang haben. Sie stehen für deutsche Sulkyprofis mit fahrerischem Ausnahmekönnen. Doch das Qualitätsurteil bei den Pferden sah lange anders aus. Auf den Rennpisten der großen Metropolen in Europa und Nordamerika waren die bundesdeutschen Traber nur selten als Sieger zu bewundern. Bis Abano As kam. Im Vorjahr gelang dem Hengst mit dem sensationellen Triumph im Prix d’Amerique auf der Nobelbahn in Vincennes am östlichen Stadtrand von Paris der Erfolg im wichtigsten Rennen der Welt. Am Sonntag tritt der Siebenjährige wieder dort an. Doch trotz seiner Rolle als Titelverteidiger gilt der Braune aus der Zucht von Alwin Schockemöhle, der mit dem Holländer Paul Wals zusammen zugleich auch der Besitzer ist, erneut als Außenseiter. 

Warum nur als Außenseiter und nicht als Favorit? Dieser Status hat mehrere Gründe. Zwar ziehen sich Weltklasseleistungen und Rekorde wie ein roter Faden durch die Laufbahn des eleganten Vierbeiners: Mit dem über den Kilometer gerechneten Schnitt von 1:10,2 Minuten ist Abano As der schnellste deutsche Traber aller Zeiten. Der Gewinnreichste ist er mit 1,86 Millionen Euro Preisgeld sowieso. Und seine Bilanz von 22 Siegen und 20 Platzierungen bei insgesamt 46 Starts ist einzigartig. Doch in dem mit einer runden Million Euro dotierten Prix d’Amerique ist das nichts Ungewöhnliches. Denn siebenstellige Summen sind das Charakteristika dieses Rennens. Unter den 17 Konkurrenten, auf die Abano As trifft, finden sich nur wenige Pferde, die noch nicht mindestens eine Million Euro für ihre Besitzer erkämpft haben. 

Zudem wurde Abano As im Sommer durch einen Trainingsunfall entscheidend zurückgeworfen. In vollem Tempo trat er sich versehentlich mit den Hinterläufen gegen sein eigenes rechtes Vorderbein. Daraus resultierte zwar nur eine nagelkopfgroße Verletzung – jedenfalls nichts, was die Rennlaufbahn des Hengstes ernsthaft gefährdet hätte. Aber Schockemöhle und Wals mussten daraufhin alle Planungen komplett umstellen. Die ursprünglich für den zweiten Teil der Saison anvisierten Starts in den USA und Kanada fielen ins Wasser. Stattdessen bekam der Braune eine monatelange Pause verordnet und wurde erst ab November über drei Aufbaurennen in Bologna, Mailand und Rom an seine Hauptaufgabe im Prix d’Amerique herangeführt. Und selbst bei der endgültigen Generalprobe vor 14 Tagen, dem Prix de Belgique in Paris, ging es für ihn hauptsächlich darum, weitere Kondition zu tanken. Mit einem fünften Platz unter 20 Teilnehmern und einem deutlichen Formanstieg verkaufte sich Abano As in dem 100 000-Euro-Rennen aber hervorragend. 

Im Sulky saß dabei wie immer Jos Verbeeck. Mit Abano As und seinen anderen Startern verdiente der belgische Profi 2003 über 2,8 Millionen Euro. Keiner kennt die Konkurrenz besser als er. Und gerade deswegen weiß Verbeeck, dass am Sonntag nicht die anderen Sulkygespanne der psychologische Hauptgegner sind - sondern die 40 000 Zuschauer vor Ort auf der Tribüne. Denn sie werden nur die eigenen französischen Pferde wie Général du Pommeau anfeuern, den Vorjahresvierten und Sieger im Prix d’Amerique 2000. Am höchsten ist der Hengst Késaco Phédo eingeschätzt. Der Braune wird vom Vincenner Hausherren Jean-Michel Bazire gesteuert - ein Fahrer von überragendem Können. In der vergangenen Saison gelangen Bazire als erstem Franzosen mehr als 300 Jahressiege. Vor Abano As hat er trotzdem Respekt: „Schockemöhle hat das Pferd in den vergangenen Monaten gezielt für dieses Rennen geschont, der Hengst wird erst jetzt komplett seine Karten aufdecken.“ Und noch größer ist die Achtung, die er seinem Konkurrenten Jos Verbeeck entgegenbringt: „Das ist für mich der beste Fahrer der Welt!“ 



Man kann diesem Attribut wohl kaum widersprechen. Mit vier Prix-d’Amerique-Siegen innerhalb der letzten Dekade schrieb Verbeeck unauslöschbare Trabergeschichte. Als er 1994 mit dem kanadischen Hengst Sea Cove aus dem Rennstall des Hamburger Kaufmanns Harald Grendel das erste Mal triumphierte, da bekam er von seinen deutschen Fans umgehend den Spitznamen „Hexer“ verpasst. Als der Belgier dann weitere Siege mit Abo Volo, Dryade des Bois und zuletzt Abano As folgen ließ, da wurde diese Serie den bis dato erfolgsverwöhnten Franzosen unheimlich. „Le Diable“ nennen sie ihn seitdem – den Teufel. Und das ist nicht unbedingt liebevoll gemeint. Denn Verbeeck ist ein Mann, der zu provozieren weiß. Nicht nur, weil er gerne seinen Launen folgt und zugunsten einer spontanen Feier mit Freunden einfach seinen Start in einem 100 000-Euro-Rennen vergisst. Sondern auch, weil er seine Gegner immer wieder mit Worten reizt. „Wenn ein Pferdebesitzer den Prix d’Amerique gewinnen will, dann soll er mich bitte rechtzeitig vorher anrufen“, sagt er zum Beispiel.

Wenn Verbeeck einmal eine schlechte Taktik in einem Rennen abliefert, dann wird er vom Publikum in Vincennes daher gnadenlos ausgepfiffen. Doch das ist bei dem Mann selten der Fall. Welche Marschroute er sich für Sonntag zurecht gelegt hat, möchte der Belgier nicht verraten. Nur das: „Abano As ist nach seiner langen Trainingspause sehr schwer zu taxieren. Ich glaube nicht, dass er zum engsten Favoritenkreis gehört. In der Startphase eines Rennens ist der Hengst aber blitzschnell. Ich bin mir sicher, dass wir auf den ersten Metern eine gute Ausgangslage innerhalb der Spitzengruppe finden werden.“ Doch ob dann die Kondition wirklich reicht? Der Prix d’Amerique führt über 2700 kräftezehrende Meter. Alwin Schockemöhle gibt sich jedenfalls optimistisch: „Mein Hengst gefällt mir seit Wochen wieder sehr gut. Ich glaube, dass er im Vollbesitz seiner Kräfte ist und habe für den Start in Paris ein absolut positives Gefühl.“ Und Mitbesitzer Paul Wals legt noch einen drauf: „Für mich ist Abano As garantiert unter den ersten Fünf!“

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Financial Times Deutschland (Ausgabe vom 23.1.2004)

                               Trabender Geldschrank, barfuß 

Beim Prix d’Amerique, dem wichtigsten Trabrennen der Welt, schaut wieder alles auf den deutschen Hengst Abano As

(H.Lingk) 

Hufeisen sollen bekanntlich Glück bringen. Im wirklichen Leben entspricht dieser Aberglaube nicht ganz der Wahrheit – zumindest gilt er nicht für diejenigen, denen das geschmiedete Schuhwerk gerne angepasst wird. Denn fast alle Rennpferde zeigen erst dann ihr wahres Können, wenn sie ohne Eisen über den Turf oder die Sandpiste sprinten. 

Vor zwei Wochen belegte das beste deutsche Trabrennpferd aller Zeiten, der Hengst Abano As aus der Zucht von Alwin Schockemöhle, in dem mit 100 000 Euro dotierten Prix de Belgique einen guten fünften Platz. Sein Mitbesitzer Paul Wals registrierte das zufrieden. Denn diese Prüfung war lediglich eine Generalprobe. „Ohne Eisen wird Abano As zeigen, was er wirklich kann“, strahlte Wals über das ganze Gesicht. Der Mann muss es wissen. Vor zwölf Monaten traute niemand seinem Hengst den Sieg im Prix d’Amerique zu, dem wichtigsten Trabrennen der Welt. Doch Wals hatte das gleiche gute Gefühl. Als Abano As beim Aufwärmen zu diesem Klassiker genau das tat, was ein Traber nicht tun darf, war sich Wals endgültig sicher: Der temperamentvolle Hengst hatte ein paar Galoppsprünge eingelegt. Das führt auf der Piste normalerweise zur Disqualifikation. „Abano war einfach ungeduldig, weil er allen davonrennen wollte“, sagte Wals. Zwei Stunden später stürmte der Hengst als Sieger durchs Ziel. 

Dass er seine Gegner tatsächlich gerne überholt, bewies Abano As in seiner gesamten Vierbeiner-Karriere. Von seinen bisher 46 Einsätzen konnte der Siebenjährige 22 Rennen gewinnen und war weitere 20 Mal platziert. Fast 1,9 Millionen Euro machten ihn zu einem trabenden Geldschrank, an dem Alwin Schockemöhle in einem genau geregelten Vertrag gegenüber Paul Wals die Stimmmehrheit hält. Die sportliche Planung überlässt der zweimalige Olympiasieger der Springreiter aber lieber seinem Partner. Und damit ist er bisher gut gefahren. So wollte Schockemöhle ursprünglich seinem Abano As den schweren Amerique-Start im Vorjahr gar nicht zumuten – und feierte dann einen Erfolg, der ihm genauso viel bedeutet, wie seine beiden Goldmedaillen.



Am Sonntag wird sein Pferd nun auf der Bahn in Vincennes wieder gegen die 17 besten Traber antreten. Es geht um eine Million Euro. Trotzdem sieht Schockemöhle dem Engagement gelassen entgegen: „In 40 Jahren Pferdesport habe ich das ganze Auf und Ab erlebt.“ Auch Paul Wals ist ebenfalls unabhängig vom Ausgang der Prüfung glücklich: „Dieses Pferd hat einen unglaublichen Charakter. Mit seinem Sieg vor einem Jahr hat er für mich ein Wunder wahr gemacht.“ Dass sie gegen eine Wiederholung nichts einzuwenden hätten, wird durch die Verpflichtung des Fahrers belegt. Wie bei seinem ersten Triumph, so wird auch am Sonntag wieder Jos Verbeeck im Sulky von Abano As sitzen.

Vier Siege hat der Belgier im Prix d’Amerique bisher erzielt. Dass ihm dies mit vier verschiedenen Pferden und einer jedes Mal völlig anderen Taktik gelang, ist ein Beweis seiner Klasse. Doch mit Abano As muss er am Wochenende ein Handicap überwinden. Im Sommer hatte sich der Braune im Training eine langwierige Blessur an seinem rechten Vorderbein zugezogen. Alle Startplanungen mussten abgeändert werden. Der Zeitplan für die Amerique-Vorbereitung wurde durcheinander gebracht. Nun ist alles in Ordnung, aber reicht die Kraft bei Abano As wirklich für die 2700 Meter? Verbeeck gibt sich vorsichtig: „Ich weiß nicht, ob sich der Hengst wirklich schon wieder mit solch starken Gegnern messen kann. Zu den Favoriten zähle ich ihn nicht.“

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Frankfurter Allgemeine Zeitung (Ausgabe vom 13.9.2003)

                                       Riskantes Experiment 

                       Die Breeders Crown der Traber in Berlin

(H.Lingk) 

BERLIN. Es gab Zeiten, da liefen nicht nur edle Rennpferde über die Traber-pisten in Deutschland – auch wirtschaftlich lief beim Sulkysport alles wie von selbst. Doch das ist längst Vergangenheit. Denn diese Disziplin lebt einzig von dem wettenden Publikum und mit jedem Tag fließen immer weniger finanzielle Einsätze in die Totokassen. Allein in der Saison 2002 waren es bundesweit 25 Millionen Euro weniger. In diesem Jahr sank der Umsatz pro Bahn durchschnittlich noch einmal um weitere 13,5 Prozent ab. Die bittere Realität: Während die Funktionäre in den heillos zersplitterten Einzelverbänden gebetsmühlenartig ihre Visionen von bald greifenden Strukturverbesserungen wiederholen, fällt die wirtschaftliche Basis der elf Rennvereine von Nord bis Süd wie ein Kartenhaus in sich zusammen. 

Die Bahn in Recklinghausen musste in der vergangenen Woche das Konkursverfahren einleiten. Der akut gefährdete Hamburger Rennklub zahlt alle Dotationen aufgrund der finanziellen Engpässe nur noch verzögert aus. Und der Vorstand des Berliner Trabrennvereins plädiert seit kurzem sogar offen für einen Verkauf der 90 Jahre alten Derbybahn im Stadtteil Marien-dorf. Denn nur die Veräußerung des auf 40 Millionen Euro geschätzten Geländes sieht man als den einzigen Weg, um noch an Bares zu kommen. An welchem Ort der Trabersport danach überhaupt weitergeführt werden soll, scheint für alle Verantwortlichen in ihren Überlegungen nur noch eine untergeordnete Rolle zu spielen.



Um so mehr überrascht es, dass ausgerechnet auf dieser Bahn seit dem Donnerstag erstmalig das viertägige Meeting rund um die Breeders Crown ausgetragen wird. Zwar übernehmen die bundesdeutschen Pferdezüchter und Traberbesitzer mit den Start- und Nennungsgeldern für ihre Vierbeiner einen beträchtlichen Eigenanteil an der Finanzierung. Doch auch beim Veranstalter verbleibt ein hohes Restrisiko. Denn die 33 Einzelrennen der Breeders-Crown-Serie, die nach den Jahrgängen der startenden Pferde aufgestaffelt sind, verfügen über eine mächtige Dotation. Insgesamt werden fast 685.000 Euro auf dem Traberfestival an die schnellsten Sulkygespanne verteilt. Der bayrische Fahrer Siegfried Huber und der holländische Europameister Hugo Langeweg räumten zum Auftakt bereits jeweils über 71.000 Euro ab. Neben dem Derby ist die Krone der Züchter (so der deutsche Begriff für die Breeders Crown) der zweite große Höhepunkt einer Saison. Sportlich gesehen ist der Erfolg garantiert – doch unter wirtschaftlichen Aspekten war es für die Bahn in Recklinghausen, wo das Meeting seit 1998 ausgetragen wurde, ein einziges Desaster: Allein im letzten Jahr blieb ein Minus von 350.000 Euro nach der Breeders Crown an dem bankrotten Verein kleben.

In Berlin hofft man dagegen, durch einen deutlich gesteigerten Umsatz in den grünen Bereich zu kommen - vorsichtiger Optimismus ist der Leitgedanke. Nur der Vorsitzende der Breeders-Crown-Kommission selber sorgte in diesem Zusammenhang für eine peinliche Irritation: Hans-Joachim Kleemann, zugleich der Vize-Chef des deutschen Traberverbandes und damit zweitmächtigster Mann im Sport, verursachte einiges Aufsehen: Zwei Minuten vor der entscheidenden Abstimmung über den möglichen Verkauf der Derbybahn verließ er die Mitgliederversammlung in Berlin. Der Hintergrund: Anstatt sein Votum in dieser absoluten Schicksalsfrage abzugeben, wollte der Pferdebesitzer viel lieber den Start einer seiner eigenen Traber bei einem nicht weit entfernten Buchmacher am TV-Schirm verfolgen.

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Frankfurter Allgemeine Zeitung (Ausgabe vom 5.8.2003)

                        Freudentränen zum Ende des Traumas

Schmid feiert Doppelsieg im Sulky: Beim Deutschen Traber-Derby mit Nordic Gold und Nelson erfolgreich

(H.Lingk)

BERLIN.  Noch 350 Meter bis zum Ziel: Als Michael Schmid beim Derby-Finale im Sulky seines Hengstes Tartas auf die Endgerade bog, da roch er urplötzlich die Chance. Zwar lagen noch einige Gegner vor ihm - doch die wurden immer müder, während sein eigener Traber mit jeder Sekunde besser anpackte. Ganz weit außen, direkt an den Rails, flog Tartas schnell wie ein Pfeil an den Konkurrenten vorbei auf die jubelnde Zuschauermasse zu. Zwanzig Meter vor der Ziellinie hatte er den führenden Gerd Biendl eingeholt. Wie bei einem WM-Torschützen, der den entscheidenden Treffer setzt, brach unbändiger Jubel aus Michael Schmid heraus. Als Zeichen des Triumphes riss er die Peitsche in die Höhe. Doch was danach passierte, kam einem persönlichen Drama gleich. Denn der Profi hatte sich ganz einfach verguckt. Nachdem das Zielfoto mehrfach vergrößert worden war, und nach Minuten, die ihm im Rückblick noch heute wie eine Ewigkeit erscheinen, stand es fest: Nicht er hatte das wichtigste deutsche Trabrennen gewonnen, sondern sein scheinbar ausgelaugter Gegenspieler Biendl. 

Allerdings liegt dieses Rennen schon zehn Jahre zurück, es war das Derby-Finale 1993. Und zehn Jahre lang litt Michael Schmid traumatisch unter dieser Niederlage: „Es fiel mir sehr schwer, den verpassten Derby-Sieg innerlich zu überwinden“, sagt der 36-jährige Sulkyprofi, der in dem kleinen Ort Wolferszell bei Straubing geboren wurde und seinen Aktionsradius schon lange auf die Trabrennbahnen im Ruhrgebiet ausgedehnt hat. Das ist nun vorbei. Mit seinem zweifachen Erfolg, sowohl in der Stuten- wie auch der Hengstabteilung, beim 108. Deutschen Traber-Derby in Berlin hat er dieses Trauma am letzten Wochenende gleich doppelt besiegt. 

Wie groß die Emotionen waren, als der Erfolgsdruck von ihm abfiel, das zeigte sich bereits am Samstag nach dem Triumph mit Nordic Gold November im Stuten-Derby um 148.580 Euro. Da hatte Schmid nämlich das gemacht, was sich für einen Gentleman gehört: Mit seiner siegreichen Stute war er nach der Zieldurchfahrt nicht etwa schnurstracks in den Mariendorfer Winner-Circle abgebogen. Nein, Schmid hatte erst die an den Banden wartende Pflegerin der Stute, Michaela Kolpatzki, als Zeichen seiner Würdigung mit dem Sulky abgeholt. Zeitgleich hatte er sich innerlich die Worte für die Siegerehrung zurechtgelegt. Doch plötzlich gab es ein Problem: Denn als die 29-Jährige mit auf den Aluminiumwagen sprang, da weinte sie vor Freude hemmungslos. Als Schmid das sah, brachen auch bei ihm alle Dämme: „Da habe ich nur noch wie ein Schlosshund geheult.“




Als das gleiche Duo keine 24 Stunden später dann auch das mit insgesamt 469.332 Euro dotierte Hauptderby mit dem Hengst Nelson November gewonnen hatte und erneut im Winner-Circle stand, da war Michael Schmid wesentlich gefasster. Da hielt er, begleitet von dem Trainer und von dem Eigentümer des Rennstalles November, Gerhard Holtermann und Michael Schröer, emotional sogar dem begeisterten Jubel der 20.000 Zuschauer Stand. Vielleicht, weil er sich zuvor auch in dem wichtigsten deutschen Trabrennen selber so diszipliniert zeigen musste. Mit einer taktischen Meisterleistung hatte er da zusammen mit dem Stallkollegen Siggi Huber, der im Sulky von Napoleon November saß, allen acht Gegner auf dem letzten Kilometer das Tempo aufgezwungen und schon weit vor dem Ziel keinen Widerstand mehr geduldet.

Vielleicht lag es aber auch daran, dass Schmid aufgrund der Leistungs-stärke seines Hengstes Nelson November so sicher war, nach den Erfolgen im Adbell-Toddington-Rennen und im Buddenbrock nun auch das Derby zu gewinnen. Und damit zugleich die Dreifache Krone, die höchste Aus-zeichnung, die der nationale Trabrennsport zu vergeben hat. Jedenfalls biss Schmid bei der Ehrung für den größten Erfolg seiner Karriere die Zähne eisern zusammen. Nur ganz zum Schluss, als der November-Chef Michael Schröer die Nervenkraft seines Stallpiloten herausstrich, da rollten bei Michael Schmid dann doch die Tränen. Und die sagten mehr als alle lobenden Worte.

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Financial Times Deutschland (Ausgabe vom 1.8.2003)

                  Kolossaler Frust und kometenhafter Aufstieg

Am Sonntag geht Sulkyprofi Michael Schmid mit Hengst Nelson November als Favorit in das 108. Deutsche Traber-Derby von Berlin


(H.Lingk) 

Glatte zehn Jahre ist es mittlerweile her, auch im Trabersport eine ganz schön lange Zeit. Dennoch wird Michael Schmid das Derbyfinale 1993 auf ewig unvergessen bleiben. Es war ein schwülwarmer Tag im August, die Witterung machte Pferden und Fahrern gleichermaßen zu schaffen. Als Schmid im Sulky des Hengstes Tartas auf die Zielgerade bog, da roch er plötzlich seine Chance. Zwar lagen noch einige Konkurrenten vor ihm - doch während das Ausreißerpulk mit dem Münchner Gerd Biendl an der Spitze immer müder wurde, packte sein eigener Traber mit jeder Sekunde besser an. Ganz weit außen, direkt an den Rails, flog Tartas wie ein Pfeil an allen Gegnern vorbei auf die jubelnde Zuschauermasse zu. 

20 Meter vor der Ziellinie hatte er Biendl eingeholt. Wie bei einem WM-Torschützen, der den entscheidenden Treffer setzt, brach unbändiger Jubel aus Michael Schmid heraus. Als Zeichen des Triumphes riss er die Peitsche in die Höhe. Was danach passierte, kam einem persönlichen Drama gleich. Denn der Profi hatte sich ganz einfach verguckt. Nachdem das Zielfoto mehrfach vergrößert worden war, und nach Minuten, die ihm im Rückblick noch heute wie eine Ewigkeit erscheinen, stand es fest: Nicht er hatte das wichtigste deutsche Trabrennen gewonnen, sondern sein scheinbar ausgelaugter Gegenspieler. „Daran habe ich sehr lange geknabbert“, sagt der 36-jährige, der in Wolferzell, einem Ort in der Nähe von Straubing, aufwuchs. „Das hat eine ganze Weile gedauert, bis es überwunden war.“ 

Seinen kometenhaften sportlichen Aufstieg hat dieser Frust allerdings nicht beeinträchtigt. Schmid absolvierte eine Karriere, die in dieser Saison ihren vorläufigen Höhepunkt finden kann. Fünf deutsche Zucht- und Grupperennen hat Schmid seit dem 1. Januar bereits gewonnen und führt damit die Rang-liste mit großem Vorsprung an. Fast alle Erfolge in diesen Klassikern fuhr er mit Pferden aus dem Besitz des Düsseldorfer Multimillionärs Michael Schröer heraus. Rund 300.000 Euro Preisgeld kamen so innerhalb weniger Monate zusammen. 

An diesem Wochenende soll sich diese Summe auf der Traberpiste im Berliner Bezirk Mariendorf entscheidend vermehren. Bereits im Stuten-Derby am Samstag – es geht dabei um 148.330 Euro - tritt Schmid für Schröers Stallfarben mit den Pferdedamen Ninja November und Nordic Gold November mit sehr guten Chancen an. Den dicksten Batzen gibt es dann am Sonntag für ihn zu gewinnen: Im 108. Deutschen Traber-Derby geht es für die insgesamt 43 Teilnehmer in den fünf Vorläufen und dem Finale um 468.830 Euro. Und da scheint der Hengst Nelson November ein Garant für den Erfolg zu sein.



Seit sechs Rennen ist der bildhübsche Fuchs, dessen Vater Coktail Jet sogar das Rennen aller Rennen, den Prix d’Amerique gewann, ungeschlagen. Fast alle diese Siege fielen überlegen aus. Welches Temperament Nelson November besitzt, demonstrierte der Hengst beim Aufwärmen zum Buddenbrock-Rennen vor vier Wochen, ebenfalls in Berlin. Da war er vor dem Start zunächst so ungebärdig, dass er seinen Fahrer fast aus dem Sulky katapultiert hätte. Als es dann kurz darauf ernst wurde, zeigte er sich plötzlich von ganz anderer Seite: Wie eine Maschine spulte Nelson November sein Pensum bei der Generalprobe für das Derby problemlos herunter und deklassierte die Gegnerschaft. „Er hat seinen eigenen Kopf und macht gerne mal ein paar Zicken“, sagt Schmid, „aber wenn das Rennen beginnt, weiß Nelson genau, was er zu tun hat.“ 

Dieser Erfolg war mit Sicherheit das beste Omen für die schwierige Aufgabe, die nun auf Nelson November und sein Team zukommt. Ein Ergebnis von symbolischer Bedeutung: Es war nämlich nicht irgendeine Prüfung, sondern genau die 100. Auflage des Buddenbrock-Rennens, die Nelson November gewann. Ein Jahrhundert zuvor triumphierte die Stute Emilia unmittelbar nach der Erstaustragung ebenfalls im Derby.

Und vielleicht sieht das Fundament für den Erfolg bei Nelson Novembers Heimatgestüt sogar noch besser aus. Denn während der Besitzer der erwähnten Emilia damals sein gesamtes Vermögen mit dubiosen und völlig wirkungslosen Abführpillen gemacht hatte, bevorzugt der Eigentümer des aktuellen Derbyfavoriten eher unbezweifelbare Dinge: Als Aufsichtsrats-vorsitzender diverser Unternehmen der Metallbranche zeichnet Michael Schröer unter anderem für die Herstellung von 80 Prozent der kontinentalen Euro-Rohlinge verantwortlich. Ein Mann also, der harte Währung bevorzugt. Deswegen hat Schröer, dessen Pferde schon drei Mal das Derby gewinnen konnten, vorgesorgt - und zur Sicherheit noch vier weitere Pferde als Starter für das wichtige Rennen genannt.

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Frankfurter Allgemeine Zeitung (Ausgabe vom 20.6.2003)

                Der Mann mit dem Goldhelm fährt weiter voran 

Mit 14 899 Siegen ist Heinz Wewering der erfolgreichste Trabrenn-fahrer und peilt nun die 20 000 an

(H.Lingk) 

GELSENKIRCHEN.  Außergewöhnliche Leistungen und Rekorde sind für diesen Mann nichts Neues. Als Heinz Wewering am 13. September 1965 mit einem Traber mit dem ungewöhnlichen Namen Morgan vom Veeinghof das erste Rennen seiner Karriere gewann, da war dieser Sieg bereits etwas Besonderes. Denn der Fahrer, der bei dem Triumph im Sulky hinter dem Wallach saß, war erst 15 Jahre alt. Eine Laufbahn im Trabrennsport hatte er zudem gar nicht eingeplant und wollte statt dessen Jockey werden. Aber das eigene Körpergewicht und die Statur standen ihm im Weg. Der glückliche Zufall: In Theo Grieper vom Gestüt Röttgen besaß der junge Wewering einen Verwandten mit guten Kontakten. Der vermittelte seinen Neffen an das Recklinghäuser Team des Trabertrainers Erich Speckmann, wo ausgerechnet an einem 1. April die Lehre begann. Als Heinz Wewering fünf Jahre später sein eigenes Gewerbe anmeldete – offiziell ein aus wenigen Boxen bestehender „Pensionsstall für Rennpferde“ – da war es kein Zufall mehr und schon gar kein Aprilscherz. Denn was die Gegner auf der Sandpiste erst langsam begriffen, war dem jungen Profi bereits klar. Heinz Wewering: „Ich himmelte Idole wie Hänschen Frömming an. Und ich hatte ein Ziel vor Augen: Eines Tages wollte ich der Beste sein!“ 

Am Mittwoch in Gelsenkirchen hat er dieses Ziel erreicht. Als Wewering zunächst eine Prüfung mit dem dreijährigen Hengst Karlos Santana gewann und sofort im Anschluss mit dem gleichaltrigen Sabado nachlegte, da wurde sein Traum zur Realität. Die Siege Nummer 14 898 und 14 899 einer schier unglaublichen Karriere machten Heinz Wewering endgültig zum erfolgreichsten Trabrennfahrer aller Zeiten. Der Kanadier Herve Filion, den er an diesem Abend mit einem Zähler Vorsprung von der Spitze der ewigen Bestenliste verdrängt hat, wird ihn unter normalen Umständen nicht mehr gefährden können. Denn während der 53-jährige deutsche Dauer-Champion mit seinen Pferden an 365 Tagen pro Saison auf allen Bahnen Europas an den Start geht, klettert sein zehn Jahre älterer Konkurrent nur noch sporadisch in den Sulky. Von allen anderen Kontrahenten ganz zu schweigen: Sie liegen um Tausende Siegpunkte zurück. Dieser fantastische neue Weltrekord, den Heinz Wewering aufgestellt hat, kann eine Marke für die Ewigkeit sein. Von ihm selber hängt es ab, wie weit sie ausgebaut wird. „Ich gehöre noch lange nicht zum alten Eisen“, triumphiert der Profi. „Ich will auch noch den Sieg Nummer 20 000 auf der Piste machen.“



Man muss es ihm glauben. Denn beim Blick auf Wewerings bisherige Karriere fühlt sich der Betrachter an ein präzise ablaufendes Uhrwerk erinnert: 1979 der erste von bisher vier Europameistertiteln. 1981 der erste Derbytreffer mit dem Hengst Nobel Stardom, dem sechs weitere folgen. 1993 und 1997 Siege bei den Weltmeisterschaften. Bereits seit 26 Jahren ist Wewering in ununterbrochener Reihenfolge deutscher Meister. Die symbolische Belohnung dafür: Der goldfarbene Sturzhelm, den nur er im Rennen tragen darf. Den Glanz dieses Helms sehen die gegnerischen Gespanne meist von hinten: Bei jedem dritten seiner Starts heißt der Sieger auf der Ziellinie Heinz Wewering, weitere dreißig Prozent seiner Einsätze beendet der Profi auf dem zweiten oder dritten Platz. Mehr als 44 Millionen Euro Preisgeld kam so zusammen. Rechnet man noch die Prämien dazu, die andere Fahrer mit den von Wewering trainierten und vorbereiteten Pferden verdienten, so sind es sogar über 60 Millionen. Ein Heimatverbundener ist der Westfale, der mit acht Geschwistern in dem kleinen Städtchen Albachten aufwuchs, trotzdem immer geblieben. Lediglich nach Castrop-Rauxel, an den Rand des Ruhrgebiets, hat Wewering seinen Wohnsitz im Laufe der Jahre verlegt. Sein sportlicher Aktionszyklus ist im Vergleich dazu gigantisch. Kaum eine Woche vergeht, in der er nicht im Ausland Rennen fährt. 

Alle großen Klassiker - vor allem in den europäischen Trabernationen Frankreich, Italien und Schweden – hat Wewering schon gewonnen. Nur ausgerechnet die renommierteste Prüfung, den Prix d’Amerique in Paris, noch nicht. Das ist ein Schicksal, dass er mit vielen Könnern seiner Zunft teilen muss: „So etwas kann man nicht erzwingen. Da kommen etliche Komponenten zusammen: Die Tagesform des Pferdes, der Rennverlauf, die notwendige Portion Glück!“ Die Hoffnung, dass er eines Tages einen Traber mit dem Format für diese Aufgabe hat, gibt Wewering nicht auf. Er behält dabei ein ruhiges Augenmaß: „Man darf Pferde nie überfordern. Jeder meiner Schützlinge ist anders, jeder hat seinen eigenen Charakter und seine Grenzen. Aber für mich sind sie alle Partner und nicht irgendwelche Sportgeräte, auf denen man rumturnen kann.“ 

Eine Entschädigung für den fehlenden Sieg im Prix d’Amerique war Heinz Wewering allerdings bereits vergönnt: Sein Sohn Oliver (33) trat mit angeborenem Talent in die Fußstapfen des Vaters und trug sich 1999 mit dem Riesenaußenseiter German Titan in die Erfolgsannalen des deutschen Derbys ein. Dieser Moment bleibt dem Sulkyprofi auf ewig in Erinnerung: „Auch, wenn ich selber in dem Rennen deutlich geschlagen wurde – das war der allergrößte Sieg!“ Vielleicht zeigt gerade diese Fixierung auf das wichtigste deutsche Trabrennen, wie sehr sich Heinz Wewering trotz seiner internationalen Erfolge mit der Situation auf den heimischen Bahnen identifiziert - und wie sehr er zugleich unter der augenblicklichen Vermarktungsschwäche der wirtschaftlich schwer angeschlagenen Traberbranche leidet: „Es ist eine Schande, wie der Trabrennsport in Deutschland verkauft wird“, sagt er. „Wir Fahrer sind im Grunde doch nur die Idioten, fast schon Randfiguren. Stattdessen führen sich die eitlen Funktionäre in den Verbänden und den Rennvereinen trotz ihres völligen Versagens wie vermeintliche Weltmeister auf!“

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Financial Times Deutschland (Ausgabe vom 12.6.2003)

                Sieben Siege bis zum Weltrekord für die Ewigkeit

        Sulkyfahrer Heinz Wewering gewinnt so oft wie kein anderer

(H.Lingk) 

Lächerliche sieben Siege fehlen ihm noch: Dann wird Heinz Wewering endgültig der erfolgreichste Sulkyfahrer aller Zeiten sein. Bisher fuhr der 53-jährige Profi aus Castrop-Rauxel 14 889-mal als Erster über die Ziellinie und verdiente dabei über 44 Millionen Euro Preisgeld. Nur noch ein einziger Konkurrent steht mit 14 895 Siegen in der ewigen Bestenliste der Trabrennfahrer knapp vor ihm: der zehn Jahre ältere Kanadier Herve Filion. Alle anderen Gegner liegen mit Tausenden Punkten Rückstand abgeschlagen zurück. Wenn Wewering in Kürze die neue Marke setzt, dann kann dies durchaus ein Weltrekord für die Ewigkeit sein. 

Dass er das schaffen wird, ist sicher: Denn während Herve Filion auf den nordamerikanischen und kanadischen Rennpisten nur noch sehr selten in den Sulky steigt, ist der 26-malige deutsche Meister regelmäßig am Start. Morgens um sechs Uhr beginnt Wewerings Arbeitstag, und das sieben Mal die Woche. Und wie der Zeiger der Uhr, so dreht sich auch der Profi mit seinen Pferden im Kreis: Schon vormittags im Training müssen rund 100 Traber um die Bahn bewegt werden. Das schafft natürlich niemand alleine: Für den Erfolg ist Heinz Wewering auf einen 25-köpfigen Mitarbeiterstab angewiesen. Und gerade in der Organisation dieses Betriebes liegt seine Stärke: Astrid Pracht, 42, zum Beispiel wollte als Schülerin nur ein bisschen den Stallgeruch schnuppern. Jetzt ist sie seit über 20 Jahren Wewerings rechte Hand, regelt alle Details, bucht die Flüge für seine Auslandsstarts und hält meist zwei Hörer gleichzeitig in der Hand: „Wenn es in all der Zeit keinen einzigen Tag langweilig mit ihm war, dann ist das wohl das größte Lob, das man einem Chef machen kann“, sagt sie. 

Der Lohn dieser minutiösen Planung: Zwei Welt- und vier Europameistertitel, 26 deutsche Championate und sieben Derbysiege. Zählt man die Erfolge dazu, die Amateurfahrer mit den von Wewering trainierten Trabern erzielt haben, so kommen sogar weit über 60 Mio. Euro an Rennpreisen zusammen. Doch was bedeutet dem Ausnahmeprofi selber der nun bevorstehende absolute Weltrekord? „Natürlich freue ich mich. Denn in der Einschätzung dieses Rekords darf man ja nicht von Deutschland ausgehen. Weltweit gibt es Tausende von Sulkyfahrern, in vielen Ländern rangieren die Trotter in der Gunst des Publikums ganz weit oben. Dort war diese Sportart vor 150 Jahren aktuell und ist es heute genauso. Dass man da die Nummer Eins ist, erfüllt mich schon mit Stolz.“



Doch zugleich mischt sich in diese Freude auch ein Unbehagen über die hiesigen Gegebenheiten: „Ich habe mein ganzes Leben den Pferden gewidmet. Um diese Siege feiern zu können, muss ich ständig Leistung bringen. Aber die wirtschaftlich Verantwortlichen hier im Land scheinen sich regelrecht zu verweigern. Es ist eine Schande, wie der Trabrennsport in Deutschland vermarktet wird. Wir Fahrer sind im Grunde doch nur die Idioten, fast schon Randfiguren. Stattdessen führen sich die eitlen Funktionäre in den Verbänden und den Rennvereinen trotz ihres völligen Versagens wie die eigentlichen Weltmeister auf!“ 

Trotz seines Ärgers ist eines sicher: Wenn Heinz Wewering heute Abend in Gelsenkirchen und dann in den kommenden Tagen in Recklinghausen, Hamburg und vielleicht auch Italien an den Start geht, wird er für die Fans auf den Bahnen das haargenaue Gegenteil von einer Randfigur sein. Keiner genießt Sympathie wie er. Wo und wann die alte Rekordmarke exakt fallen wird, ist Nebensache. „Das kann ich nicht prophezeien. Es kann heute passieren, aber vielleicht auch erst in einer Woche“, sagt Wewering gelassen.

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Financial Times Deutschland (Ausgabe vom 23.5.2003)

                                        Lebensfroher Teufel   

Der belgische Traberprofi Jos Verbeeck gewinnt mit halsbrecherischer Taktik viele Rennen und gibt die Prämie danach gerne sofort aus

(H.Lingk) 


Le Diable – das ist für einen Sportler nicht unbedingt ein positiver Spitzname. Zumindest auf den ersten Blick. Der Teufel – im Fall des belgischen Sulkyprofis Jos Verbeeck sind die Wörter zweideutig gemeint: Misstrauen und Argwohn sprechen aus dieser Umschreibung. Aber zugleich auch eine große Bewunderung für einen Mann, dem alle Seiten „höllische“ Fähigkeiten attestieren.

In Frankreich, dem Mutterland des Trabrennsports, hat der 46-jährige die Fachwelt mit seinen Erfolgen irritiert. Denn dort hielt man die eigenen Sulky-Heroen lange Zeit für unbezwingbar. Ganz besonders im Prix d’Amerique, dem wichtigsten Rennen der Welt. Bis Verbeeck kam. 1994 begann seine Serie, als er dem Pariser Publikum mit dem kanadischen Hengst Sea Cove den ersten großen Schock versetzte. Es folgten zwei weitere Amerique-Siege. Und im Januar dieses Jahres seinen Höhepunkt: Mit dem als chancenlos eingestuften 310:10-Außenseiter Abano As aus der Zucht von Alwin Schockemöhle zog Jos Verbeeck allen Gegnern davon.

Es sind meist spektakuläre Erfolge, denn Verbeeck gewinnt mit halsbrecherischer Taktik Rennen, die man eigentlich nicht gewinnen kann. Über 3 Mio. Euro Prämie hat der Pferdeprofi innerhalb der letzten zwölf Monate mit seinen Fahrten verdient. „Jos ist ein Vollstrecker für die absolut dicken Dinger“, erklärt der zweimalige Olympiasieger Alwin Schockemöhle den Umstand, warum er auf den als wilden Lebemann verrufenen Belgier setzt. „Da, wo anderen die Knie weich werden und die Puste ausgeht, da wird Verbeeck erst richtig gut!“ 

Der Sportler, dem dieses Lob gilt, ist eine Mischung aus Genie und Wahnsinn. „Einen Mann wie Jos kann keine Frau auf Dauer halten“, sagt seine 31-jährige Lebensgefährtin Veronique Hayen. „Denn seine Liebe gehört sowieso nur den Rennen. Er ist ein wilder Bursche – aber er hat ein gutes Herz!“ Vielleicht muss ein Sulkyfahrer genauso konstruiert sein wie Verbeeck, um die ganz großen Siege zu feiern. Denn die Prämie ist ihm dabei relativ unwichtig. Nach seinem ersten Prix-d’Amerique-Sieg zum Beispiel hat der Profi noch in derselben Nacht die Hälfte der Gewinngage mit unzähligen Freunden und Bekannten in den Pariser Bars durchgebracht.



Auch an diesem Sonntag, wenn er mit Abano As auf der Rennpiste in Solvalla (bei Stockholm) an den Start gehen wird, gibt es viel zu gewinnen. Mit 463.500 Euro ist der Elitloppet dotiert, die renommierteste europäische Traberprüfung über die 1609-Meter-Distanz. Ein Ereignis von großem öffentlichen Interesse. Ähnlich wie in Frankreich steht der Sport mit den schnellen Vierbeinern in der Gunst des nordischen Publikums weit oben. Den Namen Abano As kennt dort mittlerweile jeder. Der beste deutsche Traber aller Zeiten wird mit seiner Bilanz von 22 Siegen und 15 Platzierungen (bei 40 Starts) sowie 1.826.964 Euro Preisgeld nicht noch einmal unterschätzt werden.

Trotzdem wird es für ihn schwer. Denn im Gegensatz zu den durchtrainierten Gegnern hat Abano As nach einer dreimonatigen Ruhepause nur einen kurzen Aufgalopp in Bologna absolviert. Verbeeck, sonst eher für verbale Demütigungen seiner Gegner bekannt („Wenn ein Pferdebesitzer den Prix d’Amerique gewinnen will, sollte er mich rechtzeitig anrufen!“) gibt sich moderat. „Für diese Aufgabe dürfte die Kondition noch nicht reichen. Abano As gefällt mir sowieso über weitere Distanzen besser – aber keine Sorge, seine Zeit wird in diesem Jahr noch kommen.“ 

Dass Schockemöhle und Verbeeck die Gegner im Elitloppet vorab nicht unnötig reizen, hat aber noch einen anderen Grund. Denn im Teilnehmerfeld ist eine weitere Sulkylegende dabei: Der Schwede Stig H. Johansson, der mit dem Wallach Victory Tilly den schnellsten Traber der Welt steuert (Kilometerrekord 1:08,9 min., Gewinnsumme 3,7 Millionen Euro). Sechsmal hat Johansson das wichtigste skandinavische Rennen gewonnen – und er hat großen Anteil am Erfolg von Abano As. Denn bevor der Italiener Pietro Gubellini und dann Jos Verbeeck als Fahrer für Abano As kamen, hatte der Routinier über ein Jahr lang Traber betreut.

Dass Verbeeck nur 90 Minuten, nachdem er überhaupt das erste Mal im Sulky von Abano As saß, auf Anhieb den Prix d’Amerique gewann, war für Johansson ein harter Schlag. Doch zumindest in Worten gibt es für den Schweden eine Wiedergutmachung. Alwin Schockemöhle: „Stig hat Abano As erst zu dem geformt, was er heute ist.“ Und Kontrahent Verbeeck: „Bevor ich mein erstes Rennen fuhr, war Johansson schon längst mein Idol!“

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Frankfurter Allgemeine Zeitung (Ausgabe vom 28.1.2003)

                      Abano As macht Statistiker zu Statisten 

Den Prix d'Amerique in Paris gewinnt das erste Mal seit 50 Jahren ein deutsches Pferd

(H.Lingk) 

PARIS. Wenn eine Sache wichtig genommen wird im internationalen Trabrennsport, dann ist es die Statistik. Die Bestleistung eines Pferdes über Strecke und Distanz, der Startplatz, die Bodenverhältnisse, dazu die Siegbilanz seines Fahrers – alles das wird im Hinblick auf eine Gesamtprognose akribisch festgehalten. Doch dass all diese Zahlenspiele sich als unbedeutend herausstellen können, wenn es auf die Zielgerade geht, hat der 82. Prix d’Amerique in Paris eindrucksvoll bewiesen. Das wichtigste Trabrennen der Welt wurde von einem Hengst gewonnen, der auf keiner Rechnung stand. Gewiss – die Tatsache, dass es sich bei dem edel ausschauenden Abano As um den bisher gewinnreichsten deutschen Traber handelte, war auch den 40.000 Zuschauern auf der Tribüne in Vincennes nicht verborgen geblieben. Doch was hatten 1 338 444 Euro an ertrabten Rennprämien schon für einen Wert?

Kaum jemand konnte sich an den Sieg eines deutschen Pferdes im Prix d’Amerique erinnern. Schließlich lag er bereits 50 Jahre zurück. 1953 hatte der Hengst Permit in der Hand des Hamburgers Walter Heitmann als einziger in Deutschland gezüchteter Traber diesen Klassiker gewonnen. Was also gab es zu fürchten aus Sicht der pferdevernarrten Franzosen, die am Sonntag alles Vertrauen im mit 800 000 Euro dotierten Rennen (davon 400 000 Euro für den Sieger) in ihre Vierbeiner-Heroen General du Pommeau und Insert Gede gesetzt hatten? Nur Paul Wals, zusammen mit Alwin Schockemöhle und Julius Smit Besitzer von Abano As, muss etwas geahnt haben. Denn als sein Hengst neunzig Minuten vor dem eigentlichen Rennen mit dem belgischen Spitzenfahrer Jos Verbeeck zum Aufwärmen auf der Piste erschien, da machte der Braune genau das, was er eigentlich nicht tun darf und was zur Disqualifikation führen kann: Abano As legte einige Galoppsprünge ein. „Als ich das sah, schossen mir vor Freude die Tränen in die Augen“, sagt Wals. „Denn da habe ich gewusst, jetzt hat unser Hengst wieder das Temperament, mit dem er gewinnen kann.“ Lange hatte der Holländer im Vorfeld zusammen mit seinem Partner Alwin Schockemöhle, der zugleich auch Züchter von Abano As ist, über einen möglichen Start in Paris diskutiert. Zu gravierend erschien ihnen der Trainingsrückstand ihres Hengstes aufgrund eines Sturzes Anfang November auf der Bahn in San Siro. Erst als die beiden mit Jos Verbeeck, der den Prix d’Amerique bereits drei Mal (1994 Sea Cove, 1997 Abo Volo, 1998 Dryade des Bois) gewinnen konnte, einen Weltklassefahrer für Abano As verpflichteten, fiel die letzte gedankliche Hürde für das Engagement.

                                    Verbeeck erwischte einen Blitzstart mit dem Hengst und ließ zunächst den Mitfavoriten und Hambletonian-Sieger Scarlet Knight mit dem Schweden Stefan Melander im Sulky passieren. Verbeeck wollte die Spitze absichtlich nicht, wie der 45-jährige Pferdefachmann sagt: „Ich trat das Rennen ja von der Papierform her als chancenreicher Außenseiter an – mehr nicht. Ich wollte nicht selber das Tempo vorlegen.“ So behielt der Profi auch die Nerven, als der vor ihm liegende Pacemaker nach 600 Metern urplötzlich in Galopp verfiel und ausschied. Ganz bewusst ließ Verbeeck in General du Pommeau noch einen Konkurrenten vorbei, denn: „Mir war klar: Unser Moment kommt erst noch.“


200 Meter vor der Ziellinie bekam er die Chance: Als die Kräfte seiner Gegner schwanden und sich die entscheidende Lücke auftat, da nahm Verbeeck sein Pferd heraus und stürmte zum Sieg. Geradezu lässig hielt er den außen heranfliegenden Insert Gede (Yves Dreux) mit einer Nüsternbreite Vorsprung in der Kilometerzeit von 1:15,1 Minuten in Schach. Gleich bei seinem ersten Start mit Abano As hatte er zur 31-fachen Siegquote den Traum für das Team um Alwin Schockemöhle wahr gemacht. Und auf seiner anschliessenden Privatfeier zeigte sich der nicht gerade für Schüchternheit bekannte Verbeeck gleich von seiner alten Seite: „Wenn ich Abano As vor dem Prix d’Amerique schon besser gekannt hätte, wären es im Ziel drei Längen Vorsprung gewesen.“

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Financial Times Deutschland (Ausgabe vom 24.1.2003)

                                Super-Fahrer mit Super-Pferd 

Der Prix d’Amerique in Paris ist das wichtigste Rennen der Welt. Am Sonntag soll es ein deutsches Pferd gewinnen

(H.Lingk) 

Als es auf die Gegenseite zuging, hatte er mit seinem Pferd immer noch zehn Längen Vorsprung vor den Gegnern. Und dennoch sah der Fahrer in seinem weißroten Dress schon wie der geborene Verlierer aus. Denn mit einer panischen Fluchttaktik hatte noch niemand hier in Paris jemals eine hochdotierte Prüfung auf dieser Piste gewonnen. Und schon gar nicht den Prix d’Amerique – das wichtigste Trabrennen der Welt.

Auch der Belgier Jos Verbeeck schien die Zeche für seine irrsinnige Taktik bezahlen zu müssen. Denn als er den letzten Bogen ansteuerte, als diese für die 40.000 Zuschauer auf der weit entfernten Tribüne mit bloßem Auge kaum erkennbare Steigung begann, da wirbelte sein Hengst Sea Cove unter der übermächtigen Anstrengung das erste Mal wild den Kopf umher. Genau an dieser Stelle waren die meisten, die ihre Kräfte maßlos überschätzt hatten, gescheitert. Nur ein paar Prozent Anstieg sind es zwar – doch für die 18 weltbesten Pferde, die hier alljährlich ihre Kräfte messen, ist es der gefürchtete Berg von Vincennes.

Als es auf die Zielgerade ging, hatte Sea Cove seinen Vorsprung endgültig verloren. Wie ein dunkler Schatten klebten seine Gegner an ihm dran – nicht nur einer, sondern das gesamte Pulk. Weißer Schaum drang aus seinem Maul und seinen Nüstern, als ihn das Feld 100 Meter vor der Linie zu überrollen schien. Was dann passierte, kann sich bis heute noch keiner richtig erklären. Wie eine ferngelenkte Marionette fing Jos Verbeeck im Sulky urplötzlich an zu zappeln, um seinen Traber neu zu motivieren. „Ich weiß eigentlich selber nicht, wie ich das geschafft habe“, sagt der Profi heute im Rückblick. Was keiner für möglich gehalten hatte, geschah: Mit einem längst geschlagenen Pferd rettete er sich als Sieger durchs Ziel.



Das war 1994, und für den hiesigen Trabrennsport zugleich der größte Triumph, seit Walter Heitmann und sein Wunderhengst Permit vor genau 50 Jahren als einziges rein deutsches Duo den Prix d’Amerique gewannen. Denn Sea Cove wurde zwar in Kanada gezüchtet, lief aber in den Farben des Hamburger Kaufmanns Harald Grendel. Seinen Fahrer machte der Braune über Nacht zum Star, zum begehrtesten Catchdriver in ganz Europa. Jos Verbeeck ließ sich diese Chance nicht nehmen: 1997 gewann er den Prix d’Amerique mit dem französischen Traber-Heroen Abo Volo, 1998 mit der Außenseiterin Dryade des Bois. Seitdem gilt der Mann als die schillerndste Figur im gesamten Trottersport. Denn der 45-jährige genießt den Erfolg in vollen Zügen und weiß zu provozieren: Auf seinen täglichen Pendelfahrten zwischen Frankreich, Italien und Schweden vergisst er schon mal, die eigene Handyrechnung zu bezahlen. Oder lässt die Privatadressen seiner millionenschwerer Pferdebesitzer auf einem Zettel in irgendeiner Bar liegen.

Am Sonntag wird Jos Verbeeck mit dem Hengst Abano As das gewinnreichste deutsche Rennpferd aller Zeiten im Prix d’Amerique steuern: 1.338.444 Euro hat der sechsjährige Traber aus dem Stall des zweifachen Olympiasiegers Alwin Schockemöhle in seiner Vierbeiner-Laufbahn bisher verdient. Bei 21 seiner 37 Starts konnte er triumphieren. Für einen Sieg in Paris kämen noch einmal 400.000 Euro dazu. Die Gesamtdotation des Rennens beträgt 800.000 Euro. Startberechtigt sind nur die 18 Teilnehmer mit der höchsten Gewinnsumme: Selbst das bis dato erfolgloseste Pferd wird daher immer noch über eine Prämienbilanz von ca. 650.000 Euro verfügen.

Dass es gegen diese trabenden Geldschränke nicht einfach wird, weiß auch Verbeeck: „Abano As ist ein Pferd von exquisitem Können. Von seiner Klasse her hat er das Zeug, weit nach vorne zu laufen. Was mir allerdings Sorge macht, ist die lange 2700-Meter-Distanz. Prinzipiell kann Abano As sehr viel Speed gehen - aber er muss erst das Stehvermögen für diese Strecke unter Beweis stellen.“

Das größte Handicap für den vierbeinigen Überflieger, der bisher alle wichtigen europäischen Jahrgangsprüfungen gegen seine Altersgefährten gewann und nun vor seiner schwersten Aufgabe steht, resultiert allerdings aus einem Sturz, den er Anfang November auf der Bahn San Siro in Mailand erlitt. Zwar kam Abano As mit einigen Hautabschürfungen und Fleischwunden relativ glimpflich davon, aber danach musste sein Team vier Wochen mit dem Training aussetzen.

Zu den klaren Favoriten für das Rennen gehört der Hengst daher nicht mehr. Nur selten in der Geschichte des seit 1920 ausgetragenen Prix d’Amerique war die Frage nach dem Sieger im Vorfeld so offen wie dieses Mal. Das wird die Wettleidenschaft des französischen Publikums aber nur noch weiter anheizen. Über 30 Millionen Euro fließen alleine für dieses Rennen, das nur etwas mehr als drei Minuten dauert, landesweit durch die Totokassen.

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Financial Times Deutschland (Ausgabe vom 3.1.2003)

                     Wewering, der Mann mit dem Goldhelm 

       Der Trabrennfahrer wird zum 26. Mal in Folge Champion

(H.Lingk)

Gold, Silber und Bronze: Das sind auch im Trabersport die Farben des Erfolges. Nur die drei besten Fahrer dürfen im Jahr 2003 mit derartig kolorierten Sturzhelmen an den Start gehen. Gold ist allerdings seit langem für einen einzigen Mann fest gebucht: Heinz Wewering, der die Szenerie auf den schnellen Sandpisten beherrscht, wie kein anderer vor ihm. Von seinem Trainingszentrum in Castrop-Rauxel aus, an der Peripherie der vier westdeutschen Bahnen Gelsenkirchen, Recklinghausen, Mönchengladbach und Dinslaken gelegen, dominiert er die Konkurrenz. Mit 370 Saisonsiegen – bei insgesamt 1388 Starts im vergangenen Jahr – holte sich der 52-jährige zum 26. Mal hintereinander das Sulky-Championat.

Die Summe von Wewerings gewonnenen Rennprämien beläuft sich mittlerweile auf ungefähr 55 Mio. Euro. Genau weiß man es nicht, denn eine exakte Statistik der Dotationen wird von der Dachorganisation HVT erst seit 1980 geführt. Seit diesem Zeitpunkt liefen 43,7 Mio. Euro auf Wewerings Fahrerkonto auf; in seiner Eigenschaft als Trainer kamen noch einmal 11,6 Mio. Euro hinzu. Die Anzahl seiner Erfolge jedoch wurde akribisch festgehalten: 14.701 Mal passierte der gebürtige Westfale die Ziellinie als Erster und war weitere 15.319 Mal platziert. Durchschnittlich siegt er in jedem dritten Rennen.



Den Konkurrenten um den Silber- und den Bronzehelm hingegen schien die Zeit in dieser Saison davonzulaufen. In den letzten Dezembertagen traten Michael Hönemann (Berlin) und Heiner Christiansen (Hamburg) in einem irren Wettlauf um die restlichen Wertungspunkte ständig gegeneinander an. Die Entscheidung fiel erst am letzten Renntag: Nachdem er schon in Rückstand geraten war und alles für ihn verloren schien, schaffte Hönemann die Sensation. Mit dem zehnjährigen Wallach Ilpride – für ein Rennpferd ein stolzes Alter – brachte er Christiansen und dessen vierbeinigen Lokalmatadoren Kenneth Sun entscheidend ins Stolpern. Schließlich zog Hönemann mit 210 : 208 davon.

Klarer waren die Fronten bei den Amateuren verteilt. Marie Lindinger, 23, Tiermedizin-Studentin aus dem bayrischen Aschheim, machte ihre Sache perfekt und fuhr mit 141 Siegen und 124 Platzierungen einen neuen Amazonen-Weltrekord heraus. Dabei war vor allem ihre Quote beeindruckend: Für die neue Bestmarke benötigte sie nur 339 Starts. Eine weitere ehemalige Amazone durfte sich an einer anderen Bilanz erfreuen: Marion Jauß, 63, holte sich zum ersten Mal mit ihren Pferden das deutsche Besitzer-Championat. 545.638 Euro brachten ihre Traber aus den Rennen in den Stall zurück, wobei die Millionen-Erbin mehr auf Klasse als auf Masse setzte und mit dem finnischen Trainer Veijo Kivioja zudem einen echten Erfolgsgaranten verpflichtete. Dennoch blieb der Eigentümerin des schleswig-holsteinischen Gestütes Neritz der größte Wunsch unerfüllt – noch immer träumt sie von einem Derbysieg. Sogar ihr Paradepferd Pablo As lief im vergangenen Jahr wieder nur auf den Ehrenrang.

Auf seinen Trumpf Abano As setzt Alwin Schockemöhle. Seit Jahren beherrscht der nun 65-jährige Doppelolympiasieger - der sich nach seinen Goldmedaillen (1960 in Rom mit der Mannschaft und 1976 in Montreal im Einzel) 1977 aufgrund einer Verletzung 1977 vom Springreiten zurückzog und den Trabern widmete - die Zucht und den Handel mit den edlen Vierbeinern. Mit Abano As, der mit über 1,3 Mio. Euro das gewinnreichste deutsche Rennpferd aller Zeiten ist, steht ihm die schwerste Aufgabe allerdings noch bevor: Der Hengst soll am 26. Januar in Paris den Prix d’Amerique gewinnen – das bedeutendste Trabrennen der Welt.

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Financial Times Deutschland (Ausgabe vom 14.10.2002)

                                  Abano As nun bester Traber

(H.Lingk)

Sensationeller Erfolg für Alwin Schockemöhles fünfjährigen Hengst Abano As: Mit dem mehrfachen italienischen Derbysieger Pietro Gubellini im Sulky gewann der Traber am gestrigen Sonntag den traditionellen Gran Premio Gaetano Turilli um 272.690 Euro in Rom. Dabei blieb Abano As überlegen mit zwei Längen Vorsprung vor seinen Konkurrenten Zinzan Brooke Tour (Marco Smorgon) und Volomist (Roberto Andreghetti), während die favorisierte Stute Yatzy Brodda mit ihrem finnischen Trainer Jorma Kontio nur einen enttäuschenden siebenten Platz belegte.



Mit diesem Triumph steigerte der Schockemöhle-Hengst seine in den Rennen erzielte Gewinnsumme auf 1.308.180 Euro und ist damit der erfolgreichste deutsche Traber aller Zeiten. Abano As, dem alle Experten eine große Zukunft voraussagen, und der im kommenden Januar im Pariser "Prix d'Amerique", dem wichtigsten Trabrennen der Welt, starten soll, verwies somit den ebenfalls Alwin Schockemöhle gehörenden Campo Ass (1.299.805 Euro) auf Rang zwei.

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Financial Times Deutschland (Ausgabe vom 13.9.2002)

                                       Trauriges Wiedersehen

Peter Strooper trifft beim Rennen in Recklinghausen den Hengst Abano As, mit dem er seine größten Erfolge feierte

(H.Lingk)

Eigentlich hat Peter Strooper allen Grund, zufrieden zu sein. Seit langem gehört der Holländer zu den absoluten Topstars im Sulkysport. Erfolge in den USA und im Traber-Mekka Frankreich, dazu die Triumphe im deutschen und im niederländischen Derby. Aber wenn das Thema auf eines seiner ehemaligen Pferde kommt, dann wird der extrovertierte Strooper schweigsam wie ein Grab. Dann legt sich ein dunkler Schatten um die stets sonnengebräunten Gesichtszüge des blonden Profis. Abano As: Das sind die beiden Worte, die dem Holländer nur sehr schwer über die Lippen gehen. Abano As: Das ist der Name des Hengstes, mit dem er alles gewann, und den er verlor. 

„Es macht keinen Sinn mehr, darüber nachzudenken“, lautet Stroopers knapper Kommentar. „Es muß eben auch ohne den Braunen weitergehen.“ Nur seine schwedische Lebensgefährtin Mayvor Johansson, die den Ausnahmetraber Abano As im Alltag auf jedem Vierbeiner-Schritt begleitete und keinen Moment aus den Augen ließ, ist gesprächiger: „Darüber werde ich wohl nie ganz hinwegkommen“, sagt die 33jährige, die manche Nacht vor einem großen Rennen aus Sorge um ihren Hengst in dessen Box verbracht hat.“

Vor drei Jahren bestritt der muskulöse Traber aus der Zucht von Alwin Schockemöhle mit Strooper im Sulky ein Youngsterrennen in Recklinghausen. Und zeigte schon an diesem Tag einen besonderen Charakterzug, der später kennzeichnend für ihn wurde: In der Vorbereitung war der Hengst ein richtig lieber Kerl, doch auf der Sandpiste von seinem ungezügelten Temperament her einfach nicht zu bändigen. Peter Strooper: „Abano As war der klare Chef im Ring, er machte, was er wollte!“ Doch das, was er machte, tat er zugleich auch für seinen Trainer: Beide zusammen erwiesen sich als unschlagbar. Sieg auf Sieg folgte, innerhalb von nur 12 Monaten kamen knapp 600.000 Euro an gewonnenen Prämien zusammen. 

Doch dann geschah, was Traberfans und Fachwelt zunächst kaum begreifen wollten: Alwin Schockemöhle entschied sich trotz aller Erfolge gegen den Holländer und gab seinen Edelvierbeiner in die Regie des Schweden Stig H. Johansson ab. Der Beginn einer Odyssee in Bezug auf die Fahrer: Angefangen vom Franzosen Bernard Piton bis hin zum Italiener Pietro Gubellini wechselten sich die Piloten im Sulky des Hengstes ab. Und immer wieder zeigte Abano As seinen völlig eigenen Kopf, gab sich einmal heftig als ungestümer Blitzstarter, dann wieder ruhig, nur um das Gegnerfeld von hinten aufzurollen.



Mit seinem Kilometerrekord von 1:10,9 min. ist der Schockemöhle-Hengst längst zum schnellsten deutschen Traber aller Zeiten geworden, die Gewinnsumme steht aktuell bei 1,16 Millionen Euro. Im Januar soll er mit dem Pariser Prix d’Amerique das wichtigste Rennen der Welt bestreiten. Endet nun auch die ewige Qual bei der Wahl seiner Sulkyfahrer? Mit dem zweifachen Weltmeister Heinz Wewering  hat sich Alwin Schockemöhle für einen Partner allererster Güte entschieden. Unglaubliche 14.580 Sulkysiege stehen für den „Mann mit dem Goldhelm“ in der Siegstatistik.

Das Rennen um die nach amerikanischem Vorbild konzipierte Breeders Crown („Krone der Züchter“) für fünf- und sechsjährige Traber am kommenden Sonntag in Recklinghausen wird die erste große Aufgabe des möglichen Dreamteams sein. 165.297 Euro Dotation locken den Bestplatzierten dieser Prüfung.

Für die Bahn in Recklinghausen bedeutet dieses Meeting vom Freitag bis zum Sonntag ein Event der Superlative, den absoluten Saisonhöhepunkt: Für die drei Veranstaltungstage wurden insgesamt 346 Starter genannt. In den 37 Prüfungen, die ausgetragen werden, gehen Preisgelder in Höhe von 1.014.598 Euro an diejenigen, die auf der Ziellinie die Nase bzw. Nüstern vorne haben.

Was wird dann wohl in Peter Strooper vorgehen, wenn ihm beim Aufwärmen zwischen den Rennen mit seiner aktuellen Stuten-Derbysiegerin Weltblut (tritt in der Breeders Crown für Dreijährige um 57.000 Euro an) der Hengst begegnet, den er selbst maßgeblich zum besten deutschen Traber aller Zeiten geformt hat? Wird er sich seiner Worte erinnern: „Es bringt einfach nichts, in die Vergangenheit zurück zu blicken. Ich kann mich jetzt nur um meine eigenen Pferde kümmern und hoffen, dass eines Tages wieder ein zweiter Abano As dabei sein wird!“

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Financial Times Deutschland (Ausgabe vom 2.8.2002)

                             Gebündelte Dramatik einer Saison

Beim Traber-Derby in Berlin benötigen die Sulkyfahrer zum Gewinnen nicht nur besonderes Können, sondern auch jede Menge Glück

(H.Lingk)

Alles begann mit Zirkuspferden. Und wie ein riesiger Zirkus ist das Ereignis Traber-Derby bis heute geblieben: Mehr als je zuvor ist ein Sieg im Rennen um das „Blaue Band“ auf der Sandpiste im Berliner Stadtteil Mariendorf für die bunten Sulkyfahrer die absolute Krone einer erfolgreichen Karriere. Viel wichtiger als die rund 450.000 Euro, die es insgesamt an Preisgeldern für die Bestplatzierten dieser Prüfung zu verdienen gibt.

Die Hauptstadt und der Pferdesport - eine lange Geschichte. 1876 ließ ein russischer Zirkusdirektor namens Salamonski einige seiner schnellen Pferde in improvisierten Schaurennen gegen Traber aus Berliner Privatbesitz antreten. Darunter viele Wagen- und Transportpferde von Schlachtern, die aus purer Neugierde die Schnelligkeit ihrer Vierbeiner testen wollten. Mit jedem Tag strömte ein größeres Publikum spontan diesen Wettkämpfen zu. Ein Jahr später wurde der erste Berliner Traber-Klub gegründet.

Wenn sich am Sonntag gegen 17 Uhr die 10 schnellsten 3jährigen Pferde mit ihren Fahrern hinter den ausgeklappten Flügeln des Startautos versammeln, dann werden 25.000 Zuschauer dieses Spektakel live verfolgen. Denn entgegen dem Trend im wirtschaftlich schwer angeschlagenen Trabersport nimmt die Bedeutung des Derbys weiter zu. Die gesamte Dramatik einer Saison bündelt sich in den 1900 Derby-Metern. Schon Wochen vorher sind alle Stallteams, die ein Pferd ins Rennen schicken, auf nichts anderes mehr fixiert.

Vielleicht liegt es an dem schmalen Grat zwischen Sieg und Niederlage. Eine unsichtbare Grenze, die auch der erfolgreichste Sulkyfahrer der Welt, Heinz Wewering, zur Genüge kennt. Siebenmal – zuletzt im Vorjahr mit dem Hengst Oscar Schindler Sl - hat der „Mann mit dem Goldhelm“ das Derby bisher gewonnen. Am Sonntag tritt er mit German Boy aber nur als Außenseiter an. Wewering weiß, wieviel Glück zum Triumph gehört. 

1983 stand sein Hengst Ifram beispielsweise klar über allen Gegnern. „Er war eine ganze Klasse besser als alle anderen und konnte überhaupt nicht verlieren“, sagt Wewering rückblickend. Doch nur drei Tage vor dem Derby lag der vierbeinige Überflieger plötzlich krank in seiner Box – durch eine fiebrige Infektion schienen alle Träume wie eine Seifenblase zerplatzt. Heinz Wewering behielt die Nerven: Mit seinem Ersatzpferd Volo Pride holte er sich trotzdem den Sieg.

Wie wird es diesmal den großen Favoriten in der 107. Auflage des Klassikers ergehen? Setzt man auf die Papierform, so kommen nur zwei Sulkygespanne für den Erfolg in Betracht: Der mehrfache bayrische Champion Helmut Biendl hat mit Jillis Joker einen Hengst mit außergewöhnlichem Können für das Derby parat. Dessen Bilanz: Fünf klare Erfolge bei insgesamt sieben Starts und 81.000 Euro an gewonnenen Preisgeldern. 

Noch besser sieht die Statistik seines großen Gegenspielers aus: Der Hengst Pablo As stammt aus der Zucht des zweifachen Olympiasiegers der Springreiter, Alwin Schockemöhle. Nur einen einzigen seiner sieben Starts hat Pablo As bisher knapp verloren und bei diesen Einsätzen bereits über 178.000 Euro aus den Rennen in den Stall zurückgebracht. Ein gutes Omen: Schon der Vater des braunen Vierbeiners, der ebenfalls von Alwin Schockemöhle gezüchtete Diamond Way, konnte selber das Derby gewinnen.



Im Sulky von Pablo As wird am Sonntag wie immer Thomas Panschow sitzen. Ein Sieg im höchstdotierten europäischen Rennen für dreijährige Traber scheint für Panschow regelrecht überfällig. Seit langem schon mischt der Profi ganz oben in der Rangliste der Topfahrer mit. Zwar steht der 35jährige in Bezug auf die reinen Siegzahlen noch deutlich hinter seinem Gegenspieler Helmut Biendl (51) mit 1770 : 6345 zurück. Doch gerade die großen Fische, die hoch dotierten Zucht- und Standardrennen, gehen verstärkt auf Panschows Konto. Mit dem Berliner Kurs hat der Mann im blauen Dress ohnehin die besten Erfahrungen gemacht: Sein Sieg mit dem Ausnahme-Hengst General November (1,3 Millionen Euro Gewinnsumme) in der Kilometerzeit von 1:12,1 Minuten im Matadoren-Rennen 1999 bedeuten noch heute Mariendorfer Bahnrekord.

Dass allerdings alle guten Vorzeichen im entscheidenden Moment nicht weiter helfen, hat auch Panschow schon bitter erfahren müssen: Vor dem Derby 1997 hatte der Profi mit dem Traber Dothebest alle wichtigen Tests überlegen gewonnen. Noch im Vorlauf sah Dothebest wie der sichere Sieger aus. Im Finale ging der haushohe Favorit dann sang und klanglos unter. Thomas Panschow: „Bis heute haben wir keine Erklärung dafür gefunden. Nur eins steht fest: Nach dem Derby ist Dothebest nie wieder das gleiche Pferd gewesen!“

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Financial Times Deutschland (Ausgabe vom 7.3.2002)

                                    Sehnsucht nach Seriösität 

Durch den Trainerstreik will der bundesdeutsche Trabrennsport auf seine finanzielle Krise aufmerksam machen

(H.Lingk)

Die anderen Sulkyfahrer hinter sich zu lassen, ist für den 25fachen deutschen Traberchampion Heinz Wewering eigentlich nichts Ungewöhnliches. Denn über 14.000-mal schon stürmte er vor vor seinen Gegnern als Sieger durch das Ziel. Auch zur Zeit weiß der erfolgreichste Trotterprofi der Welt alle Berufskollegen hinter sich. Mit einem feinen Unterschied: Diesmal nicht als Konkurrenten, sondern als Mitstreiter.

Seit wenigen Tagen befindet sich der 52-Jährige in einer völlig neuen Rolle: In seiner Eigenschaft als westdeutscher Trainervorsitzender ist Wewering der Organisator des größten Streiks in der Geschichte des deutschen Pferdesports. „Keiner wollte diesen Weg freiwillig gehen“, sagt er, „aber wir müssen ganz einfach die Reißleine ziehen.“

Der Hintergrund: Ausgerechnet der vermutliche Branchenprimus, die Rennpiste in Gelsenkirchen, steckt wirtschaftlich in einem völligen Desaster. Mit 10 Mio. Euro soll der Verein in der Kreide stehen. Rennpreise in Höhe von 230.000 Euro wurden an die erfolgreichen Gespanne nur noch verschleppt ausbezahlt. Der endgültige Konkurs schwebt wie ein Damoklesschwert über den Verantwortlichen.

Die Konsequenz: Seit dem 28. Februar wird die Bahn boykottiert, der Geschäftsführer Heinz Bergmann wurde noch am gleichen Tag entlassen. Damit ist ein Denkmal vom Sockel gestürzt. Denn keiner repräsentierte die verkrustetete Machtkonzentration in den Verbänden mehr als der Gelsentrab-Chef. Ein Königsmörder will Wewering dennoch nicht sein. „Wir mussten uns wehren“, sagt er, „der bundesdeutsche Trabrennsport befindet sich in der größten Krise seiner bisherigen Geschichte.“



Ein Statement, dass auch außerhalb Gelsenkirchens durch die Umsatzentwicklung aller Bahnen dramatisch untermauert wird: Blickt man zurück, so flossen bis Mitte der 90er Jahre durchschnittlich 207 Mio. Euro durch die Totokassen. In der letzten Saison waren es nur noch 146 Mio. Euro. Ein Zustand, der einige der Beteiligten ratlos werden lässt. Besonders Alwin Schockemöhle, der zweifache Olympiasieger der Springreiter, drückt es drastisch aus: „Anfangs habe ich durchaus versucht, Einfluss auf die Dinge zu nehmen. Aber es ist sinnlos. Seit 15 Jahren drehen sich die maßgeblichen Organisatoren in den Rennvereinen nur noch im Kreis.“

Der Medaillengewinner von 1960 und 1976 muss es wissen: Nach dem Ende seiner aktiven Laufbahn sind die Traberpferde seine große Leidenschaft geworden. Innerhalb kürzester Zeit avancierte Schockemöhle zum erfolgreichsten deutschen Züchter. Sein Spitzenprodukt: der Hengst Abano As, dem sämtliche Experten eine glorreiche Zukunft attestieren. Seine Rennen bestreitet der fünfjährige Hengst, der bisher 1 Mio. Euro für seinen Besitzer zusammentrabte, nicht etwa im Heimatland, sondern in Frankreich und Schweden. Das ist bezeichnend. Überhaupt genießt Alwin Schockemöhle mehr den europäischen Erfolg. Eine Führungsrolle im deutschen Verband möchte er, wie von vielen gefordert, jedenfalls nicht übernehmen. „Wenn das Telefon klingelt, dann stehe ich natürlich mit Ratschlägen zur Verfügung. Aber mehr nicht. Ich werde auch angesichts der aktuellen Krise keine offizielle Funktion antreten!“

Aus welcher Richtung kann also ein entscheidender Wechsel in der Richtung der Sportpolitik der Rennvereine und der Verbände erfolgen? Eine zweite Schlüsselfigur im hiesigen Trabersport ist der Düsseldorfer Multimillionär Michael Schröer. Jahr für Jahr pumpt der Stahlmagnat riesige Summen in sein liebstes Hobby. Mit großem Erfolg: Mit dem Hengst General November gelang dem Industriellen der größte Wurf in der bundesdeutschen Trottergeschichte. Derbysieg, Erfolge auf allen internationalen Pisten des Kontinents – wohl kaum ein Vierbeiner hat mehr Potential in den Hufen gezeigt als dieser Hengst. Das Pferd ertrabte in seiner Rennkarriere Preise in Höhe von 1,3 Mio. Euro und deckt nun Europas beste Stuten. „Es ist eine völlig absurde Entwicklung“, sagt sein Besitzer Michael Schröer. „Unsere Traber werden im weltweiten Vergleich immer besser und andererseits geht es wirtschaftlich auf den Bahnen weiter bergab.“

An den derzeitigen Funktionären lässt auch er kaum ein gutes Haar. „Es ist unglaublich, was in der letzten Dekade geschehen ist. Keinerlei Bewegung nach vorne, ganz im Gegenteil. Die Gelder, die von den Besitzern und Züchtern und natürlich auch von den Traberfans durch ihre Wetteinsätze beigesteuert wurden, sind von einer Handvoll Leuten regelrecht verbrannt worden.“ Obwohl seine Pferde aufgrund des Trainerstreiks nun weniger verdienen, hat Schröer, dem am ehesten die Rolle des Vermittlers zugetraut wird, für den Protest Verständnis: „Es ist an der Zeit, dass der Rennsport in Deutschland endlich an Seriosität gewinnt.“

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Financial Times Deutschland (Ausgabe vom 24.1.2002)

                           „Il Capitano“ auf der heiligen Rennbahn   

Der Prix d’Amerique in Paris ist das legendärste Pferderennen der Welt

(H.Lingk)

Eine Traberbahn ist nicht unbedingt ein Ort der Stille. Schon gar nicht das im Pariser Vorort Vincennes gelegene Rennoval. Dort, wo sich die eigentümliche Rezeptur aus Sand und Asche zu einem schwarzen Spezialbelag mischt, den Pferdefans und Wettliebhaber voller Ehrfurcht als Europas „heilige Piste“ bezeichnen. Etwa 40.000 von ihnen werden am Sonntag vor Ort dabei sein und ein Millionenpublikum – vor allem natürlich in Frankreich – vor den TV-Schirmen, wenn mit dem Prix d’Amerique das wichtigste Trabrennen der Welt entschieden wird.

Und doch wird es alljährlich still für einen Moment, wenn ein elegant gekleideter älterer Herr mit weißem Haar die VIP-Lounge betritt. Dann schlägt die Stimmung in der Clubetage für kurze Zeit in ein respektvolles Gemurmel um. Immer am letzten Januar-Sonntag geben sich hier Sternchen, Stars und nationale Idole wie Catherine Deneuve und Isabelle Adjani die Ehre. Die Siegerehrung des mit 800.000 Euro dotierten Rennens nimmt der Pariser Bürgermeister vor. Oder der französische Staatspräsident.

Den vornehmen älteren Herrn kennen sie alle: Jean-Rene Gougeon. Achtmal hat der mittlerweile 72-jährige das wichtigste Rennen der Welt gewonnen. Acht Siege, die sein Leben veränderten. Denn für die Fans ist er seitdem so etwas wie der Papst von Vincennes. Besonders die Dramatik um seinen legendären Hengst Ourasi bleibt ihnen unvergessen: Dreimal hatte Gougeon den unschlagbaren Rotfuchs zum Prix-d’Amerique-Triumph geführt.

Im Januar 1990 wollten beide das Rennen erneut gewinnen. Doch alles kam anders: Eine schwere Krankheit brachte den Traberprofi in akute Lebensgefahr. Sein Hengst ging trotzdem an den Start. Die Sensation geschah – als erstes und einziges Pferd gewann Ourasi das Rennen zum vierten Mal. Und im Sulky saß an diesem Tag Gougeons Bruder Michel.

Der Prix d’Amerique: Wer nach diesem mörderischen Fight über die Distanz von 2700 Metern als Erster die Ziellinie überquert, geht für immer in die Geschichte des Pferdesports ein. Wie die Schwedin Helen Johansson, die den Klassiker 1995 als einzige Frau in seiner 81-jährigen Geschichte gewann. Oder wie der Belgier Jos Verbeeck, der 1994 Sea Cove aus dem Besitz des Hamburger Kaufmanns Harald Grendel mit einem taktischen Geniestreich triumphieren ließ und so für den größten deutschen Erfolg nach einer schier endlosen Durststrecke sorgte. Einem „Hasen“ in der Leichtathletik gleich hatte er sich vor das gegnerische Feld gespannt. Legte mit Sea Cove schon auf den ersten Metern ein so mörderisches Tempo vor, wie man es nach dem Lehrbuch genau nicht machen darf. Doch Verbeeck wusste, was er tat. Er kannte sein Pferd. Er behielt Recht und gewann.

„Jeder Prix-d’Amerique-Sieger ist außergewöhnlich. Jeder dieser Traber ist eine Klasse für sich“, sagt der 25fache deutsche Champion Heinz Wewering, der zu Beginn seiner Karriere beim legendären Jean-Rene Gougeon in die Lehre ging. In der Tat scheinen diese Worte besonders auf den diesjährigen Favoriten zuzutreffen. Mit seinem Fahrer Giampaolo Minnucci geht der Hengst Varenne als Titelverteidiger an den Start. Einige tausend mitgereiste Tifosi werden ihrem „Il Capitano“ zujubeln. Gegen 17 vierbeinige Konkurrenten, die zusammen rund 15 Mio. Euro an Rennprämien heraus gelaufen haben. Doch im direkten Vergleich gegen das schnellste Pferd der Welt wird es für sie schwer.



Erst in der vergangenen Woche wurde der siebenjährige Italo-Hengst von den Amerikanern zum Traber des Jahres gewählt. Ein Pferd mit einer eigens geschaffenen Homepage und einer imponierenden Bilanz: 49 von 59 Starts konnte Varenne gewinnen und war weitere achtmal platziert. 4,3 Mio. Euro brachte er seinen Besitzern ein.

Trainiert wird der Wunderhengst von dem Finnen Jori Turja. Seit Monaten lässt der 42-Jährige seinen vierbeinigen Schützling nicht für einen Moment aus den Augen. Die Generalprobe für den Prix d’Amerique fand vor 14 Tagen in Mailand statt. Auf der Bahn in San Siro, unmittelbar neben dem legendären Fußball-Stadion gelegen, fertigte „Il Capitano“ seine Verfolger mit acht Längen Vorsprung ab. „Ich glaube, er wird mit jedem Tag noch besser“, sagt Jori Turja. Die Konkurrenz wird das nicht gerne hören.

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Financial Times Deutschland (Ausgabe vom 3.1.2002)

                           Abonnent aus einer anderen Liga 

Heinz Wewering gewinnt sein 25. Championat und ist der erfolgreichste Trabrennfahrer aller Zeiten


(H.Lingk)

Bescheidenheit ist eine jener Tugenden, über die nicht jeder hoch bezahlte Sportler oder Athlet verfügt. Und so verblüffen die Worte des zweifachen Welt- und vierfachen Europameisters der Trabrennfahrer Heinz Wewering: „Meine ganze Bewunderung und mein Respekt gehört den Pferden. Die Trotter sind für mich Partner und keine Sportgeräte. Denn die Pferde sind es, die in den Rennen die wirklichen Leistungen vollbringen!“

Dabei braucht sich der Mann mit seinen eigenen Leistungen nicht zu verstecken: Wie ein Märchen liest sich die Karriere des mittlerweile 51-Jährigen, der den deutschen und weltweiten Trabrennsport seit Jahrzehnten beherrscht. 40.775-mal stieg der gebürtige Westfale, der sein Trainingszentrum mit 240 Boxen in Castrop-Rauxel unterhält, bisher in das zweirädrige Leichtmetallgefährt. 14.331 Siege sprangen dabei für ihn heraus. 82,5 Mio. DM an Preisgeldern brachte der Profi mit seinen edlen Vierbeinern von den harten Sandpisten zurück in den heimatlichen Stall.

Mit dieser Bilanz ist Wewering der erfolgreichste Trabrennfahrer aller Zeiten. Zwar hat der nicht mehr aktive Herve Filion mit 14.783 Siegen eine noch höhere Marke erreicht. Diese Erfolge gelangen dem Kanadier allerdings hauptsächlich in sogenannten Pacer-Rennen, einer dem Traben lediglich ähnlichen sportlichen Disziplin, die nur in den USA, Kanada und Australien populär ist.

Seinen deutschen Gegnern lässt Heinz Wewering mit seinem Goldhelm schon seit einem Vierteljahrhundert nichts mehr vom Prämienteller übrig. Siebenmal schon hat er das Millionending Traberderby gewonnen. Auch das letzte Rennen um das „Blaue Band“ ging an ihn. Er war mit seinem derzeitigen Crack, dem Hengst Oscar Schindler Sl, auf der Nobelpiste im Berliner Stadtteil Mariendorf erfolgreich.



Die Tatsache, mit der abgelaufenen Saison 2001 nunmehr seit 25 Jahren in ununterbrochener Reihenfolge an der Spitze der bundesweiten Traberszene zu stehen, lässt auch einen Heinz Wewering nicht kalt: „Als alles für mich anfing, da waren Könner wie Hänschen Frömming und der Franzose Jean-Rene Gougeon, der mit dem Prix d’Amerique gleich mehrfach das wichtigste Rennen der Welt gewann, meine absoluten Idole“, erzählt er. „Sie sind es auch heute noch. Aber ich bin schon damals als junger Mann mit dem Traum angetreten, alles zu tun, um irgendwann einmal den gleichen Erfolg zu haben. Dazu gehört vor allem Disziplin in der alltäglichen Arbeit. Denn die Rennen werden in Wahrheit im Training und in der perfekten Vorbereitung gewonnen.“

14 Jahre war Wewering erst alt, als er noch während seiner sportlichen Ausbildung mit dem Wallach Morgan vom Veiinghof das erste Rennen gewann. Die Jubelstimmung und die Freude, vor allen Konkurrenten als Sieger über die Ziellinie gestürmt zu sein, haben sich seitdem in den 37 Jahren seiner Karriere kaum verändert: „Sicher gibt es bestimmte Erfolge, die man ganz besonders gerne in Erinnerung behält. Aber wenn der Tag kommt, wo ich mich nicht mehr von ganzem Herzen freuen kann, dann würde das sofort der Schlusspunkt für mich sein. Dann würde ich den Sulky umgehend in die Ecke stellen!“ Dieser Tag liegt wohl allerdings in weiter Ferne. „Wenn gesundheitlich alles glatt geht, dann will ich auch die Zahl 20.000 voll machen“, sagt er.

Die bundesdeutsche Konkurrenz hat vor diesem Erfolg längst kapituliert. Auch ein zweiter Platz hinter dem allmächtigen Wewering und seinen 497 Jahressiegen wird gefeiert wie ein triumphaler Erfolg. Mit 245 Treffern ging der Ehrenplatz diesmal an den Hamburger Heiner Christiansen. Die Aussicht, die Rennsaison 2002 nun zur symbolischen Belohnung mit einem silberfarbenen Sturzhelm zu bestreiten, stimmt ihn überglücklich: „Ich bin total stolz auf dieses Ergebnis.“ Und auch der drittplatzierte Michael Hönemann (Berlin / 193 Siege) ist zufrieden: „Mit einem Heinz Wewering können wir uns sowieso nicht vergleichen. Der spielt doch in einer völlig anderen Liga mit.“

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Financial Times Deutschland (Ausgabe vom 19.11.2001)

              Folgenschwerer Ausrutscher vor dem Großen Preis 

       Trabrennen: Nach dem Ausfall von Abano As siegt Freiherr As

(H.Lingk)

Edle Rennpferde und dramatische Kämpfe bis zur Ziellinie. Das ist es, was den Großen Preis von Deutschland ausmacht. Dazu die schmackhafte Dotation, die über dem wichtigsten Leistungsvergleich für vierjährige Traber steht: Genau 583.540 DM wurden gestern an die bestplatzierten Besitzer und Fahrer ausgeschüttet. Und natürlich spielt auf der harten Sandpiste in Gelsenkirchen auch die sportliche Ehre eine große Rolle: Der Große Preis von Deutschland hat sich seit seiner Erstaustragung 1993 in kürzester Zeit zum Klassiker der hiesigen Traberszene entwickelt.

Gestern geriet besonders ein Gespann unter Erfolgsdruck: Freiherr As mit Ulrich Schnieder aus Kevelaer im Sulky. Zwar hatte sich der von Alwin Schockemöhle gezüchtete Fuchshengst kontinuierlich zum Spitzenpferd entwickelt. Mit der bundesdeutschen Fahrerentdeckung der Saison 2001, Ulrich Schnieder, der den Großen Preis mit dem Außenseiter Park Joe sensationell im Vorjahr gewonnen hatte, stimmte zudem die Bilanz. Knapp 900.000 DM Preisgeld und zwölf Siege bei 29 Starts sprachen für die klare Nummer zwei im deutschen Trabersport. Und dennoch schien der vierbeinige Kronprinz nicht unverwundbar. Hatte das Gespann ausgerechnet sein letztes Engagement in Bologna kräftig in den Sand gesetzt. Gestern aber hat es geklappt.



Die eigentliche Entscheidung über Sieg und Niederlage war in diesem Jahr allerdings schon fünf Tage vor dem Startschuss gefallen. Da kam eine Hiobsbotschaft aus Upplands Vasby, einem Vorort von Stockholm. Eine Nachricht, die den Veranstalter im Gelsentrab-Park wie ein Hammerschlag traf: Ausgerechnet der klare Favorit des Rennens hatte sich verletzt. Auf dem Rückweg von der Koppel war Abano As, Star am Horizont des deutschen Traberhimmels, ausgerutscht.

Auf Bahnen in ganz Europa hatte der Hengst – Preisgeld bisher: 1,9 Mio. DM – aus dem Stall von Alwin Schockemöhle bisher jeden Fehltritt vermieden. War von Siegen wie im Deutschen Derby bis hin zu Erfolgen wie im Mailänder Gran Premio Orsi Mangelli geeilt. Keine sechs Wochen ist es her, da gingen alleine mit dem Grand Prix l’U.E.T. im französischen Caen weitere 0,5 Mio. DM Preisgeld an sein Team. Doch ausgerechnet an der Hand seiner Pflegerin geriet Abano As nun ins Stolpern und verletzte sich am Rücken.

Ein Ausrutscher, der sogar den im Umgang mit Pferden sehr gelassenen Olympiasieger Schockemöhle mehr als erboste. Zweimal, 1960 mit der Mannschaft in Rom und 1976 im Einzel in Montreal, hatte sich der Springreiter Goldmedaillen bei den Spielen geholt und dabei mit den Vierbeinern sämtliche Höhen und Tiefen erlebt: „Aber so etwas wie mit Abano As darf einfach nicht passieren. Schon gar nicht einem Spitzentrainer wie Stig H. Johansson, der zu den besten Sulkyfahrern aller Zeiten zählt“, sagt Schockemöhle. „Natürlich kann man ein Pferd nicht in Watte packen und gegen alle Unfälle schützen. Aber zumindest 14 Tage vor dem Start muss jedes Risiko vermieden werden. Abano As auf eine angefrorene Koppel zu lassen war eine grobe Dämlichkeit! Den Sieg in Gelsenkirchen hätte ihm wohl niemand genommen!“

Frei von Kuriositäten war auch der gestrige Große Preis nicht. Die zweitplatzierte Ocarine Boshoeve, Stutenderby-Siegerin 2000, war im Verlauf des Rennens mit ihrem niederländischen Fahrer Jos Oorthuysen ebenso von der Strecke abgekommen wie Othello Vivant mit Fred König aus Hamburg auf Platz drei. Doch die Rennleitung beließ es bei der Wertung.

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